28. September 2023
«JASPER JOHNS – DER KÜNSTLER ALS SAMMLER. VON CÉZANNE BIS DE KOONING»
Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Neubau, vom 30. September 2023 bis am 4. Februar 2024

Bild: «Jasper Johns – Der Künstler als Sammler», Ausstellungsansicht, 28.09.2023, Kunstmuseum Basel | Neubau – Photo Credit: Julian Salinas
Jasper Johns (*1930) gehört zu den bedeutendsten US-amerikanischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. In den 1950er-Jahren revolutionierte er die Malerei mit seinen Bildern der amerikanischen Flagge und von Zielscheiben. Seine Werke wurden zu Vorläufern der Pop-Art. Weit weniger bekannt ist Johns’ Tätigkeit als Sammler, vor allem von Zeichnungen. Das Kunstmuseum Basel gewährt nun erstmals und exklusiv einen tiefen Einblick in diese einzigartige Künstlersammlung.

Bild: Hand, ein Gewand haltend (Studie zur «Anbetung der heiligen drei Könige», Bologna, Palazzo Arcivescovile) sowie drei weitere Hand- und Armstudien, Bartolomeo Passarotti, ca. 1555 – 1560, Feder in Braun über Spuren von schwarzer Kreide auf Papier, Blatt: 26 x 21.3 cm, Objekt-ID: 61843 – Creditline: Collection of Jasper Johns
Die Sammlung von Jasper Johns veranschaulicht seine Leidenschaft für das Medium der Zeichnung in all seinen Facetten. Mit der Neugier des Künstlers und dem Gespür eines Connaisseurs hat Johns über Jahrzehnte herausragende und besondere Zeichnungen erworben. In seiner Sammlung findet das anonyme Selbstporträt eines Jungen, entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA, einen überraschenden Nachbarn in einem Selbstbildnis von Paul Cézanne, einem der einflussreichsten französischen Künstler des späten 19. Jahrhunderts. Handstudien von Käthe Kollwitz finden ein Echo über mehrere Epochen in Zeichnungen von Johann Heinrich Füssli und Bartolomeo Passarotti und in einem Handabdruck von Marcel Duchamp.
Die Sammlung ist Ausdruck von Jasper Johns’ Blick auf die Kunstgeschichte und von seinem ganz eigenen Gespür für künstlerische Verwandtschaften über die Jahrhunderte hinweg. Schwerpunkte bilden dabei französische Zeichnungen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie US-amerikanische Positionen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Paul Cézanne, Pablo Picasso und Willem de Kooning stehen stellvertretend für Künstler, von denen Johns besonders umfangreiche Konvolute zusammentragen konnte.
Zugleich ist Johns’ Sammlung das Porträt des sozialen Gefüges eines langen Künstlerlebens: Der grösste Teil der Werke kam durch Geschenke und den Tausch mit befreundeten KünstlerInnen in seinen Besitz. Dies sind vorab Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham, aber auch KünstlerInnen einer älteren Generation wie Louise Nevelson, Barnett Newman und Franz Kline.
Hinter vielen Werken stecken Geschichten von persönlichen Begegnungen, Allianzen, Wertschätzung und familiären Momenten wie Geburtstage oder Weihnachten. Das bezeugen die auf zahlreichen Blättern vorhandenen Widmungen.
Der menschliche Körper im Fokus
Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Neubau zeigt eine fokussierte Auswahl von 103 Zeichnungen von 47 KünstlerInnen aus der Sammlung von Jasper Johns. Als Ausgangspunkt dient das Thema des menschlichen Körpers, dem sich ein Grossteil der Werke widmet, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Porträts. Bei vielen Leihgaben liegt die Aufmerksamkeit zudem auf dem künstlerischen Arbeitsprozess. Insgesamt versammelt die Ausstellung eine grosse Vielfalt an zeichnerischen Ausdrucksmöglichkeiten vom 16. bis 21. Jahrhundert. Dazu gehören Collagen, Skizzen, beiläufig wirkende Kritzeleien, ausgereifte Studien und malerische Kompositionen, aber auch Musiknotationen.
Dass diese Ausstellung in Basel stattfindet, ist der langen und engen Beziehung des Künstlers zum Kunstmuseum Basel zu verdanken. Seit 1968 haben Kuratoren wie Carlo Huber, die Direktoren Franz Meyer und Christian Geelhaar sowie Dieter Koepplin als Leiter des Kupferstichkabinetts intensiv mit Johns zusammengearbeitet und eine eindrückliche Sammlung seines Werkes aufgebaut. Auch den heutigen Direktor Josef Helfenstein verbindet seit seiner Tätigkeit in den USA eine langjährige Freundschaft mit dem Künstler.
Johns wiederum hat diese Beziehung mit vertrauensvollen Kollaborationen und äusserst grosszügigen Geschenken vertieft – besonders um die enge Freundschaft zu Huber und Geelhaar zu ehren, die beide viel zu jung verstarben. Auch die aktuelle Ausstellung ist ein grosses Privileg, das das Kunstmuseum Basel einzig Jasper Johns verdankt.
Anlässlich der Ausstellung wird im Neubau auch ein ganzer Raum den Werken von Jasper Johns aus der Sammlung des Kunstmuseums Basel gewidmet. Den wichtigsten Gemälden wie Flag above White with Collage (1955) werden Druckgrafiken aus dem umfangreichen Bestand von 224 Arbeiten auf Papier aus dem Kupferstichkabinett zur Seite gestellt.

Bild: «Baigneur descendant dans l’eau», Zusatztitel: Verso: «Baigneur debout», Paul Cézanne, ca. 1885, Bleistift und Aquarell auf Velin-Papier; Verso: Bleistift, Blatt: 21.6 x 12.7 cm, Objekt-ID: 60872 – Creditline: Collection of Jasper Johns
Biografische Angaben
Jasper Johns (*1930 in Augusta, Georgia, USA) ist eine Schlüsselfigur der modernen US-amerikanischen Kunst. Im Umfeld gleichgesinnter Künstler wie dem Maler Robert Rauschenberg, dem Musiker und Komponisten John Cage und dem Choreografen Merce Cunningham dehnte er seit den 1950er-Jahren die Grenzen der Malerei auf bis dahin ungekannte Weise. So wählte er alltägliche Motive wie die Flagge der USA. Gemalt auf Leinwand ist sie zunächst ein Bild, funktioniert aber zugleich als Flagge. Ähnliches gelingt ihm mit Gemälden von Zielscheiben, Zahlen, Buchstaben und Landkarten sowie Skulpturen von Bierdosen. 1958 wurde Johns schlagartig berühmt, und erste Werke gelangten in die Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Seinen internationalen Ruhm begründeten 1964 Ausstellungen auf der Biennale in Venedig und bei der Documenta III in Kassel.
Das Interesse am Malprozess, z.B. die Verwendung von schnelltrocknender Enkaustik oder von Stoff- und Papierfragmenten, ist ein zentraler Aspekt seiner Kunst. Anfang der 1960er-Jahre begann er ausserdem intensiv druckgrafisch zu arbeiten. Seine Experimentierfreude ist gepaart mit einem starken Bezug zur europäischen Kunstgeschichte, etwa mit Referenzen auf Paul Cézanne, den Isenheimer Altar in Colmar oder Hans Holbein.
Heute lebt und arbeitet Jasper Johns in Sharon, Connecticut.
Publikation
Zur Ausstellung erscheint eine reich bebilderte Publikation im Hirmer Verlag mit Beiträgen von Anita Haldemann, Josef Helfenstein und Fabienne Ruppen.
Kuratorin: Anita Haldemann
kmb
Kontakt:
https://kunstmuseumbasel.ch/de/ausstellungen/2023/jasper-johns
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Bild: «Jasper & Leo», Ellsworth Kelly 1988, Feder in Schwarz auf kariertem Papier, Blatt: 21.6 x 29.8 cm, Objekt-ID: 60995 – Copyright: © Ellsworth Kelly Foundation – Creditline: Collection of Jasper Johns
Kommentare von Daniel Leutenegger