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10. Dezember 2024

«WALTER GRAB. EIN KIND DER NACHT»

Ausstellung im Kunstmuseum Olten, bis am 2. Februar 2025

Walter Grab: Das Denkmal, 1962. Öl auf Leinwand, 38 x 30.5 cm. WVZ-Nr. W-0207, Privatbesitz © André Grab

Bild: Walter Grab: Das Denkmal, 1962. Öl auf Leinwand, 38 x 30.5 cm. WVZ-Nr. W-0207, Privatbesitz © André Grab

Die Wiederentdeckung eines Schweizer Surrealisten

2024 feiert das erste Manifest des Surrealismus seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass lädt das Kunstmuseum Olten zu einer Wiederentdeckung ein: Mit Walter Grab (1927–1989) holt es einen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Schweizer Nachkriegssurrealisten ans Licht. Die erste grosse monographische Museumsausstellung ermöglicht eine umfassende Begegnung mit seinem faszinierenden, vielgestaltigen Schaffen, das neben Malerei und Zeichnungen auch Assemblagen, Collagen, Textbilder und Gedichte umfasst. Der Einbezug von sechs zeitgenössischen Positionen vermittelt die bis heute ungebrochene Kraft des Surrealismus als künstlerische Haltung.

Von eigenen Beständen ausgehend profitiert das Museum von der Forschungsarbeit für das 2022 in der Edition Patrick Frey erschienene Werkverzeichnis zu Walter Grab. Wie dieses ist auch die Ausstellung ein Gemeinschaftswerk. Sie wurde in Zusammenarbeit mit der Gastkuratorin Julia Schallberger entwickelt und von der Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt, dem Verleger und Kabarettisten Patrick Frey, dem Schriftsteller und Sohn des Künstlers, André Grab, sowie dem Psychoanalytiker und Sammler Christoph Kappeler begleitet.

Bild: Walter Grab: Nachtwundertier, 1964. Öl auf Leinwand, 40 x 26 cm. Privatbesitz © André Grab

Bild: Walter Grab: Nachtwundertier, 1964. Öl auf Leinwand, 40 x 26 cm. Privatbesitz © André Grab

«Surrealist wird man nicht, Surrealist ist man
und entdeckt dies eines Tages.»

(Walter Grab, 1977)

«Ich bin ein Kind der Nacht, umgeben von Weichheit und schüchterner,
oft aber auch drohender, unsicherer und stumpfer Leere.
Donner und Blitz haben an meiner Wiege Paten gestanden,
und man sagt der Tag habe mich gezeugt.»

(Walter Grab, 1952)

Der Passus «Ein Kind der Nacht» im Ausstellungstitel entstammt einem Gedicht von Walter Grab, das er am Anfang seiner surrealistischen Bildfindungsreise 1952 schrieb. Die Zeilen klingen wie ein Echo aus Grabs Bildwelten, die zwischen Licht und Schatten, Ordnung und Chaos, Sanftheit und Härte changieren; aber auch aus seiner Lebenswelt, die von Höhen und Tiefen durchwirkt war.

Die Ausstellung als Spaziergang

Bezugnehmend auf die Stimmungslagen in Walter Grabs Werken lädt die Ausstellung zu einem traumwandlerischen, kontrastreichen Spaziergang ein, der sowohl durch luftig gehängte Räume mit meisterhafter Malerei führt, aber auch in wunderkammergleiche Verdichtungen aus (Auf-)Zeichnungen, Collagen, Texten und Assemblagen eintauchen lässt. Über 200 Werke leuchten den Grab’schen Kosmos in seiner ganzen Fülle aus. Eine dokumentarische Insel mit Texten, Fotografien und Skizzenbüchern sowie ein Spielfilm von Jakob Tuggener (1957) geben Einblick in das Leben von Walter Grab und verorten sein Schaffen im Kanon der Kunstszene seiner Zeit. So machen spezifisch ausgewählte Exponate von Wegbegleiter:innen und Vorbildern wie Ernst Maass oder Meret Oppenheim kunsthistorische Bezüge und Verwandtschaften sichtbar. Zeitgenössische Werke von Jonas Baumann, Daniel Bracher, Félicia Eisenring, Olivia Etter, Francisco Sierra und Lex Vögtli öffnen die Tür in die Gegenwart und vermitteln am Ausstellungsende die bis heute ungebrochene Kraft des Surrealismus als künstlerische Haltung.

Leben und Werk von Walter Grab

Walter Grab entwickelte in der Auseinandersetzung mit historischen und zeitgenössischen Strömungen eine ganz eigene, unverwechselbare Bildsprache: es verschränken sich darin konstruktiv-geometrische Elemente mit figurativ-narrativen Motiven zu bühnenhaften Raumszenerien.

Zugang zum Surrealismus erhielt der in Affoltern am Albis (ZH) 1927 geborene Künstler auf Reisen nach Paris um 1948/50, wo er sich von den Bildwelten eines Giorgio de Chirico, Salvador Dalí, André Masson oder René Magritte inspirieren liess. Nach der Niederlassung in Zürich fand seine Faszination für die Fantastik, für das Traum- und Triebhafte und für einen Lebensentwurf im Widerspruch zum Mainstream Widerhall und Bestärkung im Kontakt zur Künstlerkolonie an der Zürcher Südstrasse. Die Freundschaft mit der Künstlerin Eva Wipf inspiriert ihn zu ersten Assemblagen. Um 1955 näherte sich Grab zeitweilig den Zürcher Konkreten an. Ein Karrierehoch war 1965 die Einladung an die 8. Biennale in São Paolo, gemeinsam mit Meret Oppenheim. 1967/68 folgte eine kurze politische Phase, in der er Collagen mit anarchistischen Motiven schuf.

In der Öffentlichkeit galt Grab als melancholischer Einzelgänger, Choleriker und Suchtmensch. Während die Kunst vielen Künstler:innen als Ort des Ausbrechens dient, verhielt es sich bei Walter Grab gerade umgekehrt: Die Kunst war das, was ihm Halt und Ordnung versprach. Während sein Leben immer wieder in Schieflage geriet, war er in seiner künstlerischen Tätigkeit äusserst exakt, ausdauernd und diszipliniert. So schuf er in nahezu manischer Schaffenskraft über 1’300 Gemälde, Papierarbeiten und Assemblagen. Arbeitete er zunächst meist morgens, um abends zum Trinken überzugehen, wählte er später die Nacht als Schaffenszeit.

Ein Kind der Nacht

Die Schwelle zwischen Tag und Nacht prägt als Stimmungsteppich zahlreiche seiner Werke. In Grabs Gemälden, Zeichnungen und Collagen wird diese Übergangszeit zur Begegnungszone der Gegensätze: das leichte Spiel wird von düsteren Albträumen abgelöst, auf Tod folgt Geburt, Gestirne kreuzen sich, Türen öffnen sich, Ausblicke bleiben verwehrt, Bühnen schweben, geometrische Systeme machen dingfest. So kristallisieren sich Motive und Themen heraus, die sich wie ein Bündel roter Fäden durch das ganze Schaffen ziehen. Durch ihre letzte Zutat – die poetisch gewählten Titel – wird der Assoziationsreichtum der Bilder noch verstärkt. Man kommt ins Rätseln, ohne letztlich zu einer endgültigen Deutung vorzudringen. Und so blitzt zwischen der melancholischen Mystik immer wieder ein feingeistiger Wortwitz und schwarzer Humor auf – vor allem in den typografischen Arbeiten und Assemblagen.

Walter Grab: La Famille, 1953. Öl auf Holz, 57 x 55 cm. WVZ W-0094, Privatbesitz © André Grab

Bild: Walter Grab: La Famille, 1953. Öl auf Holz, 57 x 55 cm. WVZ W-0094, Privatbesitz © André Grab

Zeitlosikeit und Gegenwart

Am Ende des Ausstellungsparcours beruhigt sich die Spannung der Gegensätze: Im Spätwerk dominieren helle Blautöne, namenlose Denkmäler schweben am Himmel, antik anmutende Figuren und Büsten blicken ins Leere, Türen und Fenster öffnen sich jetzt nach aussen. Die Schwere der 1950er- und 1960er-Jahre scheint sich verzogen zu haben, während bekannte Motive sich wie eingeübte Vokabeln zu einer surrealen Algebra addieren. Was kommt danach? Alles scheint offen. Doch dann erliegt Walter Grab 1989 einer schweren Krebserkrankung.

Auf dem Zeitstrang weiterdenkend wirft die Ausstellung auch einen Blick ins Heute. So wie Walter Grabs «Surrealismus» exemplarisch die Auffassungen, Interpretationen und Weiterführungen surrealistischer Ideen einer zweiten Generation von Surrealist:innen spiegelt, so lebt der Surrealismus als Strömung und Haltung ohne starre Stilistik bis heute weiter. Sichtbar gemacht wird diese in der Ausstellung vertretene These, indem Walter Grabs Werk ausgewählten Arbeiten von sechs Schweizer Künstler:innen der Gegenwart begegnet: Jonas Baumann, Daniel Bracher, Félicia Eisenring, Olivia Etter, Francisco Sierra und Lex Vögtli. Als Zeitgenoss:innen betreten die Besuchenden gar selbst die Bühne, um über das Gezeigte zu sinnieren, bevor der Rückweg in umgekehrter Reihenfolge angetreten wird.

Ein Gemeinschaftsprojekt

Überzeugt von der Qualität des Œuvres von Walter Grab freut sich das Kunstmuseum Olten, diesen Schweizer Künstler einer grösseren Öffentlichkeit vorzustellen, respektive wieder in Erinnerung zu rufen. Möglich wird dies dank der Zusammenarbeit mit der Herausgeberschaft des 2022 in der Edition von Patrick Frey erschienen Werkverzeichnisses sowie dank der Bereitschaft zahlreicher Institutionen und Sammler:innen, ihre Werke zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt ist auch das Kunstmuseum Olten im Besitz wichtiger Gemälde des Künstlers, die 2010 als Schenkung des Zürcher Sammlerpaars André Boss und Irma Pastori in die Sammlung eingingen. Zu sehen waren diese Werke sowohl in mehreren Oltner Sammlungsausstellungen der letzten Jahre als auch in der von Julia Schallberger, der Co-Kuratorin der Ausstellung, mitverantworteten Überblicksschau zum Schweizer Surrealismus im Aargauer Kunsthaus Aarau 2018/19, die ihrerseits die Entstehung des Werkverzeichnisses inspirierte.

kmo

Kontakt:

https://kunstmuseumolten.ch/programm/ausstellungen/walter-grab

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Walter Grab: Situation, 1988. Öl auf Pavatex, 27 x 35 cm. Kunstmuseum Olten, Inv. 2010.42

Bild: Walter Grab: Situation, 1988. Öl auf Pavatex, 27 x 35 cm. Kunstmuseum Olten, Inv. 2010.42

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 10. Dezember 2024
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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