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"FRIEDRICH DÜRRENMATT. LE JEU - DAS SPIEL"

"FRIEDRICH DÜRRENMATT. LE JEU - DAS SPIEL"

04.10.2022 Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN), vom 8. Oktober 2022 bis am 12. Februar 2023


Bild oben: Friedrich Dürrenmatt, Die Welt der Atlasse, 1975-78, Gouache auf Papier, 71 × 200 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft (zur Vergrösserung anklicken)

Das Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN) präsentiert eine Ausstellung über das Spiel im Werk von Friedrich Dürrenmatt, ein zentrales Thema für den Schriftsteller und Maler, der erklärte: "Meine Freiheit als Künstler besteht darin, dass ich mit dieser Welt spielen kann." Seine visuellen und literarischen Werke treten in Resonanz mit denen anderer Kunstschaffender: Valérie Favre, Jacques Chessex, Guy Debord, Hannes Binder und Benjamin Gottwald.

Als leidenschaftlicher Schachspieler liess Dürrenmatt sowohl Logik als auch Zufall in seine Romane einfliessen. In seinen Essays und Stücken nutzte er das Spiel als Metapher für die Welt. Wer gibt die Regeln im Spiel der Menschheit? Und welchen Handlungsspielraum haben wir als Individuen? In seinen Zeichnungen spielt er mit seiner Identität oder entwirft Endspiele. Das Spiel ermöglicht Distanz, um die Welt zu betrachten, um sie zu de- und zu rekonstruieren.

Um die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, werden auch Werke anderer Kunstschaffender gezeigt. Die Gemälde und eine neue Installation der Neuenburger Künstlerin Valérie Favre (*1959), die Minotaurus-Zeichnungen des Schweizer Schriftstellers, Dichters und Malers Jacques Chessex (1934–2009), das Kriegsspiel des französischen Denkers und Revolutionärs Guy Debord (1931–1994) sowie die grafischen Adaptionen des Zürcher Illustrators Hannes Binder (*1947) und des deutschen Comiczeichners Benjamin Gottwald (*1987) knüpfen Verbindungen zum Universum Dürrenmatts.

Folgen wir diesem Spiel der Wendungen, werden wir uns fragen, ob unsere Zukunft vom Schicksal oder von einem Würfelwurf bestimmt wird.

Im Rahmen der Ausstellung finden mehrere Veranstaltungen statt, darunter ein musikalisches Theaterstück zum Text "Minotaurus" und ein Salon Dürrenmatt, der dem Dialog zwischen Bild und Text gewidmet ist; Anlass ist das Erscheinen der Publikation "Wege und Umwege mit Friedrich Dürrenmatt. Das bildnerische und literarische Werk im Dialog", die vom CDN in Zusammenarbeit mit den Verlagen Steidl und Diogenes herausgegeben wird.

Die Ausstellung wird zudem von einer Publikation begleitet. Das Cahier des CDN N° 31 legt einen Fokus auf ein bedeutendes Gemälde, das Dürrenmatt am Herzen lag: "Die Welt der Atlasse".

Seit 2021 produziert das CDN auch "Friedrich Dürrenmatt. Der Podcast"; dieser wirft einen aktuellen Blick auf Dürrenmatts bildnerisches Werk in Form von Kurzgeschichten. Neue Staffeln werden regelmässig veröffentlicht und sind kostenlos auf den Podcast-Plattformen verfügbar.

Friedrich Dürrenmatt, Turmbau, ohne Datum, Tusche auf Papier, 41,5 × 29,2 cm, Privatsammlung © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Turmbau, ohne Datum, Tusche auf Papier, 41,5 × 29,2 cm, Privatsammlung © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

ZUR AUSSTELLUNG

Die Erzählung als Spiel

Logik und Strategie sind Schlüsselelemente des Schachspiels. Diese Grundsätze verwendete Friedrich Dürrenmatt auch als Basis für die Handlungen seiner Kriminalromane. Jene von "Der Richter und sein Henker" folgt Zug um Zug einer durchdachten Strategie, ohne dass es die Lesenden merken. Beim endgültigen Schachmatt erklärt Kommissar Bärlach, der alles inszeniert hat: "Ich habe mit dir gespielt!"

Während der Ablauf dieser Erzählung vorgezeichnet zu sein scheint, ist in Dürrenmatts Fortsetzungsromanen auch der Zufall mit von der Partie. In "Das Versprechen" erfindet Dürrenmatt eine Figur, die den logischen Aufbau von Kriminalromanen explizit kritisiert und behauptet, dass die Realität unvorhersehbar sei. Die sich daraus entwickelnde Geschichte veranschaulicht dann diese Behauptung.

In "Der Verdacht" sorgt ein Zufall für das Endspiel, lässt aber zugleich einen anderen Ausgang offen. Dürrenmatts ganzes Universum ist von dieser Dualität geprägt: Selbst wenn die Figuren nach den Regeln spielen, sind sie stets dem Zufall ausgeliefert, der das Unvorhersehbare mit ins Spiel bringt. Diese Prämisse findet sich auch in zahlreichen Verfilmungen seiner Kriminalromane wieder.

Die Spielregeln

Das Schachbrett repräsentiert das Spielfeld unserer Realität. Friedrich Dürrenmatt griff immer wieder auf das Spiel als Metapher für die Welt zurück, insbesondere in Texten und Reden, in denen er Stellung bezog und die grossen Fragen seiner Zeit hinsichtlich Gerechtigkeit und Recht ansprach.

Wer definiert die Regeln unserer Existenz? Sind wir bloss Spielfiguren, und falls nicht, wie gross ist unser eigener Handlungsspielraum?

Der Schriftsteller und Maler ging diesen Fragen unter anderem in der Erzählung "Der Schachspieler" nach. Auch in seiner Rede zu Ehren Einsteins organisierte Dürrenmatt seine Gedanken rund um das Schachspiel und um die Beziehungen zwischen Spielenden, Figuren und Schachbrett. In einer weiteren Rede, "Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht", erfand er das sogenannte "Wolfsspiel" und "Gute-Hirte-Spiel", um so zwei staatliche Führungssysteme zu veranschaulichen. Diese Metaphern waren für Dürrenmatt eine wirkungsvolle Möglichkeit, seine Überlegungen zu vermitteln. Oder wie er selbst sagte: "Der Mensch kann vielleicht spielerisch mehr überzeugt werden als durch direkte Philosophie, weil er kindlicher ist, als man glaubt."

Die Metapher des Spiels für die Welt findet sich auch in Dürrenmatts malerischem Werk, zum Beispiel in einem Detail der Zeichnung "Die Welt als Theater", in dem ein König neben einem Tisch mit Schachbrettmotiv zu sehen ist. Das in der Mitte steckende Messer sagt viel über die Spielregeln aus, die sich das Königtum zu eigen gemacht hat.

Die Welt nachspielen

Nicht selten spielen die Figuren in Friedrich Dürrenmatts Stücken selbst Rollen. In "Die Panne" geht es um ein Abendessen, bei dem die Anwesenden Gericht spielen und ein Gast die Rolle des Angeklagten übernimmt. Im berühmten Stück "Die Physiker" täuschen drei Internierte vor, verrückt zu sein, indem sie sich als führende Wissenschaftler ausgeben. In "Achterloo III. Ein Rollenspiel" schliesslich wird die Identitätsfrage noch komplexer, da jede Figur drei Rollen spielt.

In diesen drei Stücken versuchen die Figuren, ihre Rollen aufrechtzuerhalten und tun so, als würde die Welt schlüssigen Regeln gehorchen, während sie in Wirklichkeit aus den Fugen gerät. Die Figuren sehen sich ständig mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens konfrontiert und versuchen mehr schlecht als recht, ebendiesen Sinn in der Erfüllung ihrer Rollen zu finden. Eine Rolle zu spielen ist eine Strategie, um den Wahnsinn dieser Welt zu überleben.

Dürrenmatt hat für "Die Panne" und für das Stück "Achterloo III. Ein Rollenspiel" zahlreiche Porträts der verschiedenen Charaktere angefertigt, die mit ihren jeweiligen Attributen abgebildet sind.

Das Spiel mit der Selbstdarstellung

Nicht nur Dürrenmatts Figuren setzen sich in Szene und spielen Rollen, die mit der Realität verschmelzen – er selbst stellt sich manchmal als mythologische Figur oder als Tier dar, um mit seiner Identität zu spielen.

So griff Dürrenmatt den Mythos des Minotaurus auf und aktualisierte diesen, indem er sich in die Lage des Stiermenschen versetzte. "Minotaurus: Eine Ballade" besteht aus einem Prosagedicht und einer Reihe von neun Zeichnungen. Sie stellen das Mischwesen dar, das hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe, die durch das Bedürfnis nach dem Anderen zum Ausdruck kommt, und dem Tod, der durch die Unerreichbarkeit des Anderen versinnbildlicht wird. Dürrenmatt erkannte sich selbst in diesem tragischen Schicksal wieder: "Also ich [emp]fand das Labyrinth immer als ein Gleichnis von der Welt, in der ich selber drin war [...][,] ich war dann groteskerweise sozusagen selber der Minotaurus [...]." In einer weiteren Reihe von Zeichnungen stellt er sich selbst als Nashorn dar, das in gespielter jugendlicher Naivität Szenen aus seinem privaten Alltag erzählt. Beide Reihen zeigen die Dualität des menschlichen Daseins auf: Während der Minotaurus die tragische Monstrosität symbolisiert, hebt das Nashorn die Zärtlichkeit hervor, die in uns allen steckt.

Die Zeichnungen von Jacques Chessex und Valérie Favre stellen ebenfalls Chimären oder mythologische Figuren dar und eröffnen neue Perspektiven auf das Spiel der Selbstdarstellungen, in dem immer auch die eigene Identität infrage gestellt wird.

Jacques Chessex, Scène de la vie du Minotaure [Szene aus dem Leben des Minotaurus], 2000, Tinte und Gouache auf Craft-Papier, 32,1 × 22,4 cm, Aarlo u Viggo, Kunstgalerie, Buchillon © Agence du Lion d’Or, Perroy

Bild: Jacques Chessex, Scène de la vie du Minotaure [Szene aus dem Leben des Minotaurus], 2000, Tinte und Gouache auf Craft-Papier, 32,1 × 22,4 cm, Aarlo u Viggo, Kunstgalerie, Buchillon © Agence du Lion d’Or, Perroy

Endspiele

Im Werk von Friedrich Dürrenmatt nehmen Endspiele eine zentrale Rolle ein. Wie in griechischen Tragödien, gipfeln alle Einzelereignisse im Undenkbaren. Viele seiner Texte und Bilder enden denn auch in einer individuellen, kollektiven oder kosmischen Katastrophe. Oder wie Dürrenmatt sagte: "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat." Diese Schlüsse sind jedoch nicht pessimistisch, sondern laden zum Nachdenken ein. Für Dürrenmatt ist der Tod nicht nur eine individuelle Katastrophe, sondern auch das, was Leben ermöglicht. Wenn er die Fähigkeit zur Selbstzerstörung der Menschen mit ihrer Erfindung der Atombombe anprangert, oder wenn er die Umweltzerstörung und die Überbevölkerung kritisiert, will er uns die Ära der von uns selbst heraufbeschworenen Krisen und Katastrophen vor Augen führen. Indem Dürrenmatt schliesslich den Kosmos als System beschreibt, das dem Chaos ausgeliefert ist, erinnert er uns an die Ungewissheit des menschlichen Daseins.

BiografieN

Friedrich Dürrenmatt
(1921, Konolfingen – 1990, Neuchâtel)

Der weltweit anerkannte Schriftsteller und Theaterautor Friedrich Dürrenmatt war auch ein leidenschaftlicher Maler und Zeichner, der sein künstlerisches Werk zu Lebzeiten weitgehend geheim hielt. Er wurde im Berner Emmental geboren und zog 1952 nach Neuchâtel. Ab 1968 brachte er seine Besorgnis über politische und soziale Herausforderungen öffentlich zum Ausdruck. Sein Werk wird im Centre Dürrenmatt Neuchâtel und im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt, die beide der Schweizerischen Nationalbibliothek angegliedert sind.

Valérie Favre (*1959, Évilard)

Valérie Favre lebte und arbeitete für mehr als vierzig Jahre in Paris und schliesslich in Berlin, bevor sie sich 2021 in Neuchâtel niederlässt. Seit 2006 unterrichtet sie an der Universität der Künste Berlin. Ihre Gemälde wurden in zahlreichen Häusern ausgestellt, insbesondere im Kunsthaus Dresden, Haus am Waldsee Berlin, Carré d’Art in Nîmes, Kunstmuseum Luzern, NBK in Berlin, Zentrum Paul Klee, Musée d’art moderne et contemporain in Strassburg, Musée d’art et d’histoire Neuchâtel, Sprengel Museum Hannover, Kunsthaus Aarau und Kunstmuseum Appenzell.

Jacques Chessex
(1934, Payerne – 2009, Yverdon-les-Bains)

Jacques Chessex war ein Welschschweizer Schriftsteller, Dichter und Maler. Er ist der einzige Schweizer Schriftsteller, der nicht nur den Preis Goncourt für den Roman "L’Ogre", sondern auch den Prix Goncourt für Dichtung erhalten hat. Er veröffentlichte auch Essays über Schriftsteller sowie zahlreiche Schriften über Kunst. Obwohl sein bildnerisches Werk der Öffentlichkeit weniger bekannt ist, sagte er: "Poesie und Malerei waren für mich stets eng miteinander verbunden." Sein literarischer Nachlass wird im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt.

Guy Debord
(1931, Paris – 1994, Bellevue-la-Montagne)

Guy Debord war ein französischer Schriftsteller, Theoretiker, Filmemacher, Dichter und Revolutionär. Ihm wurde eine Nähe zum Lettrismus und Situationismus attestiert; er selbst sah sich in erster Linie als ein Stratege, der eine an Marx angelehnte Gesellschaftskritik entwickelte, wonach "man die Philosophie verwirklichen müsse." Sein Essay "Die Gesellschaft des Spektakels" 1967 fand im Kontext vom Mai 68 grosse Resonanz. In den 1960er-Jahren entwarf er ein Brettspiel, das "Kriegsspiel", zu dem auch ein Buch erschien.

Hannes Binder (*1947, Zürich)

Nach seinem Studium an der Kunstgewerbeschule in Zürich, arbeitete Hannes Binder in Mailand und Hamburg, bevor er als freier Illustrator für Verlage, Zeitungen und Magazine tätig wurde. Er war Leiter der Abteilung für Illustration an der privaten Kunstschule Punkt-G in Zürich von 1999 bis 2005. Anschliessend unterrichtete er "Geschichte der Illustration" an der Kunsthochschule Luzern. 2013 illustrierte er "Der Schachspieler" von Dürrenmatt (Officina Ludi, 2013), das von einer makabren Schachpartie mit lebenden Figuren zwischen einem Richter und einem Staatsanwalt erzählt.

Benjamin Gottwald (*1987)

Benjamin Gottwald studierte Illustration in Hamburg. Während dieser Zeit zeichnete er Comics und Bilderbücher und baute Figuren aus Holz. 2018 hat er "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt als Graphic Novel für die Büchergilde Gutenberg adaptiert. Sein Projekt "Spinne spielt Klavier" wurde 2021 mit dem Hamburger Bilderbuchpreis ausgezeichnet und erschien 2022 im Carlsen Verlag. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

mb-gg

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Benjamin Gottwald, Seite aus der Graphic Novel Die Physiker © 2018 Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Wien und Zürich.

Bild: Benjamin Gottwald, Seite aus der Graphic Novel "Die Physiker" © 2018 Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Wien und Zürich.

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