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22. November 2024

«VERRÜCKTE GESCHICHTEN – HEILIGE UND IHRE LEGENDEN»

Winterausstellung der Stiftsbibliothek St.Gallen, Barocksaal, vom 26. November 2024 bis am 27. April 2025, täglich 10–17 Uhr (24./25. Dezember geschlossen) - Ausstellungseröffnung am Dienstag, 26. November 2024, 18.15 Uhr, Pfalzkeller

Stiftsbibliothek St.Gallen, SGST X 162.3. Das Schiff der heiligen Ursula


Bild: Das Schiff der heiligen Ursula
. Das Bild zeigt die heilige Ursula mit einer Krone als Königin auf dem Schiff, umgeben von zehn Jungfrauen und mehreren Kirchenmännern, die sie begleiten, darunter der Papst Cyriakus mit der Dreifachkrone. Diese Legende ist sehr sagenhaft und gab deswegen schon im Mittelalter zu Diskussionen Anlass. 1970 hat die katholische Kirche den Ursulatag (21. Oktober) aus ihrem Kalender gestrichen. Der Einblattdruck mit dem Sujet entstand um 1470/1480 in Süddeutschland und wurde vom St.Galler Mönch Gallus Kemli erworben, 1930 aber verkauft. Abgebildet ist ein Nachdruck, der 1906 für eine Faksimileausgabe hergestellt wurde. (Stiftsbibliothek St.Gallen, SGST X 162.3.)

Die Welt der Heiligen ist eine Welt voll verrückter Geschichten, sogenannter Legenden. Viele davon sind bis heute stark in der Gesellschaft verwurzelt, viele aber auch vergessen. Wir erfahren durch sie von christlichen Heldinnen und Helden, die zahlreiche Prüfungen bestehen und Wunder wirken.

Die Stiftsbibliothek St.Gallen besitzt einen veritablen Schatz von Heiligenlegenden. Deshalb geht die Winterausstellung ab dem 26. November den verrückten Geschichten nach, die sie erzählen.

Zweifellos hat das Aussergewöhnliche zur Beliebtheit der Legenden beigetragen und sie einprägsam gemacht. Auch heute vermögen sie noch zu faszinieren. «In den Legenden funkeln Göttliches und Menschliches, Himmel und Erde», sagt Stiftsbibliothek Cornel Dora. Er verantwortet die kommende Ausstellung.

Stiftsbibliothek St.Gallen, Inv. Nr. 76. Die heilige Caecilia


Bild: Die heilige Caecilia. 
Oberhalb der Galerie auf der Nordseite der Bibliothek hängt ein Gemälde der heiligen Caecilia, die in Rom gemäss der Überlieferung um 220/225 das Martyrium im Quartier Trastevere in Rom erlitt. Die in flackriges Helldunkel getauchte Darstellung ist eine malerische Umsetzung der Stefano Maderno zugeschriebenen Marmorfigur, sie sich in der Kirche Santa Cecilia in Trastevere befindet. Diese Gemälde spielten eine wichtige Rolle bei der Popularisierung des Caecilia-Kults nach der angeblichen Wiederentdeckung des Grabs der Heiligen im Jahr 1599.
 (Stiftsbibliothek St.Gallen, Inv. Nr. 76.)

Von der «Legende» zur «Lügende»

Im Mittelalter befanden sich die Heiligen nicht am Rand der Gesellschaft wie heute, sondern in ihrer Mitte. Sie und ihre Geschichten waren ein wesentlicher Teil der Alltagskultur und des theologischen Orientierungssystems. Ihre im Kirchenjahr etablierten Feste strukturierten den Jahresablauf, Eltern liessen ihre Kinder auf ihre Namen taufen, sie wurden in der Not angerufen und waren seit dem Spätmittelalter auch im öffentlichen Raum überall in Bildern und Statuen präsent. «Ihr Potenzial wurde im Spätmittelalter derart ausgebeutet, dass es problematisch wurde», sagt Dora. Die Reformation wandte sich radikal dagegen, der Reformator Martin Luther erklärte die «Legende» zur «Lügende».

Sammlung von hoher Qualität

Die Legendensammlung der Stiftsbibliothek St.Gallen ist von aussergewöhnlicher Qualität und breiter Vielfalt, eine Fundgrube, um das Thema vorzustellen und gleichzeitig die Bedeutung des frühmittelalterlichen Steinachklosters ins Licht zu rücken. Sie setzt im 8. Jahrhundert ein und enthält mehrere früheste oder beste Überlieferungen. Und es gibt ganz Einzigartiges darunter. So hat einer der St.Galler Mönche um das Jahr 920 ein nach den Heiligenfesten im Kirchenjahr geordnetes Verzeichnis aller im Kloster greifbaren Legenden erstellt – ein einmaliges und aufschlussreiches Zeugnis.

Stiftsbibliothek St.Gallen, SGST PS 3 Schubl. 5 Nr. 13.1. Ambrosius und Maria
Der Linoldruck von Elena Kaeser aus St.Gallen verbindet die Heiligenattribute der Gottesmutter Maria mit jenen des heiligen Ambrosius

Bild: Ambrosius und Maria
. Der Linoldruck von Elena Kaeser aus St.Gallen verbindet die Heiligenattribute der Gottesmutter Maria mit jenen des heiligen Ambrosius. Maria ist als Mutter mit ihrem Kind Jesus, mit den Sternen um ihr Haupt und mit einer Mondsichel gekennzeichnet, Ambrosius mit einem Buch, einer Feder und einer Biene. Die Attribute nehmen Bezug auf Episoden aus dem Leben der Heiligen. (Stiftsbibliothek St.Gallen, SGST PS 3 Schubl. 5 Nr. 13.1.)

Von den Märtyrern zu Antonius

«In der Ausstellung zeigen wir auf, wie sich die Heiligenlegende aus den teils erschütternden Martyriumsberichten der Christinnen und Christen seit dem 2. Jahrhundert entwickelte», sagt Dora. Im 4. Jahrhundert kamen auch Lebensgeschichten von sogenannten Bekennerinnen und Bekennern hinzu, die keinen gewaltsamen Tod erlitten.

Der erste von ihnen war der ägyptische Mönch Antonius. Seine Vita, wie man die Lebensgeschichten von Heiligen auch nennt, wurde vom Kirchenvater Athanasius verfasst. Sie wirkte modellhaft auf die Entstehung von weiteren Heiligenlegenden.

Grosse Vielfalt

Über die Jahrhunderte wuchs die Heiligenliteratur unbändig und in grosser Vielfalt an. Die Legenden begleiteten die Menschen entlang der Heiligenfeste durchs Kirchenjahr. Dieses gab dann auch die Reihenfolge in der wirkmächtigsten Legendensammlung vor, der Legenda aurea von Jacobus von Voragine aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist auch für die Kunstgeschichte zentral, weil sich hier die Szenen finden, die viele Jahrhunderte lang und bis heute in der christlichen Kunst dargestellt werden.

Die Ausstellung zeigt die Vielfalt der Legenden und ist nach den Themenkreisen Jugend, Umkehrerlebnisse, Jungfräulichkeit und Körper, Wundertätigkeit, Visionen und Todesschilderungen gruppiert.

Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 565, S. 242. Der heilige Magnus heilt einen Blinden

Bild: Der heilige Magnus heilt einen Blinden. Heilkräfte sind eine wichtige Eigenschaft von Heiligen. Das eindrückliche Bild zeigt, wie der heilige Magnus in Bregenz einen Blinden heilt. Die Handschrift, die vom 11. bis 13. Jahrhundert in St.Gallen entstanden ist, enthält auch Leben und Wunder des heiligen Remaclus, der in St.Gallen vom 11. Jahrhundert bis zur Reformation speziell verehrt wurde. (Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 565, S. 242. https://e-codices.unifr.ch/de/csg/0565/242)

Reich bebildeter Ausstellungskatalog und Legenden-Lesebuch

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog. Er enthält eine Einleitung von Gabriela Signori, Professorin für die Geschichte des Mittelalters in Konstanz. Signori geht der Frage nach, wie die Legendensammlungen im Kloster St.Gallen konkret gebraucht wurden. Cornel Dora, Eva Dietrich und Ruth Wiederkehr führen anschliessend ein in die Welt der Legenden und stellen interessante Beispiele mit verschiedenen Ausprägungen und Episoden vor. Die St.Galler Grafikerin Elena Kaeser hat für Ausstellung und Katalog sechs Linoldrucke geschaffen. Eva Dietrich wendet sich schliesslich in einer Ergänzung der heiligen Euphemia zu, die in einem der Konzilsbilder an der Decke der Stiftsbibliothek dargestellt ist.

Angefügt ist ein Legenden-Lesebuch, mit besonders aussagekräftigen Kapiteln aus den Heiligengeschichten. Verschiedene der Texte gehören zur Weltliteratur, und alle sind in der Stiftsbibliothek in guten Überlieferungen vorhanden.

Reichhaltiges Veranstaltungsprogramm

Das Veranstaltungsprogramm der Stiftsbibliothek umfasst Vorträge, Führungen, Handschriftenpräsentationen, Mittagessen nach benediktinischer Art sowie Kinder- und Familienangebote. Mehr dazu im Veranstaltungsprogramm:

https://www.stiftsbezirk.ch/userdata/Stiftsbezirk/Ausstellungen/Verr%C3%BCckte%20Geschichten/winterprogramm-verrueckte-geschichte-2024-2025-2.pdf

Kontakt:

https://www.stiftsbezirk.ch/de/kommende-ausstellungen

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Nur in dieser Handschrift überliefert: eine Lebensgeschichte des heiligen Ambrosius
 Diese Lebensgeschichte des Ambrosius, verfasst von einem unbekannten Mönch in Mailand, ist allein in dieser Handschrift aus dem späten 9. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie enthält auch die wichtigste Überlieferung der Apokolokyntosis des bedeutenden römischen Philosophen Seneca.
 https://e-codices.unifr.ch/de/csg/0569/3

Bild: Diese Lebensgeschichte des Ambrosius, verfasst von einem unbekannten Mönch in Mailand, ist allein in dieser Handschrift aus dem späten 9. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie enthält auch die wichtigste Überlieferung der Apokolokyntosis des bedeutenden römischen Philosophen Seneca.
 (Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 569, S. 3., https://e-codices.unifr.ch/de/csg/0569/3)

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 22. November 2024
  • Für Körper, Geist und Seele, Museum, Ausstellung, Galerie

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