17. März 2010
«Sounds aus aller Welt, aber garantiert kein Allerweltssound»
Gedanken der Programmgruppe und der Geschäftsleitung zum Hauptprogramm der 16. Stanser Musiktage vom 12.-18. April 2010:

Kaum ein Schweizer Festival programmiert so vielfältig, offen und breit. Auf den ersten Blick scheint es fast, die Stanser Musiktage hätten kein musikalisches Konzept… Das ist nun schon seit einigen Jahren so und mit der Abkehr von etablierten Musikergrössen hin zu Neuheiten und Entdeckungen wächst die Stilvielfalt weiter.
Die Programmgruppe entscheidet seit einigen Jahren nach einem strikten Muster und lädt die Bands nach Stans ein, welche hinsichtlich gehörtem Material die meisten Punkte machen – insbesondere hinsichtlich Qualität, Aktualität, Preis/Leistung, Medienwirksamkeit und wie konform die Musik zum vorhandenen Raum ist.
Das diesjährige Programm wurde aus rund 300 Projekten zusammengestellt und auf thematische Schwerpunkte wird verzichtet, weil dies oft zu Kompromissen und Einbussen bei der Qualität führt.
Auch dieses Jahr wird ein Programm gezeigt, das nicht einfach mit grossen Namen prahlt, sondern eine aufregende Reise durch aktuelles Musikschaffen organisiert. Die zwölf Bühnen und Spielorte sind klein, auch fein und die Ambiance ist immer grossartig und intim – das alles mitten im pittoresken Dorfzentrum! Alle Lokalitäten sind leicht zu Fuss erreichbar, einmal abgesehen vom Stanserhornkonzert, welches am Sonntag den traditionellen Abschluss macht.
Auch dieses Jahr ist die halbe Welt in Stans zu Gast: 50% der rund 300 Musiker kommen aus der Schweiz und die andere Hälfte reist aus 20 verschiedenen Ländern aus vier Kontinenten an. Stans ist ein Weltmusikfestival, das immer den Querbezug zum Jazz sucht – man könnte auch sagen: Stans ist ein Weltmusikjazz-Festival! Oder: Sounds aus aller Welt, aber garantiert kein Allerweltssound!
Diese Musik erfreut sich in Stans enormer Beliebtheit und im Kollegi erwarten wir zu den Konzerten von Mélissa Laveaux (12.4./Haiti), Novalima (13.4./Peru), Aurelio Marinez (14.4./Honduras), Staff Benda Bilili (15.4./Kongo), Amparo Sánchez (16.4./Spanien) und Justin Adams & Juldeh Camara (17.4./England, Gambia) eine sehr hohe Auslastung und durchschnittlich 500 Gäste pro Konzert.
Mit Konzerten von Le Trio Joubran in der Kapuzinerkirche (12.4./Palästina), dem Philharmonischen Kammerchor in der Pfarrkirche (16.4./Estland), Analogik im Chäslager (16.4./Dänemark), dem italienischen Cantautore Mimmo Locasciuli im Theater (17.4.) sowie Violons Barbares (18.4./Stanserhorn) haben wir für diese einzigartigen, bzw. «handverlesenen» Projekte den jeweils idealen Raum zugeteilt.
Dass diese Weltmusik-Projekte den Querbezug zum Jazz schaffen und an der Grenze beider Stile mäandern, beweisen nachfolgende Konzerte: Sie spielen keinen Jazz und doch Jazz:
Beispielhaft dafür ist das junge Portico Quartett aus England: Ihr Sound erinnert an nordischen Jazz, aber stets tauchen auch athmosphärische Klänge balinesischer Gamelanmusik auf. Oder das Glassfarm Ensemble der in New York lebenden Pianistin Yvonne Troxler, welche das Ziel verfolgt, Neue Musik aus starren Avantgarde-Zwängen zu befreien und für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen.
Das spanische Quintett Ultra High Flamenco fusioniert Jazz und Flamenco. Le Trio Joubran, drei Brüder aus Palästina, spielen ein Repertoire, welches auf Jahrhunderte alten Stücken basiert, die unter den flirrenden Fingern und der Innigkeit dieses Trios einen wahrhaften, bisweilen eben auch jazzigen Zauber entfalten!
Eine neue Virtuosität auf der Harfe hat der junge Kolumbianer Edmar Castañeda entwickelt, der in amerikanischen Jazzmagazinen schon Schlagzeilen machte. Er schlägt harsche Akkorde, generiert komplexe Rhythmen, spielt groovende Basslinien und improvisiert dazu Melodien. Die 13köpfige Banda Olifante aus Italien besteht aus ebensolchen Grenzgängern, die mit Klarinette, Saxophon, Tuba, Horn, Akkordeon und Perkussion zu einem swingenden Mix aus mediterraner Brassmusik, Jazz und Klezmer kombinieren.
Und nebst diesen Fusionen von Weltmusik und Jazz gibt es auch Namen, die in der Jazzwelt schon grössere Spuren hinterlassen haben oder noch werden: Mit «Jazzland» gab Bugge Wesseltoft den zeitgenössischen Elektro-Rock-Jazz-Fusionen eine Plattform und hat diese Bewegung und Ryhthmen der DJ-Kultur entscheidend mitgeprägt. Inzwischen hat er sich nach dem Abflauen dieser Welle vermehrt auf akustische Solokonzerte spezialisiert. Hier bringt er sein grosses Flair für impressionistisch-zarte Stimmungen (Bill Evans, Keith Jarrett, Ketil Bj¢rnstad), elegische Melodien und perkussive Kontrapunkte zum Leuchten.
Vijay Iyer und sein Trio sind wohl aktuell DIE Rising-Stars der aktuellen Jazz-Szene: Der heftige Nachhall ist inzwischen von den USA auch nach Europa übergeschwappt. Er spielt eine rhythmisch komplexe, präzise und kraftvolle Musik, die dennoch nicht rein abstrakt bleibt. «Das ist es genau, worauf ich abziele: Rationale Strukturen in intuitives und sinnliches Musizieren überzuführen», sagte er 2008 in einem Interview in der NZZ.
Und damit noch nicht genug: Mit Plaistow, Imperial Tiger Orchestra, Markus Lauterburgs MUMUR, Charlotte Hug, Le Rex, Laut und Luise gibt Stans auch dem aktuellen Schweizer Jazz eine grosszügige Plattform. Und keiner von denen braucht den Vergleich mit diesen internationalen Acts zu scheuen.
So oder so – lustvolle Entdeckungen und Begegnungen vor, während und nach den Konzerten sind garantiert.
Am besten, Sie hören und schauen rein:
http://www.stansermusiktage.ch
Stanser Musiktage
Programmgruppe / Geschäftsleitung
Kommentare von Daniel Leutenegger