7. August 2021
SCHLOSS OBERDIESSBACH (BE): «HOT/COLD – DRY/WET: DIE LATITÜDEN DER KUNST»
Ausstellung von art+château im und beim Schloss Oberdiessbach (Kanton Bern), bis am 5. September 2021

Bild: Neues Schloss Oberdiessbach (BE) – Foto: WillYs Fotowerkstatt, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:WillYs_Fotowerkstatt, 2011 – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oberdiessbach_Neues_Schloss-06.jpg

Bild: Marcelo Brodsky, Stand for Democracy: Myanmar, 2021, Installation of 13 hand painted photographs from the eponymous ongoing series. Inkjet prints on cotton paper Hahnemühle, photo rag, intervened by the artist with crayon and aquarelle. Edition of 5 + AP – Courtesy of the artist © Marcelo Brodsky
Die Berner gemeinnützige Organisation art+château ist seit 2018 bestrebt, eine Plattform für den kulturellen Austausch zwischen lokalen und internationalen Kunstszenen zu schaffen und Letztere einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Verein art+château organisiert Ausstellungen zeitgenössischer Kunst an historischen Orten: Dabei werden Künstlerinnen und Künstler gefördert und gleichzeitig historische Bauten wiederentdeckt, die normalerweise nicht als Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst genutzt werden.
Im August 2021 präsentiert art+château «Hot/Cold – Dry/Wet: Die Latitüden der Kunst». Die Ausstellung findet im Schloss Oberdiessbach im Kanton Bern statt. Sie vereint die Arbeit von 14 Schweizer und internationalen zeitgenössischen Kunstschaffenden, die sich mit unterschiedlichen Ideen rund um den Begriff der geografischen Breite auseinandersetzen.
Die Arbeiten und Herangehensweisen der Künstlerinnen und Künstler sind vielfältig und erweitern das Potenzial des Themas: Während einige über Temperatur, Klimawandel und Politik reflektieren, entwickeln andere ihre Arbeiten rund um Fragen zur persönlichen Identität, Sprache und geografischen Herkunft. Andere Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung tragen weitere Aspekte zur Thematik hinzu, um eine Reflexion über Grenzen, Migration und Zugehörigkeit anzuregen. Im Schloss Oberdiessbach sowie in seiner Gartenanlage werden Einzelwerke und Werkgruppen aller Medien und Gattungen präsentiert.

Bild: Taiye Idahor, Blessing, 2020. From the series Hybrid Laser print paper collage, pencil and ink on paper. 56.5 x 76cm – Courtesy of the artist © Taiye Idahor
Die Ausstellung geht aus einer Betrachtung der Theorien des Theologen und Arztes Johann Hasler (1548 bis nach 1602) hervor. Dieser stammte aus Oberdiessbach, wo sich das gleichnamige Schloss befindet. Hasler wurde vor allem für die Erarbeitung einer aufwändigen Temperaturskala bekannt, die viele Ärzte vor der Entwicklung des modernen Thermometers als Richtlinie beim Mischen von Medikamenten verwendeten.
Haslers Temperaturtabelle basierte auf dem Konzept von Wärme und Kälte des römischen Arztes Claudius Galenus (129 n. Chr. bis um 199/216). Galenus, dessen anatomische und medizinische Ansichten die westliche Medizin bis zur Renaissance prägten, war ein starker Verfechter der hippokratischen Theorie der Körpersäfte, nach der menschliche Gesundheit, Stimmungen und Emotionen das Ergebnis eines Ungleichgewichts in einem der vier grundlegenden universellen Elemente heiss, kalt, trocken und nass und ihrer entsprechenden Körpersäfte sind: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. In seinem Werk «De temperamentis» klassifizierte Galenus das menschliche Verhalten anhand dieser vier Elemente und deren unterschiedlichem Gleichgewicht und definierte insgesamt neun verschiedene Temperamente (von lateinisch temperare, mischen, in ein richtiges Verhältnis bringen) oder Persönlichkeitstypen, vom Choleriker bis zum Melancholiker, vom Phlegmatiker bis zum Sanguiniker.
Im Jahr 1578 veröffentlichte Hasler sein Buch «De Logistica Medica». Seiner Forschungen zufolge war es möglich, den natürlichen Temperaturgrad eines jeden Menschen festzustellen, denn dieser wurde durch sein Alter, die Jahreszeit, die Höhe des Pols (Latitüde) und anderer Einflüsse bestimmt. Haslers wissenschaftliche Abhandlung enthielt eine Tabelle der menschlichen Körpertemperaturen, die diese mit der geographischen Breite, unter der die Menschen leben, in Verbindung brachte. Insbesondere verknüpfte seine Tabelle die neun von Galenus definierten Temperaturgrade mit der geografischen Breite.
Hasler glaubte, dass die Bewohner der Tropen eine höhere Körpertemperatur hätten als Menschen, die in Regionen mit einem milden (oder «temperierten») Klima lebten. Er ordnete die neutrale Temperatur Null, die wiederum Galenus perfekter Mischung von warmen/kalten und trocken/feuchten Qualitäten entsprach, den Gebieten zwischen 40. und 50. Grad Breite zu. Das Schloss Oberdiessbach liegt auf dem 46. Grad nördlicher Breite und befindet sich somit in der Mitte dieser idealen Termperaturzone.
Wie nach der sukzessiven Entwicklung des modernen Thermometers leicht festgestellt wurde und heute offensichtlich erscheint, haben alle Menschen unter normalen Bedingungen die gleiche durchschnittliche Körpertemperatur, unabhängig davon, in welchem Breitengrad sie leben. Doch auch wenn Haslers Theorien völlig falsch waren, bietet sein Werk im Rahmen dieser Ausstellung im Schloss Oberdiessbach einen interessanten Ausgangspunkt, um über die Beziehung zwischen Kunst (oder Künstlern) und den geografischen Breitengraden im heutigen, globalen Zeitalter nachzudenken.
In der Ausstellung werden Kunstwerke von Schweizer und internationalen Künstschaffenden präsentiert, die miteinander und mit den historischen architektonischen Räumen des Schlosses in Dialog treten. Dabei stellen sich folgende provokative Fragen: Wird Kunst durch den Breitengrad beeinflusst? Was passiert, wenn Kunst, die in einem Breitengrad konzipiert wurde, in einem anderen ausgestellt wird? Bestimmt der Breitengrad des Ausstellungsortes, wie Kunst gezeigt und interpretiert wird? Verändert sich die Art und Weise, wie wir Kunst bewerten, in Abhängigkeit vom Breitengrad? Und wenn ja, wird dasselbe Kunstwerk vom Publikum anders wahrgenommen, wenn es an einem international beachteten Ort wie einem bedeutenden Museum in einer Weltstadt ausgestellt wird, oder an einem eher peripheren Ort ausserhalb der etablierten Kunstszene? Gibt es heute noch eine allgemein verbindliche Skala, nach der wir Kunst messen, und können wir sie identifizieren?
«Hot/Cold – Dry/Wet: Die Latitüden der Kunst» versucht nicht, definitive Antworten auf all diese Fragen zu geben, sondern das Publikum in ein offenes und zum Nachdenken anregendes Gespräch mit zeitgenössischer Kunst und Geschichte angesichts dieser Themen einzubeziehen. Die Ausstellung präsentiert eine heterogene Sammlung von Werken, die von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Breitengraden und in unterschiedlichen Stadien ihrer Karriere realisiert wurden. Sie lässt sich somit in die aufkommende Debatte einreihen über den Widerstand gegen jene vereinfachenden Kategorisierungen, die allzu lange den dominanten westlichen Kunstdiskurs und seinen Kanon als «neutral» betrachtet und das Verständnis von Kunst geprägt hat. Vielfältige Kunstwerke – Gemälde, Fotografien, Videos, Installationen und Skulpturen – werden ausserhalb eines institutionalisierten Kunstraums präsentiert, jedoch innerhalb eines traditionellen historischen Rahmens, der im Zentrum dessen liegt, was eine vergangene europäische Elite als die perfekte «neutrale» Latitüde betrachtete.
VL

Bild: Remy Jungerman, Nobody is Protected.Comm, 2011 – Painted plywood, microphones, microphones boxes, metal communication cables, wooden stick. 195 x 60 x 52 cm – Courtesy of the artist © Remy Jungerman – Photo: Remy Jungerman
KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER
Alice Anderson (geb. 1972 in London, England. Lebt und arbeitet in London und Paris, Frankreich)
Philippe Bemberg (geb. 1979 in Lausanne, Schweiz. Lebt und arbeitet in Paris, Frankreich)
Marcelo Brodsky (geb. 1954 in Buenos Aires, Argentinien. Lebt und arbeitet in Buenos Aires)
Stefano Cagol (geb. 1969 in Trient, Italien. Lebt und arbeitet in Trient)
Dina Danish (geb. 1981 in Paris, Frankreich. Lebt und arbeitet in Amsterdam, Niederlande)
Willie Doherty (geb. 1959 in Derry, Nordirland. Lebt und arbeitet in Donegal, Republik Irland)
Taiye Idahor (geb. 1984 in Lagos, Nigeria. Lebt und arbeitet in Lagos)
Verena Immenhauser (geb. 1939 in Männedorf, Schweiz. Lebt und arbeitet in Bern, Schweiz)
Remy Jungerman (geb. 1959 in Moengo, Suriname. Lebt und arbeitet in Amsterdam, Niederlande)
Mathias Løvgreen (geb. 1991 in Kopenhagen, Dänemark. Lebt und arbeitet in Kopenhagen)
Esther Mathis (geb. 1985 in Zürich, Schweiz. Lebt und arbeitet in Zürich)
Daniela Schönbächler (geb. 1968 in Zug, Schweiz. Lebt und arbeitet in Zug und Venedig, Italien)
Wang Zhibo (geb. 1981 in Zhejiang, China. Lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland)
Zimoun (geb. 1977 in Bern, Schweiz. Lebt und arbeitet in Bern)
Die Ausstellung wurde konzipiert und kuratiert von Valentina Locatelli.
PRAKTISCHE INFORMATIONEN
Adresse:
Schloss Oberdiessbach
Schloss-Strasse 48, CH–3672 Oberdiessbach
Öffnungszeiten:
Samstag und Sonntag: 11 – 17:30 Uhr
Einlass in die Ausstellung zu jeder vollen Stunde. Letzter Einlass um 17 Uhr.
Eintritt:
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre werden nur in Begleitung erziehungsberechtigter Personen zugelassen.
Eintrittspreis: Während der Öffnungszeiten ist der Zutritt zur Ausstellung frei. Spenden sind herzlich willkommen. Empfohlene Spende CHF 10.-
Führungen:
Führungen durch die Ausstellung (min. 15, max. 20 Personen) können ausserhalb der regulären Öffnungszeiten gebucht werden (CHF 25.00 pro Person). Bitte Reservationen rechtzeitig per E-Mail an artandchateau@gmail.com oder per Telefon 076 496 53 38.
Kontakt:
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Bild: Daniela Schönbächler, Pièce d’eau, 2019, Mirror. Diameter 300 cm – Courtesy of the artist © Daniela Schönbächler – Photo: Don Cameron, Sydney
Kommentare von Daniel Leutenegger