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4. August 2022

«TEXTILER GARTEN»

Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse, bis am 30. Oktober 2022

Bild oben: © Machiko Agano, untitled, 2007, Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Machiko Agano

Seile, Garne und Fäden: Das Museum für Gestaltung Zürich verwandelt diesen Sommer seine grosse Ausstellungshalle in einen Garten aus Textilien. Gewebte oder geknüpfte Reliefs und Installationen besetzen den Raum und sprengen in teils überwältigendem Massstab die Grenzen zwischen Skulptur und Umgebung.

Die Ausstellung «Textiler Garten» entführt das Publikum in eine atmosphärische Inszenierung der Fiber Art. Die gezeigten Werke wecken Assoziationen an Wetterphänomene, lassen Pflanzen und Blüten wuchern und führen die Vergänglichkeit vor Augen. Spitzenstücke aus zwei der weltweit bedeutendsten Sammlungen der Fiber Art, der Fondation Toms Pauli in Lausanne und der Kunstgewerbesammlung des Museum für Gestaltung Zürich, feiern eine wiederentdeckte Kunstform.

Seile, Garne und Fäden waren das Ausgangsmaterial internationaler Textilkünstlerinnen, die ab 1960 den Handlungsraum der Kunst radikal erweiterten. Ihre Tapisserien verliessen die Mauer und brachen mit der jahrhundertealten Konvention des Bildteppichs. Gewebte oder geknüpfte Reliefs und Installationen besetzten den Raum und sprengten in teils überwältigendem Massstab die Grenzen zwischen Skulptur und Kontext. Die eindrücklichen Werke aus Sisal, Wolle oder Mais suchten den kreativen Dialog zwischen Material und Technik. Sie interpretierten bewährte Kulturtechniken neu und übersetzten textile Traditionen indigener Völker Amerikas in die Gegenwart.

Barbara Levittoux-Swiderska, Niewod, 1978, Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Fibbi-Aeppli

Bild: © Barbara Levittoux-Swiderska, Niewod, 1978, Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Fibbi-Aeppli

Fiber Art als Female Art

Die Entstehung der Fiber Art wurzelt auf mehreren, sich gegenseitig befruchtenden Entwicklungen in Kunst, Gestaltung und Gesellschaft. Ungegenständliche Werke und eine expressive Abstraktion etablierten sich in der bildenden Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Nordamerika als gestalterische Sprache. Die aufkommende Frauenbewegung fand in der neuen Kunstform eine kraftvolle und eigenständige Ausdrucksform und verortete die im häuslichen Kontext ausgeführten handwerklichen Prozesse im Kunstkontext. Vorwiegend Frauen waren es denn auch, die den reinen Gebrauchszweck durch ästhetische und konzeptionelle Fragestellungen ersetzen und sich in ihren Werken mit kulturellen Fragen wie Geschlecht, Politik und gesellschaftlich vorgegebenen Rollen und Identitäten auseinandersetzten.

Die Fiber–Art–Bewegung entwickelt sich inhaltlich unabhängig voneinander in verschiedenen Erdteilen. In Nordamerika eröffnete Lenore Tawney 1961 im Staten Island Museum in New York ihre erste Einzelausstellung. Diese gilt als früheste öffentliche Sichtbarmachung der Fiber Art. Sie und weitere Künstlerinnen wie Sheila Hicks oder Cynthia Shira betonten wiederholt ihr Interesse an präkolumbianischen Web– und Wirktechniken.

1964 zeigte das Kunstgewerbemuseum Zürich (heute Museum für Gestaltung Zürich) mit «Gewebte Formen« erstmals nordamerikanische Fiber Art in Europa.

Aurèlia Muñoz, Capa pluvial II, 1976, Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Arnaud Conne

Bild: © Aurèlia Muñoz, Capa pluvial II, 1976, Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Arnaud Conne

Aus der Not zu neuen Praktiken, Techniken und Materialien

In den Ländern Osteuropas wurden Kunsthandwerk und Kunst oftmals in denselben Akademien unterrichtet, sodass sich die beiden Disziplinen natürlich zu überschneiden begannen. Durch die Zerstörung der historischen Tapisseriemanufakturen im Krieg waren die Künstlerinnen gezwungen, ihre Entwürfe selbst auszuführen. Hinzu kam ein Mangel an feinen Garnen. In der Folge griffen Künstlerinnen wie Magdalena Abakanovicz oder Jagoda Buić auf gebrochene Schiffstaue aus Sisal oder Hanf zurück, die sie entzwirnten und mit natürlichen Pigmenten einfärbten.

In der Schweiz wurden Gestalterinnen wie Elsi Giauque, Pierrette Bloch oder Françoise Grossen mit individuellen Materialien wie Maisblättern, Pferdehaar und Sisal schon frühzeitig Teil der neuen Kunstform. Auf die bewährte Technik der Stickerei vertraut Lissy Funk, setzt darin aber konsequent auf gestalterisches Neuland. Nachfolgende Generationen mit Marie Schuman oder Cécile Feilchenfeldt liessen sich von den grossen Vorbildern zu eigenen überzeugenden Findungen anregen. In der Ausstellung «Textiler Garten» sind neben den genannten Künstlerinnen weitere 35 Positionen zu entdecken.

1961 gründeten Alice und Pierre Pauli mit Jean Lurçat in Lausanne das Centre international de la Tapisserie Ancienne et Moderne (CITAM). Dessen Ziel war es, die Vitalität und Kreativität der zeitgenössischen Tapisserie zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Ab 1962 organisierte das Musée des Arts Décoratifs in Lausanne die Biennales internationales de la Tapisserie, die auf Basis eines Wettbewerbs den Anspruch hatten, den «Seismografen» der zeitgenössischen Textilkunst zu verkörpern. Viele der in der Ausstellung «Textiler Garten» gezeigten Arbeiten wurden ursprünglich für eine der Lausanner Biennalen konzipiert.

Kuratorium und Szenografie: Christian Brändle, Direktor Museum für Gestaltung Zürich

mfg 

Kontakt:

https://museum-gestaltung.ch/de/

#FiberArt #TextilerGarten #MuseumfürGestaltungZürich #ChristianBrändle #FondationTomsPauliLausanne #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Françoise Grossen, Five White Elements, 1971, Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbe- sammlung, Foto: U. Romito & I. Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Bild: © Françoise Grossen, Five White Elements, 1971, Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Foto: U. Romito & I. Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 4. August 2022
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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