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13. Juli 2019

«MANDALA – AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG»

Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, bis am 26. Januar 2020

Bild: Buddhistische Mönche streuen ein Mandala in der Ausstellung,
Foto: © https://hvmsg.ch/ausstellungen/mandala2019.php

Mandalas sind ein weltweites Phänomen. «Heilige Geometrie» prägt das Phänomen der Bewusstseinserweiterung in vielen Kulturen der Welt. Das gilt für die Methoden wie für die vielen visionären Diagramme, die geometrisch organisiert und auf einen Mittelpunkt hin ausgerichtet sind. Das HVM widmet dem Mandala eine Sonderausstellung. Gastkurator Peter van Ham konnte dafür mit bedeutenden internationalen Leihgebern zusammenarbeiten. Und tibetische Mönche aus dem Kloster-Institut Rikon streuen eine Woche lang ein Sandmandala.

Die Objekte in der Ausstellung «Mandala – Auf der Suche nach Erleuchtung» sind aus der ganzen Welt zusammengetragen worden und bestechen zum Teil durch frappante kulturelle Übereinstimmungen. Die BesucherInnen erleben das in einer multimedialen Inszenierung. «Damit eröffnet sich die grosse Chance, die gemeinsamen Wurzeln aller Menschen auf der Welt anzuerkennen, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Überzeugung», sagt Gastkurator Peter van Ham aus Frankfurt. «Und damit wiederum bietet sich die Chance der Verständigung und der fortschreitenden Aussöhnung zwischen den Kulturen». Die Ausstellung möchte auf diese Weise bewusst einen Kontrapunkt zu den wachsenden gesellschaftlichen Spaltungstendenzen setzen.

Erde, Mond und Sterne

Ausgangspunkt sind die geometrischen Grundformen wie Kreis, Quadrat oder Spirale sowie ihre Präsenz in der Natur, die für den Erkenntnisgewinn über die Jahrhunderte von griechischen Philosophen, jüdischen, christlichen und muslimischen Theologen wie auch hinduistischen und buddhistischen Erkenntnistheoretikern in den Stand der «Heiligen Geometrie» erhoben wurden.

Von da richtet sich der Blick des Menschen vom «Labyrinth des Lebens» zu den kreisförmigen Himmelskörpern wie Sonne, Mond und Sterne, deren Erscheinungsbilder sowie Kreis- und Spiralbahnen symbolisch aufgeladen werden als Ausdruck des Göttlichen.

Aufgrund der Ähnlichkeit der mystischen Erfahrungen weisen auch die Darstellungen von Erleuchtung und Erleuchteten weltweit grosse Übereinstimmungen auf und setzen den Menschen ins Zentrum des kosmischen Geschehens.

Seinen Fragen nach dem Warum, Woher und Wohin setzt die Ausstellung «Mandala – Auf der Suche nach Erleuchtung» verschiedene Ansätze entgegen – auch solche, die die Existenz einer höheren Wirklichkeit bezweifeln und für die Visionen und Nahtod-Erfahrungen nicht mehr als biochemische Reaktionen auf Mangelvorgänge sind, die evolutionär nur eingerichtet wurden, um dem Menschen das Sterben zu erleichtern.

Objekte aus der ganzen Welt

All dies vermittelt die Ausstellung neben Filmen und Klanginstallationen mit einer Vielzahl ausgesuchter, seltener und kostbarer Objekte aus weltweiten Museums- und Privatsammlungen: zahlreiche Asien-, Afrika- und Orient-Objekte aus den eigenen Beständen des HVM; russische Ikonen und äthiopische Zauberrollen aus dem Frankfurter Ikonenmuseum und dem Kunstmuseum St.Gallen; kosmische Keramiken aus Peru vom Museum der Universität Tübingen; eine einzigartige, mehr als 2000 Jahre alte Pilzgottheit der Maya aus El Salvador vom Museum Rietberg in Zürich; Tibetica aus der Heinrich-Harrer-Sammlung im Landesmuseum Vaduz und dem Völkerkundemuseum der Universität Zürich, aus dem Tibet-Museum Gruyères und dem Museum der Kulturen, Basel; ein originales Mandala des weltberühmten Schweizer Psychoanalytikers C.G.Jung (1916) aus der Zürcher Privatsammlung Hinshaw; exzellente Amulette der Sammlung Wittich in Frankfurt am Main; Kunstwerke aus der Sammlung des Gastkurators Peter van Ham, darunter solche, die er eigens für die Ausstellung bei indischen, indonesischen, äthiopischen und österreichischen Künstlern hat anfertigen lassen, und unter denen ein Modell des grössten buddhistischen Bauwerks der Welt, dem Borobudur aus Java, das spektakulärste ist. Und schliesslich führen die ehrenwerten Mönche vom klösterlichen Tibet-Institut Rikon dem Besucher die Vergänglichkeit allen Seins vor Augen, indem sie nach Segensritualen eine Woche lang ein Sandmandala streuen, das sie dann an der Finissage am 26. Januar 2020 in einem feierlichen Abschlussritual wieder zerstören werden.

Ein kosmischer Hintergrund

Seit Urzeiten versucht der Mensch, die Welt zu verstehen, das Chaos um ihn herum zu ordnen, seinen Platz darin zu finden. Weltweit ist er dabei zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen gekommen, hat Halt gebende, Sinn stiftende Muster entwickelt, die für seine enge Verbindung mit der Natur stehen und für seine intuitive Verbindung mit dem Kosmos sprechen, den manche auch «Gott» nennen, «Wesenskern» oder «Ursprung».

Visionäre Schaubilder, Diagramme, geordnete Ansammlungen von Kreisen und Quadraten, von den unterschiedlichsten Kulturen und zu den unterschiedlichsten Zeiten geschaffen, zeigen die Entwicklung vom Himmlischen zum Irdischen, vom Göttlichen zum Menschlichen. Sie weisen aber auch einen Weg zurück vom Weltlichen zum Heiligen, vom Dunkel zum Licht, vom Vergänglichen zur Ewigkeit. Sie reichen vom denkbar Einfachen bis zum Komplex-Dreidimensionalen, von der Stockzeichnung im Lehm bis zum ausschweifenden Granitbauwerk. Ihre Anfertigung erfolgt sowohl in individueller Zurückgezogenheit wie auch als kollektive Erfahrung, und sucht gleichsam den flüchtigen Moment einzufangen wie die – vermeintliche – Dauer der Ewigkeit.

Mandala – ein strapazierter Begriff

Kulturübergreifend betrachtet können diese Schaubilder unter dem Begriff zusammengefasst werden, der zurzeit fast inflationär in der Alltagskultur präsent ist – als Mandala. Doch sind Mandalas (Sanskrit: «Kreis») im eigentlichen Sinne symbolische Vermittler sakraler Inhalte, die nicht «von dieser Welt» stammen, ihrem Charakter nach «über diese Welt hinausreichen» bzw. jenseitig von dieser Welt liegen und von dort aus möglicherweise diese Welt beeinflussen oder gar bestimmen. In einem derartigen Mandala finden sich Darstellungen der dem Weltgeschehen zugrunde liegenden Prinzipien.

Schon der griechische Philosoph Platon beschreibt diese «Heilige Geometrie» sowohl als Zugang zu diesen Prinzipien wie auch als deren Ausdruck. Da sie sich rein vernunftmässigen Erklärungsmustern entziehen, werden sie in visionären Schaubildern wie Mandalas auf symbolische Art und Weise dargestellt – sowohl in Vielfalt mittels hunderter Gottheiten als auch in Reduktion durch eine Beschränkung auf heilige Silben oder abstrakte Formen. Die einzelnen Bereiche der Erkenntnis und damit des Mandalas sind oft als stufenförmig angelegt zu verstehen – sie schrauben sich sinnbildlich in die Höhe, entsprechend der uralten menschlichen Vorstellung des oberhalb von ihm liegenden Kosmischen, den himmlischen Sphären, den entrückten Bergen, auf denen die vollendeten Wesen leben.

Daher ist das Gedankengebäude des Mandalas auch in der Architektur zu finden – sei es in den steinzeitlichen Kreisheiligtümern, den weltweit verbreiteten Pyramiden, den Tipi-Arrangements der Sioux-Indianer, den Rosenfenstern gotischer Kathedralen, den Stupas Tibets, den Jain- und Hindu-Tempeln Indiens, den Stufenheiligtümern Südostasiens oder den Kuppeln islamischer Moscheen bis in die Moderne zum Atomium in Brüssel.

Die Wahrheit liegt auch innen

Doch gleichzeitig wird die Wahrheit auch als im Menschen selbst liegend erachtet: In der Innenschau, der Meditation, der Trance wird sich der Mensch der kosmischen, auch ihn durchdringenden Prinzipien bewusst und sucht diese zu verwirklichen. Auch hier weisen die weltweit entwickelten Techniken grosse Übereinstimmungen auf: von den Trancetanz-Techniken der Schamanen, die ihren Einzug auch in die sogenannten «Hochreligionen» gehalten haben, sowie ihren Rausch-Reisen auf psychedelischen Drogen hin zu den Meditationspraktiken, wie sie in allen Religionen praktiziert werden und in denen mitunter Mandalas wiederum als Hilfen Verwendung finden bzw. Mandalas, unabhängig von der angewendeten Technik zur Erlangung des erweiterten Bewusstseinszustandes, die visionären Schauen übereinstimmend repräsentieren. 

hvm

Kontakt:

https://hvmsg.ch/ausstellungen/mandala2019.php

#Mandala #HistorischesUndVölkerkundeMuseumStGallen #HVM #PeterVanHam #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Mandala

Bild: Alchi-Manjushri Mandala – Foto: © https://hvmsg.ch/ausstellungen/mandala2019.php

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 13. Juli 2019
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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