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23. Juni 2021

«BELLELAY – CHRISTOPH RÜTIMANN»

Die Sommerausstellung dieses Jahres in der Klosterkirche in Bellelay (Berner Jura) ist dem Künstler Christoph Rütimann (*1955, lebt und arbeitet in Müllheim, Thurgau) gewidmet. Sein künstlerischer Ansatz zeichnet sich aus durch die Vielfalt der Mittel und Techniken. Ob durch Installation, Video, Sound, Performance, Text oder Malerei, der Künstler interagiert mit dem Ort und hinterfragt Konventionen und Gesetzmässigkeiten des Orts (bis am 26. September 2021).

Bild: Installationsansicht «BELLELAY», Christoph Rütimann, 2021 – Foto: © Serge Hasenböhler

Der mehrfach ausgezeichnete, international bekannte Schweizer Künstler Christoph Rütimann (*1955) bespielt im Sommer 2021 die Klosterkirche Bellelay. Rütimann nimmt mit einem mehrschichtigen Setting Bezug zum Kirchenraum. Sein Werk zeichnet sich durch den Einsatz verschiedener Ausdrucksmittel aus. So werden BesucherInnen der Klosterkirche in den Genuss einer Performance kommen ebenso wie einer raumübergreifenden Installation, welche ihre Wahrnehmung des Raumes verändern wird. Die ausgestellten Werke – eine Art Triptychon im Raum – wurden eigens für den Ort erarbeitet oder weiterentwickelt.

Die Klosterkirche Bellelay vereint zahlreiche Geschichten. So findet sich die Geschichte eines kirchlichen Würdenträgers, der sich auf der Jagd verirrte und deshalb ein Gelübde abgab: Sollte er jemals nach Moutier zurückfinden, würde er dem Tier, das er jagte – einem Eber – eine Kirche stiften. Er fand den Heimweg. Es gibt aber auch die Geschichte eines Prämonstratenserordens, in dessen Kloster in Bellelay einst der Tête de Moine hergestellt wurde. Gleichzeitig ist da die Geschichte eines Baumeisters aus dem Vorarlberg, der die heutige Kirche 1714 erstellt hatte, die noch immer in erhabenem Glanz erscheint. Und es ist die Geschichte einer Brandschatzung im Rahmen der Säkularisierung durch französische Truppen im Jahr 1797 und zahlreicher (Um)Nutzungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. So diente die Klosterkirche als Uhrenwerkstatt, sie war eine Brauerei und eine Glashütte, Lager und Stall.

Seit den 1960er-Jahren bis heute werden darin regelmässig Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst gezeigt. Jede einzelne dieser Ausstellungen leistet ihren Beitrag zur historischen Vielschichtigkeit, indem sie jeweils ihre Spuren einschreibt. Gleichzeitig bieten die künstlerischen Interventionen eine Lesart der Geschichte, sei es durch Bezugnahme zur Architektur, zur Topografie oder zu den verschiedenen Nutzungen, und sie tragen somit zu ihrer zeitgenössischen Einordnung und einer Erweiterung des Erfahrungsspektrums dieses Kulturerbes bei.

Christoph Rütimann: «Bellelay», 2021

Im Sommer 2021 bespielt der Schweizer Künstler Christoph Rütimann (*1955, lebt und arbeitet in Müllheim/TG) die Klosterkirche. Seine künstlerische Sprache besticht durch eine Vielzahl an Strategien, die stark durch sein Interesse an naturwissenschaftlichen Vorgängen geprägt sind. Jedes Werk entzieht sich dabei einer klaren Genrezuweisung: Ob durch Installation, Video, Sound, Performance, Text oder Malerei, der Künstler interagiert immer mit dem Ausstellungsort und hinterfragt seine Konventionen und Gesetzmässigkeiten. Dabei agiert Rütimann an der Schnittstelle zwischen objektiver Beschreibung und subjektiver Erfahrung und erzeugt Reibungsflächen, indem er neue Perspektiven auf Bekanntes eröffnet.

Bestimmte Elemente ziehen sich durch Rütimanns gesamtes Werk. Nämlich welche? Der Künstler setzt sie unter dem Ausstellungstitel «Bellelay» auch in der Klosterkirche ein. Sie dienen als Stilmittel der Aktivierung von unterschiedlichen Fragestellungen und schaffen durch Form und Material Parallelen zum Ausstellungsort. In Bellelay sind da: eine Kugel aus Bauschuttholz (Inversion), eine schiefe Ebene (Inklination) und monumentale Gemälde hinter Glas (Reflexion), Materialien, die auf die Bausubstanz der Klosterkirche verweisen. Jedes dieser drei Werke ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern neue Raumerfahrungen im Kirchenschiff.

«Die schiefe Ebene» (2021) – Inklination

Inklination bezeichnet eine Schräge in der Architektur, die insbesondere beim Bau von griechischen Tempeln zum Einsatz kam, um eine Illusion der Bewegung zu erzeugen. Der Begriff bezeichnet gleichermassen den Verlauf der magnetischen Feldlinien des Erdmagnetfeldes, also deren Neigung zur Horizontale (am Äquator beträgt die Inklination 0°). In der Klosterkirche findet das Prinzip der Inklination seine Materialisierung in der ortsspezifischen Arbeit «Die schiefe Ebene». Sie weist eine Neigung von 15° auf und nimmt den Raum der Kirche von der nordöstlichsten Ecke des Chors bis in das Querschiff in Besitz. So stellt sie die Symmetrie des Ortes in Frage. In der Tat bestimmt eine raffinierte Komposition der Säulen in der Abteikirche die Zentralperspektive des Ortes, und ein Trompe-l’oeil erzeugt eine einzigartige Tiefenwirkung. Genau hier greift Christoph Rütimann ein, um den Rhythmus zu brechen und ein Gefühl der Desorientierung im Raum zu erzeugen.

«Eine Einigelung» (2018-2021) – Inversion

Inversion wiederum umschreibt sowohl in den Sprachwissenschaften als auch in der Geografie die Umkehrung einer Normalabfolge in einem Satz und gleichzeitig die Temperaturabstufungen in der Atmosphäre. Die «Einigelung», eine aus Altholz gebaute Kugel, ist ein Langzeitprojekt Rütimanns, das 2019 seinen Anfang in Bern nahm. Von dort aus schickte Rütimann die Kugel bei Wind und Wetter auf Reisen. Über mehrere Stationen im Kanton Thurgau erreichte sie den Bodensee und streifte dabei mehrere von Franz Beer – auch Baumeister der Klosterkirche Bellelay – erbaute Gebäude, um nun in den Kanton Bern zurückzufinden, wo sie in der Klosterkirche neue Höhen erreichen wird. Gerade diese Kugel veranschaulicht, wie gerne und geschickt sich Rütimann zwischen den Genres bewegt und Mehrdeutigkeiten Ausdruck verleiht. Ist diese Kugel eine Skulptur? Eine Behausung? Architektur? Alles in einem – vielleicht! Die vom Künstler selbst gebaute, mannshohe Kugel beeindruckt vor allem durch ihre rohe Gestalt, insbesondere wenn Rütimann hineinsteigt und die Kugel daraufhin ins Rollen gebracht wird. Da erfährt der Künstler schmerzvoll die Macht der Schwerkraft am eigenen Körper und den Betrachterinnen und Betrachtern wird auf einen Schlag klar: Christoph Rütimann macht es sich nicht in der Komfortzone bequem. 

Hinterglasbilder (2021) – Reflexion

Reflexion oder Spiegelung ist ein Stilmittel der Selbstwahrnehmung und ein Tor in Paralleluniversen. Im Barock war es über seine symbolische Bedeutung hinaus ein wichtiges Instrument, um Raumerfahrungen zu schaffen. In Rütimans Ausstellung «Bellelay» bilden zwei Hinterglasgemälde den dritten Teil des Triptychons. Sie sind eine Liebeserklärung an die Lieblingsfarbe des Künstlers: Gelb. Die Technik der Hinterglasmalerei erlaubt es Christoph Rütimann, sowohl das Material Glas zu erforschen als auch an der Schnittstelle zwischen philosophischen und naturphilosophischen Fragen rund um die Wahrnehmungsverschiebungen durch den Spiegeleffekt zu arbeiten. Tatsächlich weisen die Hinterglasbilder eine hohe Spiegeleigenschaft auf. Sie umfassen den Raum und machen die Betrachterinnen und Betrachter zu einem Teil des Bildes. Seine hybride Vorgehensweise dient dem Künstler dazu, lokalspezifische Gegebenheiten, die sich ihm in Bellelay bieten, in sein Werk zu integrieren und den Ort und das Werk gleichzeitig zu hinterfragen.

Diese Hinterfragung verläuft topologisch entlang der Symmetrieachse vom Kirchenschiff über den Chor hin zur Apsis. Rütimanns präzise Setzung einzelner Elemente fragmentiert den Ort und lädt die BetrachterInnen dazu ein, eigene Wahrnehmungsstrategien zu überprüfen und die eigene Präsenz als Bestandteil des Ortes bzw. des Kunstwerks wahrzunehmen. 

Marina Porobic, Kuratorin

Die Klosterkirche im Berner Jura konnte sich in den vergangenen Jahrzehnten einen fixen Platz in der Ausstellungsagenda zeitgenössischer KunstliebhaberInnen erarbeiten und ist dank der weitläufigen Landschaft ebenso beliebtes touristisches Ausflugsziel. Begleitveranstaltungen und ein Katalog ergänzen die Ausstellung.

Öffnungszeiten:

MO-FR: 10:00-12:00/14:00-18:00 Uhr

SA/SO: 10:00-17:00 Uhr

Eintritt: 6.–/4.–

04.07.2021, 15 Uhr: Katalogvernissage mit Performance Kaktus Haben von Christoph Rütimann

Flyer:

https://www.abbatialebellelay.ch/wp-content/uploads/2021/05/bellelay-2021-einladung-online.pdf

Kontakt:

https://www.abbatialebellelay.ch/saison/saison-2021/ 

#BELLELAY #ChristophRütimann #AbbatialeBellelay #KlosterkircheBellelay #MarinaPorobic #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 23. Juni 2021
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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