8. März 2022
«ZEITENWENDE – NOTKER DER DEUTSCHE (†1022)»
Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St.Gallen, vom 8. März bis am 6. November 2022, täglich 10 bis 17 Uhr

Foto oben: © Stiftsbibliothek St.Gallen
Am 28. Juni 1022, also vor tausend Jahren, starb einer der berühmtesten Gelehrten des Klosters St.Gallen: Notker der Deutsche (um 950 – 1022). Er war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, genialer Lehrer und der bedeutendste deutsche Übersetzer des Mittelalters, sondern auch ein Pionier der Aristotelesvermittlung und der erste, der das Deutsche als vollwertige Wissenschaftssprache verwendete. Die Stiftsbibliothek St.Gallen widmet ihm ihre Sommerausstellung.
Jahrtausendwende als Zeitenwende
Aus tragischem Anlass ist der Begriff Zeitenwende heute wieder in aller Munde. Auch die Zeit Notkers des Deutschen, die erste Jahrtausendwende, war ein Moment der Geschichte, der die Menschen aufwühlte. Das Jahr 1000 weckte Ängste vor einem Ende der Welt, aber auch Hoffnungen auf Erneuerung. Zeugnisse dafür finden sich auch in St.Gallen. Notker mahnte, dass der Tag der Sühne kommen könnte – allerdings nicht ängstlich, sondern im Sinn einer Erinnerung.
Ein Schüler als Zeuge und ein einzigartiger Werkkatalog
Über Notkers Leben wissen wir nicht viel. Einiges lässt sich aus seinen überlieferten Werken erschliessen, vor allem aber erzählt sein Schüler und Mitbruder Ekkehart IV. (um 980 – nach 1057) von ihm. Er weist einmal auf zwei Textzeilen in einem Manuskript hin, die Notker eigenhändig geschrieben habe. Sie sind das einzige bisher gesicherte Autograph Notkers. Welche Werke Notker verfasste, wissen wir aus einem Brief an den Bischof von Sitten, den er zwei bis drei Jahre vor seinem Tod verfasste. In diesem einzigartigen Text zählte er seine Werke auf und hielt seine Arbeitsziele fest. Die Vorstellung von Notkers Schaffen in der Ausstellung folgt diesem authentischen Bericht.
Begründer der deutschen Wissenschaftssprache
Notker stattete die St.Galler Klosterschule, die damals europaweit zu den besten gehörte, mit neuem Unterrichtsmaterial aus und verfasste dabei zahlreiche Schriften zu den verschiedensten Lehrfächern. Kulturhistorisch herausragend sind seine althochdeutschen Übersetzungen lateinischer Autoren. Sie basierten auf der Überzeugung, dass man schwierige Texte nur in der eigenen Sprache ganz begreifen könne. Heute, angesichts der Dominanz des Englischen, ist diese Feststellung sehr aktuell und bedenkenswert. Mit seinen Werken und in seinem Unterricht hob Notker das Deutsche auf die gleiche Stufe wie das Latein und machte es als erster zur vollwertigen Wissenschaftssprache. Aus diesem Grund wurde er bereits im 11. Jahrhundert «Notker der Deutsche» genannt.
Lateinisch–deutsche Mischtexte
Allerdings schuf Notker nicht Übersetzungen als Lauftexte, wie wir sie heute kennen, sondern Mischtexte, in denen sich der lateinische Originalsatz mit der deutschen Übersetzung und ergänzenden Erläuterungen abwechselte. Sein Ansatz war pädagogisch: Das Deutsche war Verständnishilfe, um die Inhalte richtig zu verstehen.

Bild: St.Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 818, S. 49, Pergament, 296 Seiten, 27 x 19.2 cm, St.Gallen, 11. Jahrhundert.
Die Aristoteles-Bearbeitung Notkers stellt eine einzigartige Pionierleistung dar. Mit ihr tritt Notker als der erste Aristoteles-Kommentator des Mittelalters in Erscheinung. Sogar die Diagrammbeschriftungen sind althochdeutsch, was ein Novum darstellt. https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0818/49
Erster Aristoteles–Kommentator des Mittelalters
In seinem Unterricht wollte Notker die Studierenden zur Theologie hinführen. Dabei bildete die Schulung des Denkens nach dem Vorbild der Philosophie eine wichtige Grundlage. Hier griff Notker auf die Arbeiten des grossen spätantiken christlichen Gelehrten und Politikers Boethius (um 480 – um 525) zurück. Er übersetzte dessen «Trost der Philosophie» ins Deutsche und erläuterte dieses letzte grosse Zeugnis der antiken Philosophie kenntnisreich und souverän. In einem nächsten Schritt wandte er sich dann Aristoteles zu. Mit den Übersetzungen und Kommentaren zu dessen Kategorienlehre und Hermeneutik wurde er zum ersten Aristoteles–Kommentator des Mittelalters, auch dies eine bedeutende Pioniertat, mit der er seiner Zeit mindestens ein Jahrhundert voraus war.
Die älteste deutsche Musiktheorie
Eine Sonderstellung unter Notkers Werken hat der sogenannte Musiktraktat. Er ist wohl das einzige seiner Werke, das er ausschliesslich in deutscher Sprache verfasst hat. Auch hier beeindruckt der weite Horizont seines Wissens. Notker schuf damit die erste deutsche Musiklehre. Eine Kalenderberechnung schrieb der Autor einmal auf Latein und einmal auf Althochdeutsch – auch das war einzigartig in seiner Zeit.
Bibelwissenschaft mit Hiob und den Psalmen
Einige Werke Notkers sind zwar bezeugt, aber nicht mehr erhalten, darunter seine letzte Arbeit, eine kommentierende Übersetzung des biblischen Buchs Hiob. An seinem Todestag am 28. Juni 1022 soll er sie vollendet haben. Wenige Jahre danach besuchte die Kaiserin Gisela das Kloster St.Gallen und nahm leider bewundernd einige Handschriften mit Werken Notkers mit sich. Vermutlich ist dieses wichtige Werk dabei abhandengekommen. Weil der Hiob fehlt, gilt heute die kommentierte Übersetzung der Psalmen als Krönung von Notkers Schaffen. Die Stiftsbibliothek besitzt die einzige vollständige Abschrift dieses eindrücklichen lateinisch–althochdeutschen Mischtextes. Die schöne und gehaltvolle Psalterhandschrift beschliesst die Präsentation eines Lebenswerks, das zu den eindrücklichsten in der Schweizer Kultur– und Bildungsgeschichte zählt.
Ausstellungskatalog
Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, herausgegeben von Andreas Nievergelt mit einer Einleitung von Christine Hehle und Beiträgen von Andreas Nievergelt, Philipp Lenz, Cornel Dora und Franziska Schnoor.
Reichhaltiges Veranstaltungsprogramm
Ergänzend zur Ausstellung führt die Stiftsbibliothek ein reichhaltiges Sommerprogramm durch mit Vorträgen, Führungen, Handschriftenpräsentationen, Lesungen, Konzerten und wissenschaftlichen Tagungen. Besonders hervorzuheben ist die internationale wissenschaftlichen Tagung Notker der Deutsche von St.Gallen vom 28. Juni bis zum 1. Juli 2022.
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Kontakt:
https://www.stiftsbezirk.ch/de/stiftsbibliothek/
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Bild: St.Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 844, S. 13, Pergament, 93 Seiten, 22 x 16 cm, St.Gallen, 10. Jahrhundert.
Für seine Übersetzungen standen Notker in der Klosterbibliothek prächtige Handschriften zur Verfügung, wie dieser wichtige Textzeuge für den lateinischen «Trost der Philosophie» von Boethius. Die Gedichte sind in Mennigrot geschrieben und Textanfänge durch grosse Buchstaben (Initialen) hervorgehoben. https://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0844/13/0/
Kommentare von Daniel Leutenegger