30. September 2023
«MINING PHOTOGRAPHY. DER ÖKOLOGISCHE FUSSABDRUCK DER BILDPRODUKTION»
Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, bis am 21. Januar 2024

Bild: The Optics Division of the Metabolic Studio, Unearth lakebed developed prints from the Owens lakebed, 2013 © Metabolic Studio, LLC
Wie nachhaltig ist die Fotografie? Seit ihrer Erfindung ist sie von der Gewinnung und der Ausbeutung natürlicher Rohstoffe abhängig. Einst waren es in erster Linie Salz, Kupfer und Silber, seit der Erfindung der digitalen Fotografie ist die Bildproduktion auf Metalle wie Kobalt und Coltan sowie solche der Seltenen Erden angewiesen. Gleichzeitig werden bei der Verarbeitung der Bilder grosse Mengen an CO 2 freigesetzt. Anhand von rund 170 Arbeiten – zeitgenössische künstlerische Positionen, historische Fotografien und ExpertInneninterviews – zeigt die Ausstellung «Mining Photography. Der ökologische Fussabdruck der Bildproduktion» den Zusammenhang zur Geschichte des Rohstoffabbaus, der Entsorgung und des Klimawandels auf.
Eine Geschichte in fünf Kapiteln
Welches sind die Materialien, die für die fotografische Produktion Verwendung finden? Die Ausstellung erzählt diese Geschichte in fünf Kapiteln:
• Kupfer, Gold und die Daguerreotypie
• Fossile Brennstoffe wie Kohle und Bitumen für die Druckverfahren
• Silber für die weitverbreiteten Silbergelatineabzüge im 20. Jahrhundert
• Das Trägermaterial Papier und seine Beschichtung
• Das Gewicht der Cloud – Metalle der Seltenen Erden, Metalle, Energie und Abfall für (immer kleinere Kameras und) Smartphones
1. Kapitel: Kupfer, Gold und die Daguerreotypie
Es werden Kupferplatten untersucht, die in den 1840er- und 1850er-Jahren die ersten Bildträger der Fotografie waren. Sie wurden im industriellen Massstab vornehmlich in Paris produziert und weltweit vertrieben. Angetrieben durch fossile Brennstoffe wurde Kupfer im walisischen Swansea verarbeitet. Aus allen Teilen der Welt wurden Erze nach England transportiert und dort verhüttet, um weltweit gehandelt zu werden. Die Fotografie war vom Kupferhandel abhängig und ihre schnelle Verbreitung wäre ohne fossile Brennstoffe, koloniale Expansion und Ausbeutung von Bodenschätzen nicht denkbar gewesen. Die Fotografien aus der Ära des Goldrausches geben ein deutliches Bild von den Auswirkungen der extraktiven Bergbauindustrie. Sie dokumentieren sowohl die Zerstörung der Landschaft als auch die Selbstinszenierung der Goldgräber, die sich als Entrepreneure stolz der Kamera präsentieren. Als weibliche Pendants repräsentieren die sogenannten Grubenfrauen aus Wigan die unsichtbare Arbeit, die mit einem industrialisierten Produkt wie der Fotografie einhergeht.
Eine anlässlich der Ausstellung von Ignacio Acosta eigens angefertigte Arbeit untersucht die Rolle der Schweiz im Kontext seines seit 2010 laufenden Projekts «Copper Geographies», in dem der Künstler die internationalen Handelswege des aus seinem Herkunftsland Chile stammenden Kupfers verfolgt.
2. Kapitel: Fossile Brennstoffe wie Kohle und Bitumen für die Druckverfahren
Hier widmet sich die Ausstellung Russ und Kohle als Pigmenten, die als Beimischung von Farbpigmenten in der Fotografie zum Einsatz kommen, etwa in Arbeiten von Anaïs Tondeur, Oscar und Theodor Hofmeister oder Susanne Kriemann. Auf der Motivebene werden etwa Berner Moorlandschaften aus den 1940er-Jahren gezeigt, in denen der für die Fotografie genutzte Brennstoff Torf abgebaut wird. Der bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen entstandene Russ wird den Pigmenten beigemischt. Ein weiterer fossiler Brennstoff ist das lichtempfindliche Bitumen, ein natürlich vorkommender Asphalt, der in der Reproduktionsfotografie eingesetzt wurde.

Bild: Unbekannt, Silberbarren im Tresor von Kodak, 1945, Kodak Historical Collection, University of Rochester – Nutzung erlaubt durch Eastman Kodak Company
3. Kapitel: Silber für die weitverbreiteten Silbergelatineabzüge im 20. Jahrhundert
Das Edelmetall ist die Grundlage des fotografischen Bildes und wird dafür noch heute benötigt. Unter den in der Ausstellung behandelten Rohstoffen ist die Fotoindustrie für Silber zumindest zeitweilig der weltweit grösste industrielle Abnehmer. Hier zeigt sich die schiere Menge an benötigtem Material am deutlichsten.
Die Arbeiten von Daphné Nan Le Sergent und dem Kollektiv Optics Division of the Metabolic Studio berühren die Zusammenhänge des Rohstoffabbaus, seiner kolonialen Hintergründe und der Verarbeitung von Silber. Sergent beschäftigt sich auch mit dem Einfluss des Marktwerts des Edelmetalls, der technische Innovationen vorangetrieben und lukrativer gemacht hat.
4. Kapitel: Das Trägermaterial Papier und seine Beschichtung
Die Materialien Flachs, Baumwolle und Gelatine werden näher beleuchtet. Papier wurde im 19. Jahrhundert zunächst auf Basis von Lumpen, die aus Baumwolle oder Flachs bestanden, vornehmlich in Europa produziert. Die Baumwolle pflanzte und erntete man um 1860 in den amerikanischen Südstaaten mithilfe von SklavInnen, verschiffte sie nach Europa, um sie dort zu Stoffen zu verarbeiten, die dann als Lumpen den Hauptanteil von Papier ausmachten. Erst im 20. Jahrhundert wurde Holz in Form von Zellulose in der Papierproduktion eingesetzt. Die FotografInnen Alison Rossiter und F&D Cartier thematisieren die unterschiedliche Materialität historischer Fotopapiere in poetisch abstrakten Bildfindungen. Tierische Produkte waren für die Beschichtung dieser Papiere unabdingbar. Im 19. Jahrhundert waren es Eier, im 20. Jahrhundert Gelatine, die hauptsächlich aus Rinderknochen hergestellt wurde. Die brutale Realität der industrialisierten Fleischproduktion dokumentieren und reflektieren Madame d’Ora und James Welling, die sich auf unterschiedliche Weise den Materialien der fotografischen Beschichtung widmen. Für die Ausstellung hat Tobias Zielony eine Arbeit geschaffen, die auf Recherchen in der ehemaligen Agfa-Filmfabrik Wolfen basiert und auf die Aspekte von Arbeit und Ökologie in der Fotoindustrie fokussiert
5. Kapitel: Das Gewicht der Cloud – Metalle der Seltenen Erden, Metalle, Energie und Abfall
Es werden die Ressourcen thematisiert, die benötigt werden, um digitale Bilder zu produzieren, auszustellen und zu speichern. Der Abbau von Metallen der Seltenen Erden, die in unseren Smartphones und Datenspeichern zur Distribution von Bildern verbaut werden, verbraucht grosse Mengen Energie. Schliesslich landen die Seltenerdmetalle auf ständig wachsenden Bergen von Elektroschrott im globalen Süden, die ebenso schnell anschwellen wie der Hunger nach neuen Geräten. Den Aspekt des Recyclings behandelt Lisa Barnard in ihrem forschungsbasierten Werk «The Canary and the Hammer» über das Edelmetall Gold. Mary Mattingly verfolgt die komplizierten, oft undurchsichtigen Lieferketten von Kobalt, die sie kartografiert und deren Abbild sie fortwährend an das Marktgeschehen anpasst. Lisa Rave widmet sich in ihrem Videoessay dem Seltenerdmetall Europium.

Bild: Lisa Rave, Europium, 2014 © Lisa Rave
Beteiligte KünstlerInnen
Ignacio Acosta, Lisa Barnard, Hermann Biow, F & D Cartier, Oscar und Theodor Hofmeister, Susanne Kriemann, Jürgen Friedrich Mahrt, Mary Mattingly, Daphné Nan Le Sergent, Optics Division of the Metabolic Studio (Lauren Bon, Tristan Duke und Richard Nielsen), Madame d’Ora, Lisa Rave, Hermann Reichling, Alison Rossiter, Eugenio Schmidhauser, Robert Smithson, Anaïs Tondeur, James Welling, Tobias Zielony
Interviews mit ExpertInnen
• Kupfer, Gold und die Daguerreotypie: Katrin Westner, Mineralogin, und M. Susan Barger, Restauratorin
• Kohle und Bitumen für Druckverfahren: Hans Joosten, Biologe
• Silber für Silbergelatineabzüge: Rainer Redmann, Chemiker
• Papier und seine Beschichtung: Katherine Mintie, Kunsthistorikerin
• Das Gewicht der Cloud, Seltene Erden und weitere Metalle: Hannah Pilgrim, Aktivistin
Historisches Material und Leihgaben
Historisches Bildmaterial aus der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, dem Agfa Fotohistorama Leverkusen, dem Eastman Kodak Archive, Rochester, dem FOMU Antwerpen, der Trinity College Library, Cambridge, den Staatsarchiven Tessin und Bern, von Alexander von Humboldt gesammelte Mineralienproben aus der Sammlung des Museums für Naturkunde, Berlin, sowie Cartes de visite von Minenarbeiterinnen repräsentieren die Fülle fotografischer Produkte und Verfahren, deren Rohstoffe die Ausstellung in den Mittelpunkt rückt.
Ausstellungskatalog
Zur Ausstellung ist eine Publikation (deutsch und englisch) erschienen mit Beiträgen u. a. von Siobhan Angus, Nadia Bozak, Boaz Levin, Brett Neilson, Esther Ruelfs, Christoph Ribbat, Karen Soli. 174 Seiten. Spector Verlag, Leipzig.
AusstellungskuratorInnen
Die Ausstellung wird kuratiert von Esther Ruelfs, Leiterin der Sammlung Fotografie und neue Medien am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg MK&G, und vom Künstler, Autor und Kurator Boaz Levin.
Kooperation Ausstellung
Eine Kooperation zwischen dem Gewerbemuseum Winterthur und dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.
gmw
Kontakt:
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Bild: John Cooper: Minenarbeiterin, 1860er-Jahre – © Trinity College Library, Cambridge
Kommentare von Daniel Leutenegger