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16. Juni 2026

«OTTO NEBEL – FARBE SPRACHE FORM»

Ausstellung im Schloss Spiez, vom 19. Juni bis am 18. Oktober 2026

Otto Nebel, Aufgelockert, 1956 Öl auf Leinen, 53.5 x 52 cm Otto Nebel-Stiftung

Bild: Otto Nebel, Aufgelockert, 1956, Öl auf Leinen, 53.5 x 52 cm, © Otto Nebel-Stiftung

Otto Nebel war Maler, Dichter und eine der eigenwilligsten Künstlerpersönlichkeiten der Moderne. Geprägt vom Ersten Weltkrieg, früh sensibilisiert für die Gefahren des Nationalsozialismus und seit 1933 als Flüchtling in der Schweiz, fand er in Bern zu einer reifen und unverwechselbaren Bildsprache.

Die Ausstellung «Otto Nebel. Farbe Sprache Form» im Schloss Spiez lädt dazu ein, diesen aussergewöhnlichen Künstler neu zu entdecken.

Otto Nebel, Flüchtlinge, 1935
Deckfarben und Tusche auf Papier, 39 × 29 cm Otto Nebel-Stiftung

Bild: Otto Nebel, Flüchtlinge, 1935, 
Deckfarben und Tusche auf Papier, 39 × 29 cm, © Otto Nebel-Stiftung

Zwischen Wort, Bild und Klang

Otto Nebel gehört zu jenen Künstlern, die sich nicht auf eine einzige Kategorie festlegen lassen. Er war Maler, Dichter, Denker und Vortragskünstler. Geboren wurde er am 25. Dezember 1892 in Berlin. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung im Baufach, danach wandte er sich dem Theater zu und nahm Schauspielunterricht. Beides blieb für sein späteres Werk wichtig: vom Bauhandwerk her kam das konstruktive Denken, vom Theater das Gespür für Sprache.

Der Erste Weltkrieg als Zäsur

Der Erste Weltkrieg wurde für Otto Nebel zur prägenden Erfahrung. Er war Soldat an verschiedenen Fronten und verbrachte ab 1918 vierzehn Monate in englischer Kriegsgefangenschaft. Schon in dieser Zeit entstanden erste literarische und bildnerische Arbeiten. Kunst wurde für ihn zu einer Form innerer Rettung und geistiger Selbstbehauptung.

Die Kriegserfahrung wirkte lebenslang nach. Sie schärfte sein Misstrauen gegenüber Pathos, Parolen und sprachlicher Verführung. Aus dieser Erfahrung ging auch seine eindringliche Antikriegsschrift Zuginsfeld hervor – Nebel zerlegt darin die Sprache des Militarismus in Befehle, Schlagworte und Redensarten. Er montiert, verfremdet und entlarvt sie.

Otto Nebel, Ein Dorf träumt vom Monde, 1934
Öl auf Leinwand, 53,5 × 67,5 cm
Kunstmuseum Thun, Depositum der Otto Nebel-Stiftung Foto: Christian Helmle

Bild: Otto Nebel, Ein Dorf träumt vom Monde, 1934
, Öl auf Leinwand, 53,5 × 67,5 cm, 
Kunstmuseum Thun, Depositum der © Otto Nebel-Stiftung – Foto: Christian Helmle

Im «Sturm»-Kreis – und doch ganz eigenständig


Nach der Rückkehr nach Berlin fand Nebel Anschluss an den Kreis um Herwarth Walden und die Zeitschrift «Der Sturm», eines der wichtigsten Zentren der Avantgarde. Er veröffentlichte Texte, las an «Sturm»-Abenden und bewegte sich in einem Milieu, in dem Literatur, Malerei, Bühne und Musik eng miteinander verbunden waren. Es ergaben sich Kontakte unter anderem zu Kurt Schwitters oder Georg Muche sowie etwas später zu Paul Klee und Wassily Kandinsky.

Schon früh ging Nebel jedoch seinen eigenen Weg. Das zeigen seine sogenannten Runenfugen, in denen er die Sprache auf einen begrenzten Vorrat von Buchstaben reduzierte und daraus streng gebaute, rhythmisch und klanglich organisierte Texte formte. Dahinter stand der Wunsch nach einer unverbrauchten Sprache jenseits der Floskeln und Phrasen seiner Zeit. Diese Suche nach elementarer Ordnung führte ihn auch in der Malerei weiter.

Bild: © Otto Nebel, Im Goldgelb, 1939, Tempera auf Papier, 56,8 × 50,3 cm, Otto Nebel-Stiftung

«Meine Malerei ist Dichtung»

Otto Nebel hat sein Selbstverständnis in einem Satz auf den Punkt gebracht: «Meine Malerei ist Dichtung, die Schwester meiner Wortkunst.» Beides diente dazu, Unsichtbares sichtbar, Unhörbares hörbar, Unfassbares erfahrbar zu machen.


Seine Malerei löst sich zwar zunehmend vom äusserlich Erkennbaren, aber nicht, um die Welt hinter sich zu lassen. Landschaften, Städte, Kathedralräume, Reiseeindrücke oder Naturerfahrungen bleiben oft der Ausgangspunkt. Im Bild jedoch werden sie in Farbrhythmen, Lichtordnungen, Zeichen und Spannungen verwandelt. Das Ungegenständliche ist bei Nebel keine Abkehr von der Wirklichkeit, sondern deren Verdichtung in eine innere Ordnung.

Otto Nebel, Die Kathedrale,1930, Öl auf Leinwand, 125,2 × 95,3 cm, Kunstmuseum Thun
Depositum Otto Nebel-Stiftung, Foto: Christian Helmle

Bild: © Otto Nebel, Die Kathedrale,1930, Öl auf Leinwand, 125,2 × 95,3 cm, Kunstmuseum Thun
, Depositum Otto Nebel-Stiftung – Foto: Christian Helmle

Farbe als Erlebnis

Entscheidende Impulse erhielt Nebel auf Reisen, vor allem in Italien. 1931 entstand dort sein Farben-Atlas von Italien, ein Kompendium des Sehens, das für viele spätere Arbeiten prägend wurde. Italien war für ihn nicht nur Landschaft, Architektur und Geschichte, sondern vor allem Schule des Lichts.

Nebel entwickelte eine Kunstauffassung, in der Farbe und Licht zu zentralen ordnenden Kräften wurden. Aus Einflüssen wurde bei Nebel nie Nachfolge. Er eignete sie sich an, um daraus etwas Eigenes zu machen. Seine Bilder entstanden oft Schicht um Schicht auf sorgfältig vorbereitetem Grund. Hier zeigt sich der frühere Bauzeichner: Nebel «baute» seine Bilder.

Flucht in die Schweiz

Früh erkannte Otto Nebel, welche Gefahr vom Nationalsozialismus ausging.1933 emigrierte er zusammen mit seiner Ehefrau Hildegard Nebel in die Schweiz. Hier traf er Paul Klee wieder.
Die Schweiz bedeutete Rettung, aber kein einfaches Leben. Die ersten Jahre waren von Unsicherheit geprägt: Erwerbsverbot, behördliche Überwachung, schwierige Aufenthaltsfragen und die ständige Bedrohung durch Ausweisung. Dennoch arbeitete Nebel mit grosser Beharrlichkeit weiter. Hinzu kam ein schmerzlicher Verlust: 1943 wurden in Berlin durch Kriegseinwirkungen über hundert Bilder, Hunderte von Zeichnungen und zahlreiche Manuskripte vernichtet.

Otto Nebel, Verwunschener Garten, 1935, Tusche, Deckfarben, Firnis und Goldhauch auf Papier, 56,7 × 44 cm
Otto Nebel-Stiftung

Bild: © Otto Nebel, Verwunschener Garten, 1935, Tusche, Deckfarben, Firnis und Goldhauch auf Papier, 56,7 × 44 cm, 
Otto Nebel-Stiftung

Bern wird zur künstlerischen Heimat

In Bern fand Nebel nicht nur Zuflucht, sondern den Raum zu einer reifen Entfaltung. Hier entstanden zentrale Werkgruppen, darunter die Kathedralen- und Dombilder sowie später die sogenannten «U»-Bilder, in denen sich seine ungegenständliche Bildsprache voll ausprägte.

Bern war für Nebel weit mehr als Wohnort. Hier schrieb er Tagebücher, Aphorismen und theoretische Texte. 1952 erhielt Otto Nebel das Schweizer Bürgerrecht, womit seine Verbindung zu Bern auch rechtlich gefestigt war, ohne dass die Erfahrung von Fremdheit je ganz verschwand.

Aufbruch im Alterswerk

In den 1950er- und 1960er-Jahren erreichte Otto Nebels Malerei noch einmal eine besondere Freiheit und Geschlossenheit. In vielen Werken dieser Zeit tritt der Gegenstand weit zurück; Farbe, Licht und Zeichen gewinnen ein fast autonomes Eigenleben.
 Einen wichtigen neuen Impuls brachte die Nahostreise von 1962. Die Schiffsreise führte ihn von Venedig bis ans Schwarze Meer. Es entstand eine reiche Folge von Blättern, die Nahost-Reihe. In den Schriftzeichen und Ornamenten orientalischer Architektur, besonders an Moscheen, erkannte Nebel eine überraschende Nähe zu seinen eigenen Runen- und Zeichenformen.

Anerkennung und Vermächtnis

Dank der Vermittlung Wassily Kandinskys fand Otto Nebel ab 1936 Zugang zur Guggenheim Foundation in New York. Hilla von Rebay, die dort eine führende Rolle spielte, setzte sich in der Folge entschieden für ihn ein; die Förderung und Werkankäufe dauerten bis um 1950. Als diese Hilfe auslief, arbeitete Otto Nebel – durch Vermittlung von Felix Klee – als Sprecher beim Radio und gehörte als Schauspieler von 1951 bis 1954 dem Ensemble der neu gegründeten Berner Kammerspiele an, des späteren Atelier-Theaters.


In den 1950er- und 1960er-Jahren wuchs auch die öffentliche Anerkennung seines Werks. 1969 schenkte Nebel dem Kunstmuseum Bern rund 200 Werke. 1971 wurde die Otto Nebel-Stiftung gegründet. Als der Künstler 1973 in Bern starb, hinterliess er ein gewaltiges Œuvre: rund 2’000 gemalte Werke, mehr als 4’000 Zeichnungen, Hunderte von Linolschnitten sowie umfangreiche Tagebücher und Schriften.

Otto Nebel, Lichter und Schatten, 1934 /1939 Öl auf Halbölgrund auf Leinwand, 29 × 25 cm Kunstmuseum Bern, Schenkung Otto Nebel

Bild: © Otto Nebel, Lichter und Schatten, 1934 /1939 Öl auf Halbölgrund auf Leinwand, 29 × 25 cm, Kunstmuseum Bern, Schenkung Otto Nebel

Warum Otto Nebel heute neu zu entdecken ist

Otto Nebel war ein Künstler, der an den Übergängen arbeitete: zwischen Wort und Bild, zwischen Klang und Farbe, zwischen Wahrnehmung und geistiger Ordnung. Gerade darin liegt seine Aktualität.
 Wer seine Bilder betrachtet, begegnet keiner bloss theoretischen Abstraktion. Selbst dort, wo sich die Darstellung vom Gegenstand löst, bleibt die Welt anwesend – verwandelt in Rhythmus, Licht und Farbe. Und wer seine Texte liest, merkt rasch: Auch der Dichter Otto Nebel malt – mit Lauten, Zeichen und sprachlichen Spannungen.

Die Ausstellung führt zu einem Künstler, dessen Lebensthema die Verwandlung war: von Kriegserfahrung in Kunst, von Flucht in innere Freiheit, von Bedrohung in Form. Gerade heute wirkt das erstaunlich modern. Denn Nebels Werk erzählt von Verlust und Beharrlichkeit, von Fremdsein und Ankunft, von der Kraft der Kunst, aus Bruchstücken einen neuen Sinn zu bilden. Otto Nebel war Berliner Avantgardist, Flüchtling, Berner Künstler, Maler und Dichter – vor allem aber war er ein Künstler, der unbeirrbar seinen eigenen Weg ging.

Projektleitung: Barbara Egli, Schloss- und Museumsleiterin


Kurator: Steffan Biffiger, Kunsthistoriker und Otto Nebel-Stiftung


cp

Kontakt:

https://www.schloss-spiez.ch/museum-ausstellung-sammlung/kunstausstellung/otto-nebel-2026

https://www.ottonebel.ch/stiftung.html

Otto Nebel im Atelier in Bern, 1952

Bild: Otto Nebel im Atelier in Bern, 1952 – Foto: wnw

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  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 16. Juni 2026
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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