18. August 2011
«Ohne die Kapuziner gäbe es unseren Kanton wahrscheinlich gar nicht»
«Was wäre Appenzell Innerrhoden ohne die Kapuziner?», fragte der regierende Landammann Daniel Fässler an der Vernissage zur Sonderausgabe der Helvetia Franciscana «Gelebte Armut. Kapuziner in Appenzell 1586-2011» in der vollen Kapuzinerkirche. Die Antwort gab er gleich selber: «Ich sage Ihnen: Wahrscheinlich gäbe es unseren Kanton ohne die Kapuziner gar nicht».

Bild: http://www.kapuziner.org
Von Adrian Müller / Kipa
Christian Schweizer, Provinzarchivar der Schweizer Kapuziner, Niklaus Kuster, Franziskusforscher und Lehrbeauftragter an verschiedenen europäischen Universitäten, sowie Josef Küng, Historiker und Gymnasiallehrer in Appenzell, haben sich mit den Kapuzinern appenzellischer Provenienzen, der Kapuzinerchronik und den Almosen-Sammlungen des Kapuzinerklosters Appenzell auseinandergesetzt und so eine interessante und lesenswerte Ausgabe der Helvetia Franciscana gestaltet. In einer weiteren Publikation wird sich Küng mit dem von den Kapuzinern gegründeten Kollegium Appenzell auseinandersetzen.
Appenzell liegt hinter den sieben Bergen
Niklaus Kuster beschäftigte sich in seiner Forschung mit der Gesamtchronik des
Klosters Appenzell. Dabei stellte er fest, dass die braunen Brüder vor Ort
nicht wie Benediktinerklöster eine konstante Klosterchronik geschrieben haben.
Und für die in Luzern residierenden Provinzchronisten war das Kloster im fernen
Osten hinter den sieben Bergen. «Namentlich meine ich Rigi, Zugerberg,
Höhronen und Etzel, Spermassiv, Wasserfluh und Hochalp», sagte der
Kapuziner schmunzelnd. Nur sporadisch scheinen Informationen aus dem
Alpsteinland nach Luzern gedrungen zu sein.
Die Gattung Chronik kenne keine Grundlinien und Trends, sagte
Niklaus Kuster. Es gebe nur Fakten, wie beispielsweise auf der Seite 22 der
Publikation nachzulesen: «1613. Um Appenzeller Töchter in einem eigenen
Frauenkloster unterzubringen und die Mitgift dadurch nicht ausser Landes gehen
zu lassen, erreicht der Rat beim Luzerner Nuntius und beim Konstanzer Bischof
die Gründung einer Kapuzinerinnengemeinschaft».
Die ersten Kapuziner in Appenzell waren Konvertiten
Die Analyse der Kapuziner appenzellischer Provenienzen brachte zu Tage, dass zu Beginn (1587 Grundsteinlegung des Klosters) Konvertiten wie Pater Ludwig von Sachsen nach Appenzell kamen und die Kapuzinerpräsenz aufbauten.
Erst 1594
tritt mit dem 19jährigen Jakob von Heimen der erste Appenzeller in die
schweizerische Kapuzinerprovinz ein. Unter Beifügung des Heimatortes wurde aus
Jakob von Heimen Isidor von Appenzell.
In den gut vierhundert Jahren Kapuzinerpräsenz gab es nur drei
Appenzeller, die in ihrer Heimat zum Guardian – zum Klostervorsteher – ernannt
wurden. Christian Schweizer deutet dies damit, dass der Orden und die Politik
damit entflochten werden sollten. Viele Appenzeller gingen jedoch als Kapuziner
in die Welt hinaus. Appenzeller Brüder wirkten in Tansania, Kenia, Indonesien,
Rom und Abu Dhabi. Gandolf Wild wurde dabei Provinzial der Provinz Tansania.
Saurer Wein aus dem Rheintal
«Während in Appenzell von den Kapuzinern vor allem Schmalz und Käse
gesammelt wurde, waren es in den übrigen Gebieten vor allem Gemüse, Obst,
Honig, Salz und Wein», konnte Josef Küng in den Quellen eruieren. Dabei
wiesen die Quellen speziell darauf hin, dass der Wein aus dem Rheintal sauer
gewesen sei, bemerkte der Historiker. «Den sauren Wein verwendete man für
Boten, für Pilger und für Bettler», konnte Josef Küng dem schmunzelnden
Publikum offenbaren, «aber auch für Messwein. Der gute Wein jedoch kam an
besonderen Festanlässen zum Einsatz».
Erstaunt und mit Interesse hat der indische Kapuziner George
Francis Xavier die Publikation «Gelebte Armut» lesend verschlungen.
«Diese Geschichte, eure Vermischung von Religion und Politik ist spannend.
Das kennen wir bei uns in dieser Art nicht», stellte er bei der Lektüre
fest.
Hinweis:
Die Publikation «Gelebte Armut. Kapuziner in Appenzell 1586-2011» kann für 20 Franken bezogen werden beim
Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner
Wesemlinstrasse 42
6006 Luzern
provinzarchiv.ch@kapuziner.org
Diese Ausgabe der Helvetia Franciscana hat 216 Seiten und vierzig historische Fotos und Illustrationen. Die Folgenummer mit dem Titel «Für Gott und die Jugend – Das Kollegium und Gymnasium St. Antonius in Appenzell, eine Bildungsanstalt des 20. Jahrhunderts für Innerrhoden» kann ebenda für 20 Franken bestellt werden (Ausgabe November 2011).
Kontakt:
http://www.kapuziner.de/medien/zeitschriften/schweiz.php
Kommentare von Daniel Leutenegger