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19. Februar 2010

MOMENT (6): Schläfrig wach unterwegs von Thun nach Bern und rund um den Planeten

Von Christian Lundsgaard-Hansen (Blomstre)

MOMENT (6): Schläfrig wach unterwegs von Thun nach Bern und rund um den Planeten

Bilder: Blomstre

 

Schläfrig wach unterwegs von Thun nach Bern und rund um den Planeten


Von Christian Lundsgaard-Hansen (Blomstre)

 

Es ist mitten in der Nacht. Ich stehe am Bahnhof Thun, auf dem Heimweg von einer Bandprobe, und kann nicht glauben, dass der letzte Zug Richtung Bern eine Ehrenrunde durchs Gürbental dreht. Etwas müde und belanglos ratlos steige ich in die S-Bahn und richte mich auf eine Stunde (!) Fahrzeit ein.

Zu müde um mein Buch weiterzulesen, zu wach, um müde zu sein, fühle ich mich der trägen Langeweile ausgeliefert und zeige eine heute darauf gängige Reaktion: Ich zücke mein iPhone und durchstöbere die neusten Podcasts aus Los Angeles.

Obwohl ich mir keiner Lust bewusst bin, wähle ich den «Low End Theory Podcast». Jener  Podcast bietet jeden Monat aufs Neue ein spannendes Set zukunftsweisender Musik an. Was verbirgt die «Low End Theorie», oder noch wichtiger: was gibt sie preis? Im ersten Moment denkt man vielleicht an eine moderne physikalische Gesetzmässigkeit aus der Quantenwelt oder an einen kleinen Bruder der Chaos Theorie – klingt weither geholt, aber ich gestehe, mir ist es so ergangen.

Die «Low End Theory» verweist auf eine Kommune talentierter und rastloser DJs und Produzenten sowie auf einen Clubabend mit interessiertem Publikum, gewillt jede Woche von neuem von herausforderndem Klanggeschmätter und eigenartig gebrochenen Beats überrascht und beansprucht zu werden.

So wird auch nichts aus einer schläfrigen Heimfahrt, als sich eine der experimentellen Klangepisoden eben jener DJs durch meine Gehörgänge arbeitet. Es mischen sich abstruse Gesänge mit weltlichen Trommeln, zerhackt von verzerrten Nintendo-Synthesizern und arhythmischen Beats, abgelöst von geschicktem Freestyle-Rap, um schliesslich bei einer psychedelischen Hammond zu enden. Dem Motto folgend, die aufregendsten Sounds kollidieren zu lassen, muss ich mich dem anspruchsvollen «Low End Theory Podcast» ergeben und einer anderen Musik zuwenden.

Der Zug hält in Kaufdorf an. Kaufdorf, ein Ort, der sich rühmt, 50 Jahre vor der Stadt Bern gegründet worden zu sein, ziert das Gürbental schon seit 1148. Als ein Ort des Handels ohne Handelsplatz gehörte «Cuffedorf» damals dem Kluniazenser-Kloster.

Innert Minuten habe ich mich mit meinem iPhone über die Ursprünge der Ortschaft nahe Belp informiert. Noch schneller aber stehe ich nur kurz darauf mit dem Future-Funk-Helden Dâm-Funk aus L.A in Kontakt. Per Twitter, einem globalen Kurznachrichtendienst, teile ich ihm zwischen Kaufdorf und Kehrsatz mit, dass mir das Video auf XLR8R, einem sehr empfehlenswerten Musikmagazin, sehr gut gefallen hat, wo er und eine weitere kalifornische Perle namens Nite Jewel zu sehen sind, wie sie spontan zusammen einen groovig souligen Song mit einem 8-Spur-Band-Rekorder aufnehmen. Das resultierte Stück heisst «Am I Gonna Make It» und ist gratis via XLR8R zu haben.

Das Internet umwebt den Planeten, verbindet, was getrennt war und vereint alles in der Google-Zone. Nichts ist mehr, wie es war, seit in der Tiefe der Ozeane Glasfaserkabelnetze angelegt wurden. Und obwohl das Web 2.0 die virtuelle Reinkarnation der Demokratie zu sein scheint, liegt dennoch irgendwo das Herz des globalen Nervensystems. «ICANN» – ein unbekanntes Kürzel – steht für «Internet Corporation for Assigned Names and Numbers» und kann als jenes Gebilde verstanden werden, welches das Internet in der Hand hat.

Erst Ende 2009 (!) wurde durch eine medial nicht beachtete Vereinbarung die «ICANN» von der US-Regierung, genauer vom Handelsministerium der USA, abgekoppelt und wird jetzt von der internationalen Gemeinschaft  regelmässig geprüft. Dennoch unterliegt die Korporation mit Hauptsitz in Marina del Rey, einem Ort, welcher noch von Los Angeles verwaltet wird, noch immer der amerikanischen Rechtssprechung. Ich weiss folglich nicht, als wie unabhängig das Internet wirklich betrachtet werden darf. Fakt ist, dass das virtuelle Netz nicht mehr wegzudenken ist. Folgt schon bald das Menschenrecht auf Facebook und Co.?

Erstaunt stelle ich fest, dass Weissenbühl bei Bern einen Bahnhof besitzt. Ich bin abgeschweift auf meiner Zugfahrt von Thun nach Bern. Nicht wie erwartet gleichgültig komme ich im Berner Hauptbahnhof an, verblüfft ob der fruchtbaren Mehrschichtigkeit dieser Momente, in denen man sich langweilt.

In Bern angekommen, bewege ich mich mit Musik von den Soulsavers durch den leeren Bahnhof. Die Bilder, welche meine Augen aufnehmen, passen zu meiner Stimmung – leer und alleine, orientierungslos im immer Gleichen.

Die markant raue Stimme von Mark Lanegan, dessen Gesicht mit den wohl gleichen Attributen zu beschreiben wäre wie jenen zu seiner Stimme, singt «will you miss me when I burn?», als Eiskristalle in mein Gesicht getrieben werden und die verwehten Strassenlichter die Brücke über die schwarze, morbide Aare zu beleuchten versuchen.

 

Links:

Low End Theory – Podcast

http://www.lowendtheoryclub.com/podcast/

Dâm-Funk – «I Wanna Thank You (For Steppin Into My Life)»

http://www.youtube.com/watch?v=FvyhVnZSEpg&feature=related

XLR8R – Magazin

http://www.xlr8r.com/

XLR8R – Dâm-Funk & Nite Jewel (Video)

http://revision3.com/xlr8rtv/nitefunk

Mark Lanegan – «Ugly Sunday»

http://www.youtube.com/watch?v=wzdTv7d72O0

Soulsavers – «Will You Miss Me When I Burn»

http://www.youtube.com/watch?v=zXGUQ9kP7CA

 


Christian Lundsgaard-Hansen (Blomstre)

Christian Lundsgaard-Hansen, geboren 1989, hat als Blomstre im vergangenen Jahr sein Debutalbum veröffentlicht und arbeitet seither an einem zweiten Album. Der Musikbeobachter und -sammler schreibt regelmässig für den MyDigitalSoul-Blog. Daneben studiert Christian Lundsgaard-Hansen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Bern.

Kontakt:

Blomstre: http://www.soundcloud.com/blomstre

oder http://www.myspace.com/blomstre

Blog: http://www.mydigitalsoul.blogspot.com

Für Anfragen offen und interessiert:

ch.lundsgaard@bluewin.ch

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  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 19. Februar 2010
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