Ausstellung in der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur, vom 12. März bis am 12. Juni 2022

Bild oben: Lucas Cranach d.Ä., Bildnis des Dr. Johannes Cuspinian, 1502-03, Fichtenholz, 60 x 45 cm © Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» / P. Schälchli, Zürich
Die von der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» (SOR) in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) konzipierte Ausstellung «Cranach – Die Anfänge in Wien» beleuchtet erstmals in einer eigenen Präsentation die künstlerischen Anfänge Lucas Cranachs d.Ä. (1472 – 1553).
Lucas Cranach d.Ä. zeichnet sich durch seine frühe künstlerische Meisterschaft aus und zählt zu den bekanntesten Künstlern des 16. Jahrhunderts; er war im unmittelbaren Umfeld Albrecht Dürers (1471-1528) tätig und befreundet mit Martin Luther (1483-1546). Die Lebensstationen von Cranachs mittleren und reifen Jahre sind weitgehend bekannt und nachvollziehbar, jedoch gibt es nur sehr wenige Quellen und Hinweise auf seine Ausbildung und seinen früheren Lebensweg.
Quellen legen nahe, dass der knapp dreissigjährige Cranach um 1500 nach Wien übersiedelte, wahrscheinlich in der Hoffnung, den sich dort etablierenden Humanistenkreis mit Bildnissen zu bedienen. Dort scheint er tatsächlich mit offenen Armen empfangen worden zu sein: Cranachs deutlich expressiver und emotionalisierter Bildstil und seine teils ganz neue Formensprache – wahrscheinlich beeinflusst von Dürer – kam gerade im Humanistenmilieu gut an, mäandern seine Werke doch zwischen althergebrachter religiöser Tradition und neuem humanistisch geprägtem Gedankengut.

Bild: Lucas Cranach d.Ä., Bildnis der Anna Cuspinian-Putsch, 1502-03, Fichtenholz, 60 x 45 cm © Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» / P. Schälchli, Zürich
Die Ausstellung in Winterthur und die anschliessend in Wien stattfindende gleichen sich, greifen doch beide das bisher weitestgehend unbekannte Frühwerk Cranachs auf und verbinden ihre Erkenntnisse in einem gemeinsam publizierten Ausstellungskatalog. Ausgehend von ihren eigenen Sammlungswerken legen beide Ausstellungen eigene Akzente: Die Winterthurer Sammlung richtet den Fokus auf Cranachs Portraitpraxis, die Wiener konzentriert sich auf das religiöse Bild.
Hinzu zum Ehediptychon des Johannes Cuspinian und seiner Frau Anna um 1502 von Winterthur gesellen sich noch weitere Bildnisse von Cranachs früher Schaffenszeit wie auch weiterer Künstler der Frührenaissance. Besonderes Augenmerk gilt dem spezifischen Portraittypus des Bildpaars, eine häufig gewählte Form in der Tafelmalerei dieser Zeit. Anhand von speziell für die Ausstellung kreierten Animationen können die Besucherinnen und Besucher auf Bildschirmen virtuell erkunden, wie diese Diptychen früher wohl präsentiert wurden.
Bemerkenswert ist auch Cranachs Umgang mit Figur und Landschaft, d.h. eine künstlerisch völlig neuartige Einbettung der Figur mitten in die freie Natur: ein Motiv, das er augenscheinlich bereits in seinen religiösen frühen Werken entwickelte. Der büssende Hl. Hieronymus aus dem KHM ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Bild: Lucas Cranach d.Ä., Büssender Hl. Hieronymus, 1502, Lindenholz, 56 x 41.4 cm © Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband
Von den zehn bekannten Gemälden der Wiener Zeit wird die Mehrheit im Rahmen des gemeinsamen Ausstellungprojekts und dank hochkarätigen internationalen Leihgaben zu sehen sein. Hinzu kommen herausragende Beispiele von Cranachs sehr seltenen Zeichnungen dieser Zeit. Ein besonderes Augenmerk wird auf die nachweisbare Arbeit Cranachs als Entwerfer von Druckgraphiken gelenkt – sein frühes druckgraphisches Werk wird vollständig präsentiert. In diesem Zusammenhang werden sehr selten gezeigte Beispiele der frühen Buchdruckkunst ausgestellt, wie zum Beispiel das Missale Salisburgense der Österreichischen Nationalbibliothek.

Bild: Lucas Cranach d.Ä., Kalenderscheibe zur Auffindung der Sonntagsbuchstaben, um 1502-03, Holzschnitt, Darstellung 16 x 15 cm © Österreichische Nationalbibliothek Wien
Anhand verschiedenartiger Exponate eröffnet sich ein farbenprächtiges und reiches Bild des humanistischen Milieus Wiens, eines der Kunstzentren der frühen Renaissance. Die Ausstellung wird begleitet von interaktiven Elementen und einem reichhaltigen Programm an praktischen Workshops und thematischen Sonderführungen für Gross und Klein, welche die Landschaftsauffassung des frühen 16. Jahrhunderts und verwandte Themen aufgreifen.
Ein die Ausstellung begleitender Katalog auf Deutsch, Englisch und Französisch ergänzt das kuratorische Anliegen mit einsichtigen und lesenswerten Texten von renommierten Cranach-Expertinnen und Experten. Die Ausstellung ist ein herausragendes Kooperationsprojekt zweier renommierter Museen mit hauseigenen Schlüsselwerken des frühen Cranachs. Es krönt eine Zusammenarbeit, die mit der gemeinsamen Forschung und Ausstellung zu Pieter Bruegel d.Ä. 2018 ihren Anfang nahm.
Die Ausstellung zieht nach Winterthur in leicht veränderter Form und anders akzentuiert weiter ans Kunsthistorisches Museum Wien: 21. Juni 2022 – 16. Oktober 2022
bak
Kontakt:
https://www.roemerholz.ch/sor/de/home.html
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Bild: Lucas Cranach d.Ä. (?), Bildnis eines jungen bartlosen Mannes, vor oder um 1500, Fichtenholz, 46 x 33 cm © Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus
Kommentare von Daniel Leutenegger