6. September 2022
DIE SCHWEIZER JOURNALISTIN, SCHRIFTSTELLERIN UND AKTIVISTIN MARIELLA MEHR IST GESTORBEN
Die am 27. Dezember 1947 als Angehörige der Minderheit der Jenischen in Zürich geborene Schweizer Journalistin, Schriftstellerin und Aktivistin Mariella Mehr (Bild) ist am 5. September 2022 gestorben. Mariella Mehr war 1975 Gründungsmitglied der Radgenossenschaft der Landstrasse, in der sie, zunächst als Kassierin, von 1976 bis 1982 als Sekretärin aktiv war. Sie wirkte in den ersten Jahren zudem als Redaktorin der Genossenschaftszeitschrift «Scharotl». 1981 erschien ihr erster Roman («Steinzeit»). Mariella Mehr erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen. Für ihre schriftstellerische Leistung wie für ihr minderheitspolitisches Engagement wurde sie 1998 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Basel geehrt.

Bild oben: Mariella Mehr – Foto: © Ayşe Yavaş, http://www.annagoeldi.ch/index.php/anna-goeldi-preis/2018/215-anna-goeldi-menschenrechtspreis-2018-geht-an-mariella-mehr
Wir haben die traurige Mitteilung zu machen, dass Mariella Mehr gestern am 5. September im Alter von 74 Jahren verstorben ist.
1947 in Zürich geboren, wuchs sie als jenisches Kind in Heimen, bei Pflegeeltern, in Erziehungsanstalten auf, als ein Opfer des sogenannten «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse».
Mariella Mehrs Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem ProLitteris-Preis für ein literarisches Lebenswerk. 1998 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Basel für ihr publizistisches Engagement für unterdrückte Minderheiten, 2018 den Anna-Göldi-Menschenrechtspreis.
«Von Mäusen und Menschen», die Rede anlässlich der Ehrendoktorwürde der Universität Basel, erscheint nun Ende Oktober als Vermächtnis an die Wissenschaft, als Mahnung zur Sorgfalt mit den Begriffen!
Limmat Verlag
https://www.facebook.com/limmatverlag/photos/a.295827413768838/5943786225639567/
Stimme der Fahrenden ist verstummt: Mariella Mehr mit 74 gestorben
Mariella Mehr gilt als die Stimme der Sprachlosen. Am Montag ist die Schweizer Autorin und Tochter von Fahrenden mit 74 Jahren gestorben, wie der Limmat Verlag am Dienstag mitteilte.Das Werk von Mehr ist eng mit ihrer eigenen Biografie verknüpft. Gewalt ist darin das zentrale Thema. Sie selbst hat sie von frühester Kindheit an am eigenen Leib erfahren und ein Leben lang literarisch geahndet.
Keystone-SDA
Selbst ein Opfer der «Kinder der Landstrasse», galt ihr Engagement zeitlebens unterdrückten Minderheiten
Man steckte sie in Kinder- und Erziehungsheime. Auch in die Psychiatrie zeitweise, wo sie Elektroschocktherapien unterzogen wurde. Das Schreiben war Mariella Mehrs Rettung.
Sie schreibt journalistische Texte gegen das Verdrängen und Vergessen der Verbrechen an den Jenischen. Reportagen, Theaterstücke, Gedichte, Romane. Leben und Werk verknüpfen sich aufs engste bei Mariella Mehr.
Michael Luisier
https://www.srf.ch/kultur/literatur/mit-74-jahren-schweizer-schriftstellerin-mariella-mehr-gestorben
Sie war die «Jeanne d’Arc der Jenischen»
Sie gab Sprachlosen und Entmündigten eine Stimme.
Alexander Sury
https://www.derbund.ch/sie-war-die-jeanne-darc-der-jenischen-926359455338
Schreiben, um sich zu wehren
Sie hatte eine schwierige Kindheit. Und das ist vielleicht noch beschönigend gesagt.
rib.
Mariella Mehr schrieb mit fast übermenschlichem Überlebenswillen und schuf als Exponentin der jenischen Minderheit mit wütendem Gestus einzigartige Romane.
Charles Linsmayer
https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/todesfall-schriftstellerin-mariella-mehr-gestorben-ld.2339160
Ihre kraftvolle, oft brüskierende Sprache setzte sie immer für die Unterdrückten und Machtlosen ein
Vielen Leserinnen und Lesern war ihre heftige Sprache zu gewalttätig, vielen machten die Romane Angst. Auch im Privatleben war sie kein einfacher Mensch. Kaum jemand, der sie gut kannte, wurde nicht auch mal heftig beschimpft, wenn er oder sie nicht derselben Meinung war. Das Leben war so unfair zu ihr, dass sie das auch mal zurückgeben musste, und dies nicht nur Einzelpersonen, besonders auch der Gesellschaft.
Marianne Pletscher
https://www.journal21.ch/artikel/zum-tod-der-schriftstellerin-mariella-mehr
Mariella Mehr est considérée comme la voix des sans voix. L’auteure suisse et fille de gens du voyage est décédée lundi à l’âge de 74 ans, comme l’ont annoncé mardi les éditions Limmat.
L’œuvre de Mehr est étroitement liée à sa propre biographie. La violence y est le thème central. Elle l’a elle-même vécue dans sa chair dès sa plus tendre enfance et l’a dénoncée toute sa vie dans ses écrits.
chefft kwant
https://www.facebook.com/chefftkwant/photos/a.274146869369314/5358098540974096
Abschied nehmen von Mariella, der zerbrechlichen, der unbrechbaren, der ungebrochenen, der…….
Die Kinder der Landstrasse haben ihre Stimme verloren.
Schäft qwant
https://www.facebook.com/SchaeftQwantbook/
Videos:
Schriftstellerinnenportrait Mariella Mehr
https://www.mariannepletscher.ch/pagina.php?0,2,10,352
Jenseits der Landstrasse
Proben im Theater 1230 zum Theaterstück «Kinder der Landstrasse» von Mariella Mehr, basierend auf der umstrittenen Aktion «Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute – 29.05.1986
Prozess Mariella Mehr
DRS aktuell vom 12.12.1989
«Die Kraft aus Wut und Schmerz» von Marianne Pletscher (aus: «Sternstunde Kunst»)
26.12.2007, 51 Min
Mehr:
https://www.helveticarchives.ch/detail.aspx?ID=165104
https://www.romarchive.eu/de/collection/p/mariella-mehr/
https://www.limmatverlag.ch/autoren/autor/1405-mariella-mehr.html
https://menschenversand.ch/produkt/angeklagt/
https://lexikon.a-d-s.ch/Person/20383
http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Mariella_Mehr
https://www.munzinger.de/search/go/document.jsp?id=00000031496
https://www.literapedia-bern.ch/Mehr,_Mariella
https://www.viceversaletteratura.ch/author/3884
https://ansichten.srf.ch/autoren/mariella-mehr
http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/biographien/pdf/mariella-mehr.pdf
https://www.derbund.ch/eine-starke-stimme-meldet-sich-zurueck-662225120240
https://de.wikipedia.org/wiki/Mariella_Mehr
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
https://www.ch-cultura.ch/theater-kabarett-literatur/prolitterispreis-2012-fuer-mariella-mehr
https://www.ch-cultura.ch/theater-kabarett-literatur/mariella-mehr-luftwurzeln-sangue-vagabondo
https://www.ch-cultura.ch/museum-ausstellung-galerie/jetzt-waehlen-ueber-das-recht-auf-eine-stimme
https://www.ch-cultura.ch/musik-und-tanz/alfred-baschi-bangerter-ist-gestorben
#MariellaMehr #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Bild: Mariella Mehr – Foto: © Fredi Lerch, https://www.helveticarchives.ch/detail.aspx?ID=165104
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Nachtrag vom 08.09.2022:
Sie war laut, heftig, kämpferisch
Mariella Mehr, lange in Bern und später im Tessin sowie in Italien wohnhaft, bestimmte viele Diskussionen in Beizen und in Kulturorten. Mit ihrer rauen, tiefen Stimme konnte sie laut werden, wenn sie detailliert und in heftigem Zorn anklagte und Gerechtigkeit forderte.
Sie hatte die Fehleinschätzung ihres literarischen Talents durch die Behörden als Chance genutzt: «Mein Schreiben wurde belächelt, nicht ernst genommen. Unfreiwilligerweise gab man mir damit zeit genug, denken zu lernen und aus meinen belächelten schreibversuchen eine waffe zu schmieden, die sich gegen alles richtet, was den menschen am menschsein hindern will.»
Eine Anwältin des Menschseins fehlt. Mariella war glaubwürdig weil sie erlebt hatte, worüber sie schrieb, und ein Leben lang nicht loskam davon.
Christoph Reichenau
https://journal-b.ch/artikel/eine-waffe-zu-schmieden/
Kommentare von Daniel Leutenegger