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16. April 2026

«MARISOL»

Vom 17. April bis am 23. August 2026 widmet das Kunsthaus Zürich der US-amerikanischen Künstlerin venezolanischen Ursprungs María Sol Escobar (1930–2016), bekannt unter dem Namen Marisol, die erste Retrospektive in Europa. Die Ausstellung umfasst fünf Schaffensjahrzehnte und macht ein aussergewöhnliches Werk neu erfahrbar, das Popkultur, Satire und gesellschaftliche Analyse auf eindringliche Weise verbindet.

Ausstellungsansicht «Marisol», Kunsthaus Zürich, 2026 - Werke: © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich - Fotos: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Bild: Ausstellungsansicht Marisol, Kunsthaus Zürich, 2026, Werke: © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich – Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich

Marisol zählte in den 1960er-Jahren zu den enigmatischsten Persönlichkeiten der New Yorker Kunstszene. Ihre oft lebensgrossen bemalten Holzskulpturen, die sie mit Alltagsgegenständen kombinierte, sorgten für Furore. Sie verband Elemente der Popkultur, des Dada und der Volkskunst mit Selbstporträts und schuf unverwechselbare, häufig satirische Ensembles. Andy Warhol, mit dem sie eng befreundet war und der sie in mehreren seiner Filme auftreten liess, nannte sie die «erste Künstlerin mit
Glamour».

Zwischen Kontinenten und Identitäten

Marisols Biografie ist geprägt von Bewegung zwischen Kontinenten und Kulturen. Geboren 1930 in Paris als Tochter wohlhabender venezolanischer Eltern, verbrachte sie ihre Kindheit zwischen Europa, Venezuela und den Vereinigten Staaten. Früh erlebte sie einschneidende Brüche: Mit elf Jahren verlor sie ihre Mutter durch Freitod. In der Folge sprach sie über ein Jahrzehnt lang nur das Nötigste. Ihr zurückhaltendes, geheimnisvolles Auftreten trug später wesentlich zu ihrer Faszination innerhalb der New Yorker Szene bei.

1949 begann Marisol ihr Studium an der École des beaux-arts in Paris, wechselte jedoch bald nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann School besuchte. Vieles eignete sie sich autodidaktisch an. 1957 zeigte Leo Castelli ihre erste Einzelausstellung in New York. Den Durchbruch erzielte sie mit Ausstellungen in der Stable Gallery 1962 und 1964. In der Galerie von Sidney Janis wurde sie neben Kunstschaffenden wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle präsentiert.

Ihr Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zuordnen zu lassen. Früh entwickelte sie eine eigenständige, unverkennbare Formensprache. Mehrfach zierten ihre Arbeiten die Titelseite des «Time Magazine» und anderer Zeitschriften.

Marisol und Europa

Auch in Europa erregte Marisol früh Aufmerksamkeit. 1967 zeigte die Galerie Hanover in London unter dem Titel «Figures of State» mehrere neue Arbeiten, darunter «The Royal Family». Zuvor hatte «The Daily Telegraph» sie eingeladen, ein plastisches Porträt der britischen Königsfamilie und des damaligen Premierministers Harold Wilson zu schaffen. Die daraus entstandenen ganzfigurigen Skulpturen verbinden Leichtigkeit mit subtil bissigem Humor.

1968 vertrat Marisol Venezuela an der 34. Biennale von Venedig mit acht Ensembles, die sich unter anderem kritisch mit der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft auseinandersetzen. Im selben Jahr war sie eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden an der documenta in Kassel. Ebenfalls 1968 zeigte das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam die erste – und bisher letzte – monografische Museumsausstellung der Künstlerin in Europa.

Rückzug und Neubewertung

Die weltweiten Proteste von 1968 und deren gewaltsame Niederschlagung führten dazu, dass sich Marisol vorübergehend aus dem Kunstbetrieb zurückzog. Sie reiste durch Südasien, beschäftigte sich intensiv mit östlicher Philosophie und entdeckte beim Tauchen die Unterwasserwelt als neues Bildthema. Dabei setzte sie sich zunehmend mit ökologischen Fragestellungen auseinander.

Ab den 1970er-Jahren mied sie das Rampenlicht, arbeitete jedoch kontinuierlich weiter. Neben Skulpturen entstanden Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien sowie Bühnenbilder und Kostüme für Tanzkompagnien. Später realisierte sie auch Denkmäler für den öffentlichen Raum. Trotz ihrer anhaltenden Produktivität geriet sie zunehmend in Vergessenheit.

Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses, den sie dem Buffalo AKG Art Museum vermachte, führte in Nordamerika zu einer umfassenden Neubewertung. Von 2023 bis 2025 war dort eine vielbeachtete monografische Wanderausstellung in Montreal, Toledo, Buffalo und Dallas zu sehen, initiiert und kuratiert von Cathleen Chaffee, Charles Balbach, Chief Curator am Buffalo AKG Art Museum.

Marisol Escobar, 1963 - Foto: https://loc.gov/pictures/resource/cph.3c22877/ - Lizenz: https://guides.loc.gov/p-and-p-rights-and-restrictions/rights#076_nyw.html - Datei:https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marisol_Escobar_NYWTS.jpg

Bild: Marisol Escobar, 1963 – Foto: https://loc.gov/pictures/resource/cph.3c22877/ – Lizenz: https://guides.loc.gov/p-and-p-rights-and-restrictions/rights#076_nyw.html – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marisol_Escobar_NYWTS.jpg

Erste grosse Retrospektive in Europa

Im Anschluss an diese Präsentation realisierten das Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, das Kunsthaus Zürich, das Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, und das Museum der Moderne Salzburg gemeinsam die erste umfassende Retrospektive von Marisols Œuvre in Europa. Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Marisol Estate am Buffalo AKG Art Museum.

Die Überblicksschau im Kunsthaus Zürich versammelt rund 100 Werke: etwa 60 Skulpturen und Objekte, rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien sowie ausgewählte Filme und Archivmaterialien – ein Grossteil davon ist erstmals in Europa zu sehen. Neben ikonischen Hauptwerken werden weniger bekannte Werkgruppen präsentiert, die Marisols formale Innovationskraft und gesellschaftskritische Schärfe verdeutlichen.

Marisols radikale Kunst verhandelt zentrale Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts: die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft, das traditionelle Familienbild, soziale Ungleichheit, kapitalistische Strukturen, den Umgang mit politischer Macht und Celebrities. Mit Ironie und Präzision entlarvt sie gesellschaftliche Inszenierungen und entwirft zugleich vielschichtige Selbstbilder.

Die Ausstellung bringt eine Künstlerin ins europäische Bewusstsein zurück, deren Werk heute aktueller erscheint denn je.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint eine reich bebilderte, von Lena Huber gestaltete Publikation in deutscher und englischer Sprache, die erstmals den Fokus auf Marisol und Europa legt. Beiträge von Cathleen Chaffee, Sandra Gianfreda, Lisa Ortner-Kreil, Esmee Postma und Marijana Schneider beleuchten unterschiedliche Aspekte ihres Werks und seiner Rezeption. Die Publikatio ist im Shop zum Preis von CHF 48.– erhältlich.

khz

Kontakt:

https://www.kunsthaus.ch/besuch-planen/ausstellungen/marisol

https://buffaloakg.org/art/collection/major-gifts-collection/marisol-bequest

Video:

Marisol exhibition at Buffalo AKG

#Marisol #MariaSolEscobar #KunsthausZürich #SandraGianfreda #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 16. April 2026
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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