21. Mai 2026
ZÜRICH: DER MIT 150’000 FRANKEN DOTIERTE ROSWITHA-HAFTMANN-PREIS 2026 GEHT AN WOLFGANG TILLMANS
Der deutsche Künstler Wolfgang Tillmans (geboren 1968) wird für sein künstlerisches Gesamtschaffen und sein gesellschaftliches Engagement ausgezeichnet. Der Stiftungsrat würdigt «ein Werk, das seit vier Jahrzehnten künstlerische Innovation mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet». Tillmans ist der 28. Träger des mit CHF 150’000 höchstdotierten europäischen Kunstpreises.

Bild: Wolfgang Tillmans, 2012 – Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Hpschaefer?uselang=de – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:02_wolfgang-tillmans_koeln_gal_buchholz_120107.jpg?uselang=de
Zu den bisherigen Preisträger:innen des Roswitha-Haftmann-Preises zählen u. a. Walter De Maria, VALIE EXPORT, Maria Lassnig, Cildo Meireles, Sigmar Polke, Robert Ryman, Cindy Sherman, Rosemarie Trockel, Cecilia Vicuña und Jeff Wall.
Die Preisverleihung findet am Donnerstag, 17. September 2026, im Kunsthaus Zürich statt. Die Laudatio wird Stiftungsratsmitglied Bernhart Schwenk, Chefkurator und Sammlungsleiter Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne in München, halten. Er sagt: «Wolfgang Tillmans gehört zweifellos zu den international wegweisenden Künstlern seiner Generation auf dem Gebiet der Fotografie. Tillmans folgt einer künstlerischen Praxis, die über die blosse Ästhetik weit hinausgeht – indem er öffentliche Präsenz und Sprache nutzt, um als Künstler ein kollektives demokratisches Bewusstsein zu fördern, das auf Offenheit und Solidarität gründet.
Vom Dokumentaristen der Subkultur zum Gestalter eines politischen Bild-Bewusstseins
Wolfgang Tillmans erlangte in den 1990er-Jahren Bekanntheit durch seine stilbildenden Porträts von Menschen seiner unmittelbaren Umgebung und der europäischen Clubszene und LGBTIQ+-Community. Seine Fotografien erschienen in Musik- und Lifestyle-Magazinen und machten ihn früh zu einem präzisen Dokumentaristen gesellschaftlicher Strömungen.
In den folgenden Jahrzehnten erweiterte er sein Werk um Stillleben, Himmels- und Landschaftsaufnahmen, astronomische Bilder sowie um neue fotografische Praktiken, in denen die Kamera durch das Zusammenspiel mechanischer Abläufe oder mineralisch-chemischer Vorgänge der Fotografie ersetzt wurde. Auch die Materialität des Bildes – Papier, Oberfläche, Druck und Präsentationsform wurde zu einem zentralen Bestandteil seiner Praxis. Tillmansʻ Werk verbindet ästhetische Sensibilität mit einem politischen Interesse an Wirklichkeitsentwürfen und Wahrheitsansprüchen, insbesondere hinsichtlich Ideologien und Genderfragen.

Bild: Eines von Tillmans’ bekanntesten Werken: Lutz & Alex sitting in the trees (1992). Laut «The Guardian» wurde das Paar hier als «naiv, aber wissend» und als eine Art «Adam und Eva der Ecstasy-Generation» porträtiert – Foto: Wolfgang Tillmans – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lutz_%26_Alex_sitting_in_the_trees.jpg
Vorreiter einer variablen, installativen Fotokunst
Wolfgang Tillmans lässt seine Bilder in unterschiedlichsten Konstellationen und Kontexten auftauchen, spielt mit visuellen Konventionen – in Zeitungen und Magazinen, in Ausstellungskatalogen und anderen Künstlerpublikationen, vor allem aber in zumeist grossformatigen Installationen an Museumswänden oder auf Tischen, bei denen er unter Glasplatten Fotokopien, Fotografien und Zeitschriftenartikel, Postkarten und Verpackungen sowie weiteres gesammeltes Material arrangiert.
Obwohl Tillmans’ künstlerisches Medium die Fotografie ist, lässt sich seine Arbeitspraxis somit nicht auf die eines Fotografen reduzieren. Tillmans interessiert sich für die Materialität seiner Bilder als Objekte sowie für die Wirkung von architektonischen Räumen. Dieser vielseitige, oft installative Umgang mit Fotografie war zunächst etwas völlig Neues und hat Tillmans zu einem Vorreiter der Fotografie als Kunstform gemacht, der bis heute grossen Einfluss auf nachfolgende Künstler:innen-Generationen ausübt. Über die Fotografie und seinen installativen Ansatz hinaus, hat sich Tillmansʻ Praxis, vor allem in den letzten Jahren, auf Sound- und Videoarbeiten, kollaborative Musikproduktionen sowie Arbeiten mit Text erweitert.
Kunst und gesellschaftliche Verantwortung
Für Wolfgang Tillmans ist die Kunst eng mit gesellschaftlichem Engagement verflochten. Über sein unverwechselbares fotografisches Schaffen hinaus erhebt er seine Stimme für ein offenes und demokratisches Europa, etwa durch seine 2016 aus eigener Initiative gestartete Anti-Brexit-Kampagne und seine Kampagnen zur Wahlbeteiligung im Rahmen der Bundestagswahl 2017 und den Europawahlen 2019 und 2024. Tillmans betrachtet Kultur als einen unverzichtbaren Raum für Dialog, Empathie und gemeinsame Werte. Sein Engagement, das sich mittlerweile auch durch die 2017 gegründete Stiftung Between Bridges und eine Vielzahl geförderter Projekte artikuliert, spiegelt eine stille, aber entschlosene Form von Zivilcourage wider: die Bereitschaft, Freiheiten zu verteidigen, Gleichgültigkeit zu hinterfragen und zur Teilhabe am demokratischen Leben zu ermutigen.
Ausstellungen und Auszeichnungen
Das Werk von Wolfgang Tillmans wurde in den vergangenen Jahrzehnten vielfach ausgestellt und ausgezeichnet. 2022 wurde seine Ausstellung «To Look Without Fear» im MoMA / Museum of Modern Art in New York gezeigt, die 2023 weiter an die Art Gallery of Ontario, Toronto, und ans San Francisco Museum of Modern Art wanderte. 2025 präsentierte er «Weltraum» im Albertinum in Dresden, im selben Jahr «Rien ne nous y préparait – Tout nous y préparait» / «Nothing could have prepared us – Everything could have prepared us» im Centre Pompidou in Paris. 2000 wurde ihm als erstem fotografisch arbeitenden Künstler und Nicht-Briten der renommierte Turner Prize verliehen, 2018 der Goslarer Kaiserring. 2026 erhält er nun den Preis der Roswitha-Haftmann-Stiftung, Zürich.

Bild: Wolfgang Tillmans, «Rien ne nous y préparait – Tout nous y préparait (Nothing could have prepared us – Everything could have prepared us)», Ausstellungsansicht Centre Pompidou, Paris, 13. Juni – 22. September 2025 – Foto: Wolfgang Tillmans, © Wolfgang Tillmans
Hintergrund zum Preis
Der Roswitha-Haftmann-Preis wurde 2000 von der Roswitha Haftmann-Stiftung ins Leben gerufen. Die in St.Gallen geborene Galeristin und Mäzenin Roswitha Haftmann (1924–1998) verfügte, dass ihr Vermögen der Förderung herausragender lebender Künstlerinnen und Künstler dienen soll. Über die Vergabe des Preises entscheidet der Stiftungsrat, dem satzungsgemäss die Direktorinnen und Direktoren des Kunstmuseums Bern (Nina Zimmer), des Kunstmuseums Basel (Elena Filipovic), des Museum Ludwig in Köln (Yilmaz Dziewior) unter dem Vorsitz der Direktion des Kunsthaus Zürich (Ann Demeester) angehören. Hinzu kommen berufene Mitglieder wie Karola Kraus (ehemalige Direktorin des Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien), Bernhart Schwenk (Kurator Gegenwartskunst, Pinakothek der Moderne, München) und der Journalist und Kunstkritiker Thomas Wagner.
Das Preisgeld kann von den Preisträger:innen frei verwendet werden – etwa für neue künstlerische Projekte, die Dokumentation und Sicherung des Werks oder andere Zwecke. Mit Ausnahme der persönlichen Entgegennahme des Preises beim Festakt sind keine weiteren Verpflichtungen damit verbunden.
rhs
Kontakt:
https://www.roswithahaftmann-stiftung.com/de/default.htm
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Kommentare von Daniel Leutenegger