Ausstellung im Kunstmuseum Bern, vom 30. Oktober 2026 bis am 31. Januar 2027 - Eröffnung am Donnerstag, 29. Oktober 2026, ab 18.30 Uhr

Bild: Anna Ancher, Ein Mädchen im Garten im Sommer, Skagen, 1914, Öl auf Malpappe, 35 × 28 cm, Skagens Museum

Bild: Holger Drachmann, Klippenküste, o. D., Öl auf Leinwand, 47 × 66,5 cm, Skagens Museum
Drei Orte, ein Versprechen: Freiheit. Zwischen 1830 und 1930 zogen Künstler:innen aus ganz Europa an die Ränder des Kontinents: auf die Insel Capri bei Neapel, nach Skagen an der Nordspitze Dänemarks und auf den Monte Verità im Tessin. Fern der industrialisierten Städte suchten sie ein anderes Leben: näher an der Natur, näher an dem, was sie für «echt» hielten.
Die Ausstellung «Reise in die Freiheit. Capri – Skagen – Monte Verità» folgt dieser Sehnsucht. Rund sechzig herausragende Werke, von denen viele noch nie in der Schweiz zu sehen waren, zeigen die utopische Idylle, aber auch den ernüchternden Alltag.

Bild: Louis-Léopold Robert, Orangenpflückerinnen auf Capri, 1824, Öl auf Leinwand, 47 × 37 cm, Aargauer Kunsthaus, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried Keller-Stiftung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ermöglichten die technischen Erfindungen der industriellen Revolution den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft und leiteten einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel in Europa ein. Dampfmaschine, Elektrotechnik und Eisenbahn führten zu einer universellen Beschleunigung, die Arbeit in Manufakturen wurde durch jene in Fabriken abgelöst, dem Leben auf dem Land und in der Kleinstadt trat das Leben in der Grossstadt entgegen.
Eine kleine Gruppe von Menschen, darunter viele Kunstschaffende und Intellektuelle, fühlte sich fremd in einer nunmehr entzauberten und von bürgerlichen Zwängen geprägten Welt. Sie flüchteten in Gegenwelten, in denen sie einfachere und freiere Lebensformen zu finden hofften. Die Ausstellung «Reise in die Freiheit. Capri – Skagen – Monte Verità» stellt drei solche Sehnsuchtsorte vor.
Utopie und Wirklichkeit
Capri, Skagen und der Monte Verità waren im 19. Jahrhundert noch kaum besucht, die wenigen Fremden konnten ausserhalb der sozialen Kontrolle leben. Über die Kunst hinaus konnten so alternative Lebensentwürfe und soziale Utopien erprobt, Themen wie Frauenemanzipation, queere Identität und Naturverbundenheit in den Mittelpunkt gerückt und abseits gesellschaftlicher Konventionen eine freiere Sexualität und vielfältigere Geschlechterrollen gelebt werden.

Bild: Alexej von Jawlensky, Variation: Herbstlicht, 1919, Öl auf Karton mit Leinenstruktur, 52,6 × 42,8 cm, Kunstmuseum Bern, Schenkung Livia Klee, Bern, 2001 – Foto: Kunstmuseum Bern
Die Ausstellung folgt diesem künstlerischen Aufbruch und den damit verbundenen Sehnsüchten. Sie zeigt aber auch eindrücklich die Reibung zwischen Utopie und Wirklichkeit: Idyllische und idealisierte Darstellungen von Landschaft und Menschen stehen neben ernüchternden naturalistischen Szenen aus dem Alltag der lokalen Bevölkerung: Fischer, die ihr Leben riskieren, Frauen, Kinder und Alte, die hart arbeiten, Armut.
Dabei werden ortsspezifische Eigenheiten genauso greifbar wie Themen und Motive, die sich an allen drei Orten wiederfinden.
Wasser, Licht, Aufbruch
Sowohl Capri als auch Skagen und der Monte Verità zeichnen sich durch besondere Lichtverhältnisse und die Nähe zum Wasser aus. Gleichzeitig bilden Capri und Skagen Gegenpole: In Capri, mit seinem warmen Licht und den antiken römischen Ruinen, suchten Kunstschaffende aus Nordeuropa das sagenumwobene Arkadien – nicht nur als Hirtenidylle, sondern als Ort des Rausches, der Körperlichkeit und der entfesselten Lebensfreude. Für sie wurden auf Capri Lebensentwürfe möglich, die andernorts verfolgt wurden: Frauen malten und reisten eigenständig, Männer liebten Männer.
Demgegenüber standen die Fischer, die ihre Netze auswarfen, herauszogen, flickten und wieder auswarfen. Der wachsende Tourismus brachte zwar Geld, er beseitigte die Armut jedoch nicht; er machte sie nur malerischer. So sind neben idealisierten Landschaften auch Darstellungen von Orangenpflückerinnen und landwirtschaftlichen Arbeiter:innen in der Ausstellung zu sehen.

Bild: Käte Lassen, Drei Frauen am Strande, 1909, Öl auf Leinwand, 168 × 140 cm, Museumsberg Flensburg – Foto: Museumsberg Flensburg

Bild: Susanne Schwob, Capri (Rückseite: Sitzendes Mädchen, Halbfigur), 1924, Aquarell auf Papier, 23,5 × 35 cm, Kunstmuseum Bern, Legat Susanne Schwob
Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen, war bis 1871 nur mit dem Schiff oder über einen Feldweg erreichbar, danach führte eine Bimmelbahn in den Ort. Das Leben im armen Fischerdorf war geprägt von harter Arbeit, der ständigen Gefahr auf See und der vom Wind gepeitschten Landschaft. In dieser ungebändigten Natur mit ihrem spektakulären Licht fühlten sich Künstler:innen den Elementen nah. Neben dieser Naturerfahrung sehnten sie sich nach «Echtheit» – dem ungefilterten Leben. Porträts von Fischern und intime Alltags- und Familienszenen legen davon eindrückliches Zeugnis ab.

Bild: Marianne von Werefkin, Der grosse Mond, 1923, Tempera auf Papier auf Karton, 75,5 × 77,5 cm, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona, Fondazione Marianne Werefkin
Der Monte Verità ist die jüngste der drei Kolonien und bildet die Brücke zwischen den beiden Polen Nord und Süd: Er ist die Bühne der Lebensreform. Die Gründer:innen von Monte Verità strebten um 1900 nach einer radikalen Erneuerung der Beziehung zwischen Mensch und Natur, der Auflösung des Individuums in der Gemeinschaft und damit nach einer freien, idealen und schöpferischen Gesellschaft. Die Werke in diesem Kontext sind farbintensiv, expressionistisch und teilweise abstrakt. Sie erzählen von Auf- und Ausbruch.
Die Ausstellung lädt dazu ein, die faszinierenden Orte mit allen ihren Widersprüchen durch die Augen der Kunstschaffenden zu entdecken.
Co-Kurator:innen: Livia Wermuth und Andreas Schwab
kmb
Kontakt:
https://www.kunstmuseumbern.ch/de/ausstellung/reise-die-freiheit
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Kommentare von Daniel Leutenegger