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26. November 2025

«VICTORINE MÜLLER – MONDMAHL»

Ausstellung in der Galerie da Mihi, Bern, bis am 3. Januar 2026

© Victoire Müller, Mondmahl, 2025, Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm

Bild: © Victorine Müller, Mondmahl, 2025, Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm

Die 1961 in Grenchen geborene Künstlerin Victorine Müller lebt und arbeitet in Zürich. Sie beschäftigt sich mit Performance, Malerei, Zeichnung, Video, Videoinstallationen, plastischen Objekten und Skulptur.


Seit 2021 wendet sich Victorine Müller intensiv der Malerei zu. Schon zuvor hatte sie ihre Performances mit Zeichnungen vorbereitet, aus denen eigenständige Werke hervorgingen. Wie Christoph Vögele, der ehemalige Direktor des Kunstmuseums Solothurn betont, war das Malerische – Farbe und Licht – immer schon ein zentrales Element ihres Schaffens. «Ihre Performances, deren Faszination und Wirkung zumeist aus der Ruhe und Stille eines nahezu bewegungslosen Agierens wächst, wirken wie ‹Bilder›». Die Malerei ist daher die ebenbürtige Schwester der Performance, denn auch im malerischen Werk umkreist Müller die Themenfelder Nähe, Emotionen und die Würde der Kreatur.

In Victorine Müllers Bildwelten begegnen uns Menschen, Mischwesen, pflanzenartige Körper oder schlafende Gestalten. Sie flüchten nicht vor der Wirklichkeit, sondern verkörpern eine imaginierte, geordnete Welt jenseits des Rationalen. In dieser Welt wirken Intuition, Zärtlichkeit und Wandlungsfähigkeit. «Es geht um Sinn, nicht um Bedeutung», schrieb Neo Rauch – eine Aussage, die auch auf Victorines Werk zutrifft. Ihre Bilder suchen nicht das Narrativ, sondern die Anwesenheit, die tatsächliche physische oder geistige Existenz. Es geht um Sinnhaftigkeit jenseits des Narrativen.

Doch genau hier liegt die Schwierigkeit, über Sinn im Bereich der bildenden Künste zu schreiben. Denn Sprache neigt dazu, festzulegen, zu kategorisieren, zu definieren – und setzt das Werk damit einer Begriffsgewalt aus, die es deutlich einschränkt. Demgegenüber eröffnet sich in den visuellen Künsten Sinn, der in alle Richtungen weist: sinnlich, intellektuell, richtungsgebend, mäandrierend. Er entzieht sich eindeutiger Festlegungen, bleibt in Bewegung, keimt und entwischt, so flüchtig wie es die Luft-Skulpturen von Victorine Müller tun. Ihre Arbeiten provozieren Resonanz, schwappen über vor Sinn, der nicht auf rationale Erklärung Rücksicht nimmt oder auf reine Wahrnehmung reduzierbar bleibt. Solch lebendiger Sinn entfaltet sich im Zwischenreich von Geist und Materie, im Überschuss des Ästhetischen – wo das Unsagbare erfahrbar wird. 

 Auch in ihrer neuen Malerei setzt Müller dieses offene Feld fort: Die Figuren und Bildräume sind nicht auf Narrative oder Konzepte zu reduzieren, sondern entfalten ihre Präsenz im Widerhall mit den Betrachtenden. Hier tritt die Transzendenz des Sinnlichen in Erscheinung – eine Erfahrung, die sich jeder sprachlichen Fixierung entzieht und gerade darin ihre Kraft gewinnt.

Eine zentrale Arbeit, die titelgebend für die Ausstellung ist, entstand während einer Arbeitswoche mit Kolleginnen. Victorine Müller hatte sich für diese Zeit vorgenommen, mit dem Credo zu arbeiten, «wo ich bin, entsteht etwas, weil ich da bin». Auf diese Weise tauchte in einem Setting der stillen Nachbarschaft – beim Frühstück nebeneinandersitzend und ohne Worte – die Idee zu einer Tafel auf, an der Figuren zueinander finden. Das grossformatige Werk zeigt neun Figuren, die sich in einer geheimnisvollen Landschaft um einen grossen, mond-weissen Tisch versammeln und die Kraft des Seins erleben.

Das Werk «Celle qui danse avec la licorne» verweist auf die bekannte Tapisserie «La dame à la licorne» im Musée de Cluny in Paris. Bereits vor vierzig Jahren hatte Müller eine Einhorn-Marionette geschaffen – nun integriert sie die Kreatur erstmals in ihre Malerei. Das Einhorn wird zum poetischen Echo von Mythos, Weiblichkeit und Natur. 

Ein ebenfalls neues Werk «Ohne Titel» erscheint wie eine zeitgenössische Fortsetzung der Renaissance-Skizzenkultur: ein offener, fragmentarischer Prozess, der den Übergang von Sichtbarem zu Imaginärem thematisiert. Eine menschliche Figur, schlafend und gleitend, ist umgeben von fantastischen Wesen, Tieren mit überformten oder imaginären Körperteilen. Alles ist in Bewegung oder in Transformation begriffen. Das Mit- und Zueinander erinnert an einen Schwebezustand zwischen wissenschaftlicher Zeichnung, Mythologie und Traum.

In der Verbindung von luftiger Zeichnung, lasierender Malerei und prägnanten Farbakzenten herrscht eine feine Balance zwischen Flüchtigkeit und Verdichtung, durchbrochen von leuchtenden, fast surrealen Farbinseln. Die Atmosphäre ist geprägt von einer poetischen Schwebe zwischen Sichtbarkeit und Ahnung, zwischen Erinnerung und Vision. Neuartig wirkt insbesondere das Hybride: das Festhalten des Realen mit Hilfe der klassischen Skizze trifft auf die Traumrealität der Imagination. Müller transformiert Existenzen diesseits und jenseits von Erfahrung. 

Formal bewegt sich die Künstlerin zwischen Maltraditionen und persönlicher Ikonografie. Ihre Farbwelten sind weich, vielfach in Blau-, Violett- und Ockertönen gehalten; die Körper wirken plastisch, die Räume bleiben angedeutet. Sie sorgt für visuelle Erlebnisse, wenn jedes Bild ein inneres Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz, Verletzlichkeit und Stärke sucht. 

Victorine Müller (*1961, lebt und arbeitet in Zürich und Grenchen) erlangte internationale Anerkennung mit ihren poetischen Performances. Legendär ist ihr Werk «Timeline», ein überlebensgrosser, transparenter Elefant, in dessen Bauch sie seit 2005 in Museen und auf Biennalen weltweit performt. Mit dieser Arbeit gewann sie 2019 an der Karachi Biennale den Performance Art Prize. Ihre Performance-Kunst kreist stets um Zeit, Stille, Präsenz, um das Innehalten und Verweilen – das Feine stark zu machen, ihm eine Bühne zu geben. 

Text: Barbara Marbot und Hans Ryser, im Oktober 2025 

Kontakt:

https://www.damihi.com/

http://www.victorinemueller.com/?page=1

Bild: © Victorine Müller, Im Wind, 2025, Acryl und Pastell auf Leinwand, 80 x 60 cm

#VictorineMüller #Mondmahl #GaleriedaMihiBern #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 26. November 2025
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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