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13. März 2018

«AN DER WIEGE EUROPAS» – DIE IRISCHEN SCHÄTZE DER STIFTSBIBLIOTHEK ST.GALLEN

Die irische Buchkunst des Frühmittelalters ist von berückender Schönheit – Ausdruck einer Mönchskultur, die vom 6. bis 9. Jahrhundert die geistige Entwicklung Europas wesentlich mit prägte. In der Stiftsbibliothek St.Gallen ist die schönste Sammlung irischer Handschriften des Frühmittelalters auf dem europäischen Festland erhalten geblieben. Wer sie betrachtet, steht an der Wiege des mittelalterlichen Europa. Das zeigt die Sommerausstellung im berühmten Barocksaal.

Bild: Cod. Sang. 1395, S. 418. Der schreibende Evangelist Matthäus. Pergament, 1 Blatt 22 × 18 cm, Mittel- oder Nordost irland, um 800. (c) Stiftsbibliothek St.Gallen

Beitrag zum Europäischen und Schweizer Jahr des Kulturerbes

Die Ausstellung des einzigartigen irischen Erbes in St.Gallen ist auch der Beitrag der Stiftsbibliothek zum Europäischen und Schweizer Jahr des Kulturerbes 2018. St.Gallen und Irland, das ist eine alte und besondere Geschichte. Sie berührt, auch wenn sie uns heute nur noch in Form von Puzzlestücken begegnet. Das sind gut ein Dutzend irischer Handschriften und Fragmente aus dem 7. bis 12. Jahrhundert sowie eine ganze Reihe weitere irische Spuren in St.Galler Handschriften.

Spezielle Beziehung

Die Manuskripte berichten von einer speziellen Beziehung des Gallusklosters zu Irland. Kunde davon gibt auch die irische Herkunft von Gallus. Trotz einzigartiger Vielfalt bleibt die Überlieferung jedoch fragmentarisch. Das reizt zur Interpretation und zur Spekulation über eine faszinierende und weitgehend untergegangene Hochkultur am Rand Westeuropas. Die Handschriften fesseln uns, aber auch die Lücken tun es. Die fachliche Diskussion in den letzten Jahrzehnten war denn auch rege und hat zusammen mit neuen Entdeckungen die Argumente geschärft, etwa in Bezug auf die Herkunftsfrage von Gallus, die wir heute wieder positiver beurteilen können, die konkrete irische Präsenz im Kloster St.Gallen oder auch den Einfluss irischer Gelehrsamkeit auf das geistige Leben auf dem Kontinent.

Zerfall Roms und Aufstieg Irlands

Seit dem 4. Jahrhundert zeigte das römische Imperium Zerfallserscheinungen. Die Völkerwanderung, die Europa vom 4. bis 6. Jahrhundert erfasste, beschleunigte den Niedergang. In der gleichen Zeit entwickelte sich in Irland, am Rand der damals bekannten Welt, eine christliche Hochkultur, die stark vom asketischen Mönchtum geprägt war. Die irische Kirche entwickelte Eigenheiten, die sie von der römisch-päpstlichen Kirche unterschied. Verantwortlich dafür waren die geographische Abgeschiedenheit der Insel, die politisch-gesellschaftliche Struktur und die Tatsache, dass Irland niemals Teil des römischen Reichs gewesen war. Typisch waren der grosse Einfluss des Mönchtums, eine eigentümliche Tonsur und das Festhalten an einer bestimmten Art der Osterfestberechnung. Die Bibel spielte in der Christianisierung Irlands eine wichtige Rolle, für den Gottesdienst, den Unterricht, die Verkündigung und als Reliquien.

Kolumban bringt irische Spiritualität und Busspraxis auf den Kontinent

Die Spiritualität der frühmittelalterlichen irischen Kirche strahlte auf den Kontinent aus. Besonders einflussreich waren irische Ideen im Bereich der Mönchskultur und des Busswesens. Der wichtigste Vertreter davon auf dem Kontinent war wohl Kolumban von Luxeuil, der Lehrer von Gallus. Gegen hundert Klostergründungen können mit ihm selber oder seinen Gefährten in Beziehung gebracht werden.

Pilgern als zweite Natur

Eine ganze Reihe irischer Heiliger hat in St.Gallen direkt oder indirekt Spuren hinterlassen. Ein Leitmotiv des irischen Mönchtums war die peregrinatio, das unablässige Pilgern und Wandern auf dieser Welt. Ein schönes Zeugnis dafür formulierte Walahfrid Strabo in seiner Gallusvita, indem er über die Iren vermerkte, «die Gewohnheit des Wanderns [peregrinandi] ist ihnen schon fast zur zweiten Natur geworden.»

Irische Gelehrsamkeit

Irland hatte einen massgeblichen Anteil am Bildungsaufschwung unter Karl dem Grossen. Denn schon im 6. bis 8. Jahrhundert studierten Iren die Bibel, die Zeitrechnung und die lateinische Grammatik. Im 9. Jahrhundert vermittelten und pflegten zahlreiche irische Gelehrte die Wissenschaften auf dem Festland. Das ist in der Handschriftensammlung der Stiftsbibliothek gut sichtbar.

Grossartige Buchkunst: Das Irische Evangeliar von St.Gallen und seine Familie

In der Kunst ihrer Initialen und Bilder spricht diese irische Mönchswelt des Frühmittelalters besonders berührend zu uns. Mit dem Irischen Evangeliar von St.Gallen (Cod. Sang. 51) besitzt die Stiftsbibliothek St.Gallen eine der schönsten irischen Handschriften des Frühmittelalters. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung Fortschritte in der regionalen Bestimmung von Handschriften gemacht. Stilistische Vergleiche von Schrift und Bildern lassen es zu, als Entstehungsort Mittelirland anzunehmen. Und neuste Forschungen lassen diesen Befund auch für weitere irische Fragmente der Stiftsbibliothek zu. Ob all diese Handschriften in einem Zusammenhang mit der bezeugten Bücherschenkung des irischen Bischofs Marcus von etwa 850 stehen, ist offen.

Kulturelle Impulse und Buchkunst

Es steht ausser Frage, dass aus Irland wichtige Impulse kamen, als sich die europäische Kultur im Frühmittelalter neu ordnete und ausrichtete. Nirgends kann das so exemplarisch aufgezeigt werden wie im 612 vom Iren Gallus gegründeten Kloster St.Gallen.

Cod Sang

Bild: Cod. Sang. 51, S. 78-79. Das Irische Evangeliar von St.Gallen gehört zu den schönsten irischen Manuskripten des Frühmittelalters. Der Evangelist Markus und der Anfang seines Evangeliums: Initium Evangelii («Beginn des Evangeliums»). Pergament, 268 Seiten, 29.5 × 22.5 cm, Mittelirland, um 780. (c) Stiftsbibliothek St.Gallen

Ausstellungskatalog und öffentliche Vorlesungen

Der reich illustrierte Ausstellungskatalog, verfasst von Cornel Dora, Franziska Schnoor, Philipp Lenz und Karl Schmuki und mit einem Gastbeitrag von Dáibhí Ó Cróinín, erscheint diesmal sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache und ist im Shop der Stiftsbibliothek und im Buchhandel erhältlich. Die Stiftsbibliothek arbeitet dabei mit dem Verlag am Klosterhof in St.Gallen und dem Schwabe Verlag in Basel zusammen.

Begleitend zur Ausstellung veranstaltet die Stiftsbibliothek gemeinsam mit der Universität St.Gallen fünf öffentliche Vorlesungen im Musiksaal im Dekanatsflügel (Montag, 19. und 26. März, 9., 16. und 23. April, jeweils um 18.00 Uhr, Eintritt frei). Weitere Informationen dazu im Sommerprogramm.

cd

Mehr:

http://www.stibi.ch/Portals/0/Ausstellungen/Irland_18/An_der_Wiege_Europas_2018_de_web.pdf

http://www.stibi.ch/Portals/0/Ausstellungen/Irland_18/StBi_de_Katalog_Sommer_2018_low.pdf

http://www.stibi.ch/Portals/0/Ausstellungen/Irland_18/An_der_Wiege_Europas_2018_Sommerprogramm_web.pdf

Kontakt:

http://www.stibi.ch/ 

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 13. März 2018
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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