31. August 2014
BASTIEN AUBRY / DIMITRI BROQUARD: «COUPÉ-DÉCALÉ» // SAÂDANE AFIF: «LÀ-BAS» // WERKE VON PABLO PICASSO UND DER COBRA GRUPPE
Ausstellungen im Kunsthaus Glarus, bis am 23. November 2014

BASTIEN AUBRY / DIMITRI BROQUARD:
«COUPÉ-DÉCALÉ»
Das Schweizer Künstlerduo Bastien Aubry (*1974, lebt in Zürich) und Dimitri Broquard (*1969, lebt in Zürich) lotet mit seinen Arbeiten gekonnt die Grenze zwischen Kunst, Design und Populärkultur aus. Das Duo kokettiert mit traditionellem Handwerk, Do-It-Yourself, dem Missglückten und Fehlerhaften sowie dem Fake als Reaktion auf die Perfektion und Stilsicherheit des modernen Designs und der Kunst. Zeichnung, Collage, Fotoshop-Malerei, Pappmaché und besonders auch Keramik sind ihre bevorzugten Medien.
Augenzwinkernd streifen Bastien Aubry und Dimitri Broquard durch die Gefilde der Moderne und Postmoderne, greifen Motive und Referenzen auf und versehen sie mit einem grotesken Twist. Alltagsobjekte liefern ihnen Ausgangspunkte für Adaptionen und Abstraktionen.
Für die Präsentation der eher kleinformatigen Objekte entwickeln sie Sockel und Regale als integrale Werkbestandteile, die auf berühmte Vorbilder der modernen und postmodernen Kunst oder das Möbeldesign verweisen, tatsächlich jedoch meist aus billigen Baumarktmaterialien gefertigt sind.
Der Reiz ihrer Arbeiten liegt in der Karikatur des guten sowie des schlechten Geschmacks und dem Spiel mit dem Alltäglichen.
Der Ausstellungstitel Coupé-Décalé (dt.
schneiden-verschieben) deutet solche Kontext- und Bedeutungsverschiebungen an.
Der Titel ist einer schelmischen Musik- und Tanzszene entlehnt, die 2003 in der
Pariser Diaspora von Musikern aus Côte d‘Ivoire begründet wurde. Er bedeutet
dort so viel wie «betrunken sein» oder «Unfug treiben» aber auch «in die Heimat
abhauen», um dort mit dem in reichen Ländern verdienten Geld das exzessive und
extravagante Leben zu geniessen. Nonchalant und schlagfertig geben sich auch
Aubry/Broquard der Faszination der Konsumkultur hin.
Nach dem Studium des Grafikdesigns an der Schule für Gestaltung in Biel arbeiteten Bastien Aubry und Dimitri Broquard gemeinsam als Designbüro FLAG. Im Bereich der Kunst zeigten sie seit 2008 mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen, etwa im Centre Culturel Suisse, Paris (2008), im Swiss Institute, New York (2012) oder im Les Urbaines, Lausanne (2013).
SAÂDANE AFIF
«LÀ-BAS»
Saâdane Afif (*1970 in Vendôme/F, lebt
in Berlin) zeigt im Kunsthaus Glarus die multimediale Arbeit Là-bas.,
eine exakte Kopie der Arbeit Ici., die zeitgleich im Leopold-Hoesch-Museum
& Papiermuseum in Düren gezeigt wird. In dieser konzeptuell angelegten
Spiegelung reflektiert Saâdane Afif die zeitgenössische Bedeutung von «Hier»
und «Dort».
Zwei identische Modelle der originalen Dürener Bahnhofslampen mit Lautsprecher, synchroner Ansage und bahnhofsüblicher Beschilderung markieren simultan an zwei unterschiedlichen Orten die bestimmte und unbestimmte Ortsspezifik des Dürener Bahnhofs.
Afif knüpft damit sehr präzise an seine wiederkehrenden Themen – Distanz, Zeit, Kontextspezifität, Repetition, Interpretation, aber auch Sound an. Wie Düren ist auch Glarus ein Ort in der Peripherie wie viele andere mit gleichzeitig eigener und ebenso für die Peripherie typischer Ausprägung.
Die synchrone Übertragung der Bahnhofsansagen des Dürener (mehrheitlich Durchfahrts-)Bahnhofs im Kunsthaus Glarus bringt einen Widerhall eines vergleichbar peripheren Ortes am Rande Deutschlands nach Glarus und stösst die Spekulation über Gleichzeitigkeit und Alltäglichkeit, Identität und Herkunft ebenso wie über Fiktion und Realität, Wunsch-Projektionen und existenzielle Befindlichkeit im lokalen und globalen Gefüge an.
Arbeiten Afifs wurden seit dem Abschluss seines Studiums 1998 an der Ecole des Beaux Arts de Nantes in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Biennalen gezeigt. Darunter etwa in den letzten Jahren im Institut d’art contemporain, Lyon (2013), dem MMK Zollamt, Frankfurt am Main (2012), dem Centre Georges Pompidou, Paris, (2010), der 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, Berlin, (2014), der Marrakech Biennale, Marrakech (2014) und dem Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam (2014).
Internationale Bekanntheit erlangte der Künstler mit seinen Beitrag zur documenta 12 (2007). 2009 erhielt er den Marcel Duchamp Preis.
Das Kunsthaus Glarus zeigt seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren, innerhalb derer auch eine Publikation erscheint.
WERKE VON PABLO PICASSO UND DER COBRA GRUPPE
AUS DER STIFTUNG OTHMAR HUBER UND DER SAMMLUNG HELGA UND ROLF MARTI
Der Glarner Augenarzt und Kunstsammler
Othmar Huber (1892-1979) überführte kurz vor seinem Tod seine Privatsammlung
mit renommierten Werken der Kunst des 20. Jahrhunderts in eine Stiftung und
übergab sie in mehreren Teilen als Depositen dem Kunstmuseum Bern, dem Aargauer
Kunsthaus und dem Kunsthaus Glarus. Ein weiterer Teil der Sammlung ging an
seine Tochter Helga und ihren Ehemann und Architekten Rolf Marti. In der
Ausstellung im Untergeschoss des Kunsthaus Glarus werden nun grafische Arbeiten
von Pablo Picasso aus der Sammlung von Helga und Rolf Marti, Picassos Tête
de femme, Profil (1963) sowie Werke der Cobra Gruppe von Pierre Alechinsky,
Karel Appel, Corneille, Asger Jorn und Lucebert, die sich im Glarner Depositum
befinden, vereint. Die Auswahl zeugt von der Weltoffenheit, einem ausgeprägten
Zeitgefühl und der anhaltenden Aktualität des Sammlers und ruft seine Person
und sein Umfeld in Erinnerung indem etwa Picassos Papierarbeiten in der Abfolge
der Hängung im Treppenhaus des Privathauses an der Burgstrasse in Glarus in der
Ausstellung übernommen wird.
khg
Kontakt:
http://www.kunsthausglarus.ch/de/frontend/current_exhibitions_detail
Kommentare von Daniel Leutenegger