18. August 2013
«Da Passion und Baugeist den Vorsteher eines Gottshauses beherschet …»
In der Kartause Ittingen wird seit der Klostergründung vor über 850 Jahren immer wieder gebaut. Einige Eingriffe manifestieren sich sehr markant, andere sind schwieriger aufzuspüren. Die laufende Ausstellung «Da Passion und Baugeist den Vorsteher eines Gottshauses beherschet …» öffnet bis im Mai 2014 den Blick auf die Vielfalt der Bautätigkeiten in Ittingen.

Bild: Zimmermannswerkzeug 18./19. Jh., Privatsammlung Peter Weiss, Unterstammheim, http://www.ittingermuseum.tg.ch/image.cfm?image=/pictures/Holzwerkzeuge_klein.jpg&title
Die Kartause Ittingen präsentiert sich heute als ein Konglomerat von baulichen Aktivitäten aus mehreren Jahrhunderten. Was auf den ersten Blick als eine in sich ruhende Einheit erfahren wird, erweist sich als ein komplexes Zusammenfügen von Gebäuden und Konstruktionen aus verschiedenen Zeiten.
Nie wurde die Anlage auf einen Schlag grundlegend erneuert. Ihre Geschlossenheit verdankt sie ihrer Nutzung als Kloster und den vorgegebenen Funktionen der einzelnen Räume, die sich bis 1848 kaum veränderten.
Bauen in Ittingen bestand immer in Erweiterungen und Anpassungen an die Bedürfnisse der Bewohner, wobei immer wieder auch Spuren des ästhetischen Wandels zu finden sind.
Manchmal helfen historische Quellen, die Bauten besser zu verstehen, etwa ein Text des Ittinger Mönchs und Prokurators Josephus Wech (1702-1761), der seine Erfahrungen als Bauverantwortlicher für seine Nachfolger aufzeichnete.
Auch der etwas sperrige Ausstellungstitel stammt aus einem Text von Wech, in dem dieser Kritik an den Baumassnahmen seiner Vorgänger übt, die nach wenigen Jahren tiefgreifende Sanierungsmassnahmen verlangten, die Wech in die Hand nehmen musste.
So schreib der besorgte Prokurator:
«Es pflegt gar oft zu geschehen, dass eine Herrschaft oder ein Gottshaus durch unvorsichtigen Bau und Unterhalt der Gebäude nach kurzer Zeit in namhafte Kosten und unwiderbringlichen Schaden gesetzt wird. Das sonderlich, wenn Passion und Baugeist den Vorsteher eines Gottshauses beherrschet, und wenn selbiger keine, oder sehr wenige Cognition von dem allenthalben teuren Bauwesen besitzt, in der Folge ganz blind dem Einschwätzen und zuweilen den Eigeninteressen der Werkleute folgen muss, oder, was noch schädlicher ist, nach seinem eignen passionierten Sinn und eitler Einbildung ohne genügsam eingeholtem Bauverständigen Rat und reiferer Erwägung vorgeht, auch unnötige, prächtige und kurzlebige Gebäude aufführet ohne Rücksicht darauf, dass durch ein solch eigenmächtiges Unternehmen sowohl die religiöse Armut als auch die Ordensregeln und Statuten keineswegs beachtet, das Erbe Christi, das mit harter Mühe zusammengebracht wurde, in unverständlicher Weise zerstreut und die Nachkommenschaft höchst unverantwortlich geschädigt wird.»
Ausgehend von solchen Ermahnungen geht die Ausstellung der Frage nach, wie die Realität des Bauens vor dem Einsatz von motorgetriebenen Maschinen ausgesehen hat.
Verschiedene Aspekte der historischen Bautätigkeit, insbesondere Steinbearbeitung, Mörtelzubereitung, Holzbearbeitung und Holzbau, Baukeramik, Schlosserarbeiten und Innendekoration werden anhand von Materialien und Werkzeugen vorgestellt.
Es werden zudem Relikte aus der langen Bau- und Restaurierungsgeschichte der Kartause gezeigt.
Einen besonderen Schwerpunkt bilden die archäologischen Befunde von Grabungen um 1980 und 2012/2013, denen mannigfaltige Informationen über die im späten 19. Jahrhundert abgebrochenen Mönchshäuschen im Norden der Kartause zu verdanken sind.
ki
Kontakt:
http://www.ittingermuseum.tg.ch/xml_98/internet/de/application/d12055/f14758.cfm
Kommentare von Daniel Leutenegger