Ausstellung im Aargauer Kunsthaus, Aarau, bis am 6. September 2026

Bild: Shamiran Istifan (*1987), Darbuka (Armen Ohanian), 2023, Installationsansicht THE FAIREST 02: Get Used To This, 14.9. – 17.9.2023, Kühlhaus Berlin , Mit Genehmigung der Künstlerin © Shamiran Istifan – Foto: Robert Hamacher

Bild: Shamiran Istifan, Law + Order (Double Gate), 2021, LED-Lampen, Kunststofffasern, 300 x 400 cm, Installationsansicht Law & Order, 3.7. – 25.7.2021, Kulturfolger, Zürich, Mit Genehmigung der Künstlerin © Shamiran Istifan
Shamiran Istifan (*1987) ist Trägerin des Manor-Kunstpreises Aarau 2026, der alle zwei Jahre zur Förderung junger Kunst aus der Schweiz vergeben wird. Die Auszeichnung bietet Anlass für eine Einzelausstellung mit Publikation im Aargauer Kunsthaus.
Die Künstlerin verknüpft dabei Erinnerungen an ihr Aufwachsen im Aargau mit übergeordneten sozialen und strukturellen Fragestellungen. In neuen Werken setzt sie sich mit kulturellem Gedächtnis, (Un-)Sichtbarkeit und imaginären Orten auseinander. Die Ausstellung entfaltet sich als räumliche Erzählung, in der sich persönliche Erfahrungen, vergangene Prägungen und zukünftige Projektionen überlagern.
Shamiran Istifan erforscht in ihren installativen Werken soziale Systeme. Dabei nutzt sie unterschiedliche Medien wie Skulptur, Textil oder Video. Ästhetisch nimmt sie Bezug auf Popkultur, Social Media, suburbane Räume und visuelle Codes des Alltags. Bildsprachen der Inszenierung werden zu formalen Mitteln, die die Wahrnehmung verschieben.
Im Rahmen der Ausstellung entstehen neue Arbeiten, für die der Aargau als Resonanzraum dient. Shamiran Istifan ist in Baden geboren und Angehörige der assyrischen Exilgemeinschaft – einer Minderheit aus dem Nahen Osten, die auch im Kanton Aargau präsent ist. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Zürich.

Bild: Ausstellungsansicht Shamiran Istifan Manor Kunstpreis 2026, 12.6.–6.9.2026, Aargauer Kunsthaus, Shamiran Istifan, Unearth Angel I-VII, 2026 Pipelines, 2026
– Foto: ullmann.photography
Mit der Rückkehr an einen Ort von Erinnerungen versteht Shamiran Istifan die Ausstellung auch als Auseinandersetzung mit dem Aufwachsen generell und dem Wechsel zwischen Welten, die parallel existieren. Die ausgestellten Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Privatem und Öffentlichkeit, Sichtbarem und Unsichtbarem, Bekanntem und Verborgenem.
Eine Installation – bestehend aus an Baugerüste oder archäologische Freilegungen erinnernden Strukturen, gotischen Formen und auf schwarzen Stoff gestickten Engelmotiven – bildet eine Art Passage zwischen Innen- und Aussenraum. Robuste, ordnende Systeme und architektonische Strukturen sind mit weichen Materialien wie Textilien, Seife oder hautähnlichen Texturen verflochten. Oberflächen spielen dabei eine zentrale Rolle – Shamiran Istifan setzt sie sowohl als Träger von Projektionen als auch als Zeichen von Kontrolle oder Wunsch ein.
In einigen neuen Arbeiten wird die häusliche Sphäre zum Spiegel gesellschaftlicher Themen. Die Künstlerin transferiert Briefkästen einer Wohnanlage in den musealen Kontext. Das typische Schweizer Designobjekt repräsentiert den Übergang von öffentlicher Ordnung zu privaten, oft unerzählten Geschichten. Eine standardisierte Formensprache trifft auf popkulturelle Motive aus der Jugendzeit der Künstlerin.

Bild: Ausstellungsansicht Shamiran Istifan Manor Kunstpreis 2026, 12.6.–6.9.2026, Aargauer Kunsthaus Shamiran Istifan, Skin City, 2026 – Foto: ullmann.photography
Schliesslich entsteht in der Ausstellung eine imaginäre Stadtlandschaft: Eine transparente Haut verkleidet einen in den Raum ragenden Gebäudekomplex . Angelehnt an europäische Altstädte und gotische Sakralarchitekturen, erinnert er an Systeme der Ordnung und Repräsentation.
Shamiran Istifan überlagert in ihrer Kunst Motive und Referenzen aus verschiedenen Kontexten und Zeiten, wobei sie bewusst Raum für unterschiedliche Lesarten zulässt. Auf poetische und zugleich präzise Weise thematisiert sie in ihrem Schaffen kollektive Erinnerungen. Sie lenkt den Blick auf jene Strukturen, die Wahrnehmung und Sichtbarkeit formen, und setzt der Komplexität des sozialen Zusammenlebens in der Schweiz zeitgenössische Denkmäler.

Bild: Shamiran Istifan, Maryam II, 2022/2023, Metallic-Jersey, Watte, Garn, Leinen, 109 x 88 cm, Mit Genehmigung der Künstlerin
© Shamiran Istifan
Publikation
Anlässlich der Ausstellung erscheint die erste Monografie von Shamiran Istifan in Form eines Künstlerinnenbuchs. Als Archiv, Sammlung und Montage vereint es persönliche Fragmente sowie Werkabbildungen und Installationsansichten. Die Publikation enthält neben einem Textbeitrag von Sarah Mühlebach, Kuratorin der Ausstellung, einen Essay der afghanisch-deutschen Künstlerin, Kuratorin und Autorin Moshtari Hilal, deren Buch Hässlichkeit (2023) auf viel Echo stiess. Die Publikation ist zweisprachig (Deutsch /Englisch ). Verlag: Verlag für Moderne Kunst, Wien. Gestaltung: Dan Solbach, Berlin
Ein Engagement für die junge Schweizer Kunstszene
Der Manor-Kunstpreis, der 2022 sein 40-jähriges Bestehen feierte, ist einer der wichtigsten Förderpreise des zeitgenössischen Kunstschaffens in der Schweiz. Er wurde 1982 von Philippe Nordmann ins Leben gerufen, um jungen Schweizer Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten. Er wird von einer Fachjury jährlich und alternierend in den Städten Aarau, Basel, Biel, Chur, Genf, Lausanne, Luzern (für die Zentralschweiz), Lugano, Schaffhausen, Sitten, St.Gallen und Winterthur vergeben. Ein Blick auf die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger zeigt, dass der Manor-Kunstpreis einer ganzen Reihe von Künstlerinnen und Künstlern den Weg zum internationalen Durchbruch geebnet hat.

Bild: Porträt Shamiran Istifan – Foto: © Flavio Karrer
Shamiran Istifan
Shamiran Istifan ist 1987 in Baden geboren. Sie absolvierte einen Master in Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste (2020). Heute lebt und arbeitet sie als bildende Künstlerin in Zürich.
Einzelausstellungen: Gnossienne Gallery (Frieze London) (Oktober 2025); Precious Pipeline, Rose Easton, London (2022); Law & Order, Kulturfolger, Zürich (2021); G by Destiny, All Stars, Lausanne (2021); Micro Entities, Material, Zürich (2020).
Gruppenausstellungen (Auswahl): Sammlungsdialog Sylvie Fleury & Shamiran Istifan, Migros Museum für Gegenwartskunst (2026), Swiss Art Awards, Art Basel (2025); Malerbuch, Kunsthaus Zürich (2024); Don’t Worry I Won’t Forget You, Forma Arts, London (2024); Flugblatt Nummer Vier, Tropez Humboldthain, Berlin (2024); Zurich Biennale, Kunsthalle Zürich (2023); Gold Digger x Vista in the Sky, Alserkal Avenue, Dubai (2023); Between Two Rivers for In the Green Escape of My Palace, Studio Chapple, London (2022); Kunststipendien der Stadt Zürich, Helmhaus Zürich (2022); Ex Amore Vita, After Hours, Paris (2022); As We Gaze Upon Her, Warehouse 421, Abu Dhabi (2021); Ex Amore Vita, Independent Iraqi Film Festival, Bagdad (2021); Werkschau, Haus Konstruktiv, Zürich (2021); Nour el Ain, Karma Gallery International, Zürich (2021); Mariam, Bagno Popolare, Baden (2018).
Preise und Stipendien: Werkschau des Kantons Zürich (2021); Atelierstipendium der Stadt Zürich (2022); Swiss Art Award (2025).
Kuratorin Sarah Mühlebach – Kuratorische Assistenz Renée Schwerzmann
akh
Kontakt:
https://aargauerkunsthaus.ch/de/ausstellung/shamiran-istifan/
https://manor.ch/de/u/kunstpreis
Auf ch-cultura.ch bereits erschienen:
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Kommentare von Daniel Leutenegger