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11. September 2021

DAS ERZÄHLEN IN JAPANS BILDENDER KUNST UND IM KUNSTHANDWERK VOM MITTELALTER BIS ZUM ZEITGENÖSSISCHEN MANGA

Zwei komplementäre neue Ausstellungen im Museum Rietberg Zürich: «Liebe, Kriege, Festlichkeiten – Narrative Kunst aus Japan» (bis am 5. Dezember 2021) / «Flow – Erzählen im Manga» (bis am 31. Januar 2022)

Bild oben: Sumiyoshi Hirotsura (1793–1863), Bilder aus dem Land der zehntausend Dämonen (Nächtlicher Umzug der hundert Dämonen) (Detail), Edo-Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, Querrolle; Tusche und Farben auf Papier, 37 × 1482 cm, Französische Nationalbibliothek, Paris © BnF (zur Vergrösserung anklicken)

Das Museum Rietberg lädt zu einer Begegnung mit einer Besonderheit der japanischen Kultur und Kunstgeschichte: der «narrativen Kunst». Zum ersten Mal wird dieses Thema ausführlich in zwei komplementären Ausstellungen beleuchtet. Der Begriff der «narrativen Kunst» bezeichnet alle Arten von Bildwerken, die auf einem literarischen Text basieren oder ihn begleiten, entweder als Bildfolge oder einzelne Illustrationen. Der Begriff umfasst Malereien, Holzschnittdrucke sowie dreidimensionale Objekte und betont die im Vergleich zu anderen ostasiatischen Kulturen ziemlich singuläre Bandbreite der japanischen narrativen Kunst.

«Liebe, Kriege, Festlichkeiten – Narrative Kunst aus Japan» ist eine Ausstellung über die Kunst sogenannter «Bilder von Erzählungen» (monogatari–e), die sich von bedeutenden Szenen der japanischen klassischen Literatur, buddhistischen Legenden und Volksmärchen inspirieren lassen. Trotz seiner überragenden Bedeutung in Japan ist dieses Genre im Westen bislang wenig bekannt.

Anhand von zahlreichen Meisterwerken aus sieben Jahrhunderten – vom 13. bis zum 20. Jahrhundert – zeigt die Ausstellung, wie Bilder und Motive sich über lange Zeit hinweg weiterentwickeln; wie sie sowohl die höfische Kunst als auch die Alltagskultur durchziehen; wie sie ihren Betrachterinnen und Betrachtern altbekannte Geschichten – Szenen, Protagonisten oder moralische Lehren – durch einzelne Motive ins Gedächtnis rufen oder in schwelgenden Szenerien lebendig werden lassen – und sie dadurch immer wieder neu in ihrer jeweiligen Gegenwart verhandeln. Eines der herausragenden Merkmale des monogatari–e ist die Multimedialität der Werke und Objekte, die zu «Trägern« und Vermittlern von Geschichten werden.

Zu den eindrücklichsten Kunstwerken zählen illuminierte Querrollen (emaki) – bis zu 20 Meter lange Bildrollen, auf denen sich eine Geschichte entfaltet. Hier verbindet sich das Bildliche mit dem Erzählerischen. Die Bildrollen sind Raum– und Zeitkontinuum zugleich. Mit den dramaturgischen Entwicklungen und wechselnden Perspektiven, die beim Auf– und Einrollen des Bildes die Handlung vorantreiben, wird das klassische Rollbild oft auch mit zeitgenössischen Ausdrucksformen wie Manga oder Film verglichen. Gleichzeitig eröffnet das Rollbild eine weitere, uns heute sehr vertraute Dimension des Erlebens und Erzählens einer Handlung, in der der Rezipierende durch «Vor– und Zurückspulen« das Erzähltempo und den Erzählfluss bestimmt und selbst zum Akteur wird. In der Verbindung mehrerer Handlungs– und Zeitebenen ermöglichen emaki vielfältige Bilderfahrungen, wie sie heute zum Beispiel in Computerspielen, im sogenannten Gaming, üblich sind.

Durch das einzigartige Verhältnis von Text und Bild, bzw. Schrift und Malerei entsteht ein von den jeweiligen formalen Zwängen befreiter Widerhall von Erzählung und Rezeption, in dem es auch möglich ist, ein Objekt wie ein Stellschirm nicht nur zum ästhetischen, sondern auch zum intellektuellen Genuss zu betrachten. Werke und Objekte werden zu Erzählstimmen. Ein kostbares Objekt kann zugleich Erzählung oder literarisches Zitat sein. Die dynamische Beziehung von Bild–und Textzitaten lässt sich von der höfischen Welt des Mittelalters bis in den Alltag der Massenmedien wiederfinden.

Durch die Übersetzung von Literatur in Kunst entsteht ein faszinierender, kulturell einmaliger Erzählraum, in dem Epen und Mythen der Vergangenheit, auch übersetzt in eine zeitgenössische Sprache, ihren Platz finden. Sie werden von einem weltweiten Publikum verstanden und geschätzt und entfalten eine immer neue Bedeutung in der Gegenwart. Dazu gehören auch gedruckte grafische Erzählungen, d.h. Manga.

Manga sind ein zentraler Bestandteil der japanischen Gegenwartskultur. Als absatzstarke grafische Erzählungen haben sie es den Verlagen kommerziell ermöglicht, auch «hohe» Literatur für eine breite Öffentlichkeit herauszubringen; als vielbändige Serien für Jugendliche haben sie zusammen mit Zeichentrickserien, Videospielen und Cosplay Japans Kulturdiplomatie gedient; im Inland wiederum haben sie sich auch als alltägliches Ausdrucksmittel bewährt, von der Fankultur bis zu den sozialen Medien.

«Flow – Erzählen im Manga» erkundet, wie sich der moderne Comic zu den historischen illuminierten Querrollen verhält. Traditionellerweise repräsentieren die emaki Japans «narrative Kunst» und sind auch immer wieder als «Ursprung» angeführt worden, um den Manga zu legitimieren. «Flow» nimmt aber nicht berühmte literarische Figuren und Erzählinhalte zum Ausgangspunkt, sondern richtet den Fokus auf das bildliche Erzählen selbst und seine Medien – von der Querrolle über die vertikal und horizontal komponierten Druckseiten bis hin zum vertikalen Touch–Screen.

«Liebe, Kriege, Festlichkeiten» ist eine Zusammenarbeit des Museums Rietberg, repräsentiert durch die Co–Kuratorin Khanh Trinh, mit der Universität Heidelberg, Melanie Trede und INALCO Paris, Estelle Bauer.

«Flow – Erzählen im Manga» wurde konzipiert von Jaqueline Berndt, Universität Stockholm. 

mrz

Kontakt:

https://rietberg.ch/

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DAS ERZÄHLEN IN JAPANS BILDENDER KUNST UND IM KUNSTHANDWERK VOM MITTELALTER BIS ZUM ZEITGENÖSSISCHEN MANGA

Bild: Monkey, Mouse und Tanuki, aus «Tanuki vs. Zodiac 12», Originalanfertigung für die Ausstellung, Christina Plaka, 2020 © Christina Plaka

 

 

 

 

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 11. September 2021
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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