27. Februar 2022
«FRIDA ORUPABO – I HAVE SEEN A MILLION PICTURES OF MY FACE AND STILL I HAVE NO IDEA»
Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, bis am 29. Mai 2022

Bild oben: Frida Orupabo, Batwoman, 2021 © Frida Orupabo und Galerie Nordenhake Berlin | Stockholm | Mexiko-Stadt
Die norwegisch–nigerianische Künstlerin und Soziologin Frida Orupabo (*1986) kreiert aus online zirkulierendem Bildmaterial analoge und digitale Schwarz–Weiss–Collagen und Videoarbeiten. Aus historischen Fotografien der Kolonialzeit sowie Bildern der Gegenwart, aus Ethnografie, Medizin und Wissenschaft sowie der Kunst und Popkultur seziert Orupabo Darstellungen des Schwarzen, meist weiblichen Körpers, um Themen wie koloniale Gewalt, Rassismus, Sexualität, Identität und Zugehörigkeit zu verhandeln. Im Neu–Arrangieren und Zusammenfügen zergliederter Bildfragmente entstehen widerständige Figuren der vom Kolonialismus geprägten Gegenwart, die uns zum Blickaustausch herausfordern.
Orupabos Auseinandersetzung mit persönlicher und kultureller Zugehörigkeit bildet die Ausgangslage ihrer feingliedrigen, skulptural wirkenden Collagen und Videoinstallation. Schicht für Schicht setzt die Künstlerin zerschnittene Abbildungen Schwarzer Körper neu zusammen, um sich selbst in die Geschichte(n) einzuschreiben, die keinen Platz für sie vorgesehen haben, oder aber um die Bilder, in die sie hineingezwängt wird, so zu verdrehen, dass sie sich darin wiedererkennt. Prozesse der Objektivierung, Fixierung und Fremdbestimmung werden somit dekonstruiert, wodurch auf unbehagliche und verstörende Weise spürbar wird, wie die Fotografie massgeblich an der Bildung und Fortschreibung von kolonialen Machtverhältnissen und Gewalt beteiligt ist.
«Ich interessiere mich dafür, was wir sehen und wie wir sehen. Meine
Beschäftigung mit Bildern aus dem kolonialen Archiv und der Collage als
Medium untersucht deren Vermögen, Dinge aufzubrechen, zu zerlegen und in
neue Zusammenhänge zu stellen.»
Frida Orupabo
Die Social–Media–Plattform Instagram, an die sich eine in der Ausstellung gezeigte Videoinstallation in ihrer neunteiligen Anordnung anlehnt, begann Orupabo vor ungefähr zehn Jahren als Ordnungssystem, Ausdrucksform und als persönliches Archiv zu nutzen. Gleichzeitig wagte sie sich über Instagram auch erstmals mit ihrer Arbeit an eine Öffentlichkeit. Orupabo arrangiert und verdichtet im Netz gesammelte Foto–, Video– und Textschnipsel aus unterschiedlichsten Quellen zu vielschichtigen Erzählungen, wobei sie die Darstellung Schwarzen Lebens aus eindimensionalen Repräsentationen herauslöst und ihm die Komplexität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit einer jeden menschlichen Existenz zugesteht.
«Ich möchte Subjekte hervorbringen, die auf die Vergangenheit blicken und
diese hinterfragen, anstatt blosse Objekte zu sein, ein fernes Anderes, das
beschrieben und in eine Schublade gesteckt werden kann.»
Frida Orupabo
Subtil widerständige oder emanzipatorische Momente durchziehen Orupabos Collagen: der direkte Blick oder die geballte Faust; Figuren, die fliegen oder in einem anmutigen Schwebezustand verharren. Sie strahlen Stolz und Würde aus und versuchen, jene eingrenzenden Bild– und Vorstellungskategorien zu transformieren, die sie zugleich vorführen oder zumindest andeuten.
Die Collage «Batwoman» bringt diese Dynamik beispielhaft zum Ausdruck, indem sie dem rassistischen Blick, der auf Schwarze Menschen herabschaut, als wären sie Tiere, mit einer Mischung aus unerschütterlicher Stärke und graziöser Leichtigkeit die Stirn bietet. Das Logo einer Bildagentur – als Wasserzeichen auf der Fotografie sichtbar – hat Orupabo nicht entfernt oder retouchiert, sondern sich ebenfalls angeeignet. Selbst wenn Bilder aus kolonialen Archiven frei im Netz zirkulieren, besitzen vornehmlich weisse Institutionen die Rechte – wodurch sie sich nicht nur an den Bildern bereichern, sondern auch über den Kontext mitentscheiden, in dem diese erscheinen dürfen.
Gleichsam ironisch bricht Orupabo auch mit der Rolle des Superhelden, die in der Regel Männern vorbehalten bleibt. Dabei schert sich die «Batwoman» reichlich wenig um die Männerfantasien. Statt sich in einen hautengen Body zu zwängen, flattert sie befreit von sexistischen Erwartungen mit ihrem Fledermauskörper davon.
So sind die im Fotomuseum Winterthur präsentierten Collagen auch Ausdruck einer ästhetischen Suchbewegung Orupabos, die sich dem voyeuristischen, sexualisierenden wie sexistischen Blick zu entziehen versucht, indem das Geschlecht der collagierten Körper zunehmend undefinierbar wird. Schliesslich weitet Orupabo ihre Bildsprache auch über Motive aus Renaissance–Gemälden und Verweise auf die figurative Malerei aus.
In Orupabos Collagen treten die Bruchstellen sichtbar hervor wie Narben. Sie markieren die gewaltsame, räumlich wie zeitlich dissoziierte koloniale Erfahrung, die sich in den Lebensrealitäten, Erfahrungswelten und Bildern unserer Gegenwart fortschreibt. Indem sich Orupabo das koloniale Bildgedächtnis aneignet, es auseinanderreisst, neu zusammenfügt und daraus (eine) potenziell andere Geschichte(n) formuliert, sind diese Narben Ausdruck eines Verarbeitungsprozesses. Sie implizieren vielleicht aber auch die Möglichkeit einer Heilung – wenn wir uns auf die Blickbegegnung einlassen, uns ihren Irritationsmomenten und Ambivalenzen stellen und uns ihrer komplexen Wirkungsweise bewusst werden.
Das Fotomuseum Winterthur präsentiert die erste Einzelausstellung von Frida Orupabo in der Schweiz. Begleitend zur Ausstellung entwickelt Legion Seven eine Sound–Performance, die mit den Arbeiten Orupabos in einen Dialog tritt und das Spannungsfeld von Identität, Zugehörigkeit und Repräsentation erkundet.
Legion Seven bricht mit normativen Zwängen: Die Trümmer der Kult–Starrheit, in die Seven hineingeboren wurde, werden in Traum–Mythologien, Science–Fiction und Chaos–Logiken zerstreut. Dabei entstehen Projekte, die so vielfältig sind wie die Vorstellungskraft. Als Kooperation mit dem Museum Rietberg und der dortigen Ausstellung «The Future is Blinking« (18.03.–03.07.2022) angelegt, arbeitet sich die neu entwickelte Performance auch am Spannungsfeld ab, das sich zwischen beiden Ausstellungen in Bezug auf Fragen zu fotografischer Repräsentation und Selbstbestimmung eröffnet.
Die Performance findet am Mittwoch, 18.05.2022, in den Räumen des Fotomuseums Winterthur und am Donnerstag, 19.05.2022, in den Räumen des Museums Rietberg Zürich statt.
Informationen zur Künstlerin
Frida Orupabo (*1986) lebt und arbeitet in Oslo, Norwegen. Nach ihrem Studium der Soziologie arbeitete sie als Sozialarbeiterin mit Sexarbeiterinnen und Opfern von Zwangsprostitution. Seit 2013 macht Orupabo ihre Arbeiten auf Instagram unter dem Namen @nemiepeba öffentlich und seit 2017 stellt sie als Künstlerin aus. Ihre Arbeiten waren international in Einzel– und Gruppenausstellungen vertreten, u.a. an der Biennale von São Paulo (2021), in der Kunsthall Trondheim (2021), im Museum Ludwig, Köln (2020), der Biennale di Venezia (2019), der Julia Stoschek Collection, Berlin (2018) oder der Galerie Nordenhake, Stockholm (2018).
fmw
Kontakt:
#FotomuseumWinterthur #FridaOrupabo #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Bild: Frida Orupabo, Belema, 2021 © Frida Orupabo und Galerie Nordenhake Berlin | Stockholm | Mexiko–Stadt
Kommentare von Daniel Leutenegger