29. Juni 2026
ZUR STILLEN ERFOLGSGESCHICHTE DER AARGAUER MÖBELINDUSTRIE
Mit dem dritten Band seiner Reihe «Aargauer Industriegeschichten» rückt Museum Aargau ein unterschätztes Kapitel in den Mittelpunkt: die Möbelbranche des Kantons. Die neue Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870» von Möbelhistoriker Dieter Pfister zeigt, wie Aargauer Firmen Generationen von Schweizer Wohn- und Büroräumen geprägt haben.

Bild: Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870»: Tischschreinerei Oberle & Hauss AG, Döttingen, um 1930

Bild: Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870»: Prospekt von Möbel-Pfister mit Darstellung des Hauptsitzes in Suhr, 1940er-Jahre
Pfister, de Sede oder Thut: Der Aargau hat zahlreiche Möbelfirmen hervorgebracht, die über den Kanton hinaus Ausstrahlung hatten oder noch haben. Museum Aargau beleuchtet nun diese Erfolgsgeschichte mit der Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870». Damit wird ein Kapitel Schweizer Kulturgeschichte sichtbar, das bislang wenig Beachtung fand – obwohl der Kanton Aargau ein bedeutender Standort von Möbelproduktion und -handel war.
Regionale Werkstätten und später industriell organisierte Betriebe produzierten eine breite Palette an Möbeln: vom schlichten Bauernkasten über funktionale Schlafzimmer bis zu repräsentativen Esszimmern – und damit eine typisch schweizerische Wohnkultur.

Bild: Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870»: Buffet mit Sitzgruppe, Woodtly, 1957
«Die Qualität des Unauffälligen»
Die Publikation des Basler Autors und Möbelhistorikers Dieter Pfister porträtiert unter anderem 20 prägende Firmen und erzählt spannende Geschichten dazu. Das Buch trägt programmatisch den Untertitel «Die Qualität des Unauffälligen» – und setzt bewusst einen Kontrapunkt zur vertrauten Erzählung der Designgeschichte. Denn während Designklassiker heute als Ikonen gefeiert werden, richtet das Buch den Blick auf jene Möbel, die den Alltag tatsächlich geprägt haben: unauffällig, funktional und von hoher handwerklicher Qualität.
Aargauer Betriebe orientierten sich zunächst weniger an modisch-kühlen Designformen als am Bedarf eines breiten, mittelständisch geprägten Marktes. So entstanden langlebige Möbel – vielfach aus Holz –, die über Generationen hinweg genutzt wurden und in unzähligen Haushalten präsent waren. Erst mit dem gesellschaftlichen Wandel um 1968 trat eine neue Generation von Herstellern hervor, die sich stärker an internationalen Designströmungen orientierte und auch eigenständige Designmöbel entwickelte.

Bild: Faltliege, Wisa Gloria, 1940er-Jahre, 54,5 x 70 x 190 cm, Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. K-17003. © Museum Aargau
Das Buch verbindet beide Perspektiven: Es würdigt die bekannten Designpositionen, rückt aber auch jene «stille» Mehrheit von Möbeln ins Zentrum, die unsere Wohnkultur nachhaltig geprägt hat. Beispiele reichen von Betrieben wie Simmen oder Woodtly bis hin zu späteren Designfirmen. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, bietet die Publikation erstmals eine systematische Übersicht der Aargauer Möbelindustrie. Sie basiert wesentlich auf der in den letzten Jahren gezielt aufgebauten Möbelsammlung sowie auf die umfangreiche Möbel-Dokumentation von Museum Aargau.
Über die Reihe «Aargauer Industriegeschichten»
Museum Aargau beleuchtet mit der Publikationsreihe «Aargauer Industriegeschichten» einzigartige Firmen und Branchen aus dem Kanton Aargau und macht so die Vielfalt der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte des Kantons sichtbar. Der Fokus liegt auf Unternehmen und Produkten, aber auch auf den Menschen und ihre Wirkung auf Alltag und Gesellschaft. Der erste Band (2021) des Historikers Manuel Cecilia widmet sich der F. Aeschbach AG («Vom Messerschleifer zum Taktgeber im Backgewerbe»). 2023 erschien der zweite Band von Historikerin Ruth Wiederkehr über die Erfolgsgeschichte der Zweifel Pomy-Chips AG.
Das Buch
Dieter Pfister: «Möbelindustrie- und -handel seit 1870. Die Qualität des Unauffälligen»
Museum Aargau (Hg.). NZZ Libro, 2026. 144 Seiten, 160 Abbildungen. ISBN: 978-3-03980-055-1, CHF 34.–, erhältlich im Buchhandel sowie online unterwww.museumaargau.ch/publikationen oder www.nzz-libro.ch.
Kontakt:
https://www.museumaargau.ch/publikationen#c5282
https://www.museumaargau.ch/blog/highlights-aus-der-aargauer-moebelgeschichte

Bild: Pavatexschrank, Entwurf Kurt Thut, 1953, 186 x 113 x 48,5 cm, Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. K-18182. © Museum Aargau
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Kommentare von Daniel Leutenegger