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10. Dezember 2018

«KOKOSCHKA – DÜRRENMATT: DER MYTHOS ALS GLEICHNIS»

Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN), vom 15. Dezember 2018 bis am 31. März 2019

Bild oben: Friedrich Dürrenmatt, F.D. verwandelt sich in Midas-Green V, 1984, Filzstift auf Papier, 29.7 × 21 cm, Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft

friedrich dürrenmatt schlacht bei den thermopylen

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Schlacht bei den Thermopylen, 1938/39, Tusche auf Papier, 20.5 × 39.5 cm, Sammlung Schwarz © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft (Bild zur Vergrösserung anklicken)

Das Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN) präsentiert eine Ausstellung zu Ehren von Oskar Kokoschka und Friedrich Dürrenmatt – zwei wichtigen Künstlern des 20. Jahrhunderts, die sich persönlich begegnet sind und die beide antike Mythen als Mittel zur Kritik ihrer eigenen Zeit heranzogen. Dank einer umfangreichen Leihgabe der Fondation Oskar Kokoschka umfasst die Ausstellung rund hundert Werke von Oskar Kokoschka (1886-1980) und Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Sie bezeugt die bis heute andauernde Faszination für die Schlacht bei den Thermopylen in den Künsten, politischen Ideologien oder in der Populärkultur.

Oskar Kokoschka, Friedrich Dürrenmatt und die Thermopylen

Am 25. März 1960 treffen sich Friedrich Dürrenmatt und Oskar Kokoschka in Kokoschkas Haus in Villeneuve bei Montreux. Daraufhin widmet Dürrenmatt ihm ein Gedicht, in welchem er die gegenständliche Kunst verteidigt und Kokoschkas Werk Thermopylae (1954) rühmt. Kokoschka benutzt diese antike Schlacht zwischen Griechen und Persern, um auf die Notwendigkeit der Vereinigung der Kräfte in Westeuropa in Zeiten des Kalten Krieges hinzuweisen. Die Ausstellung präsentiert die Vorzeichnungen zu diesem monumentalen Gemälde.

Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte sich auch Dürrenmatt mit dem Schicksal der 300 Spartaner, die 480 v. Chr. unter der Führung ihres Königs Leonidas bei den Thermopylen den persischen Invasoren Widerstand leisteten. Die Zeichnung Die Thermopylen-Schlacht (1938/39), eine Leihgabe aus einer Privatsammlung, wird hier erstmals ausgestellt. Beiden Künstlern galt die antike Schlacht als Gleichnis für aktuelle Konflikte, sei es der Zweite Weltkrieg oder der Kalte Krieg

Die antiken Mythen als Inspirationsquelle

Kokoschka bediente sich auch anderer antiker Mythen zur Vermittlung künstlerischer und politischer Botschaften, genau wie Dürrenmatt, für den die griechischen Götter und Helden eine unerschöpfliche Inspirationsquelle darstellten, sowohl in seinem literarischen, als auch in seinem künstlerischen Schaffen.

Kokoschka illustrierte das Trauerspiel Penthesilea von Heinrich von Kleist sowie die Komödie Die Frösche von Aristophanes, in welchem die Frösche symbolisch für die nicht selbstständig denkenden Mitläufer stehen. In der Verteidigung der stets gefährdeten Demokratie liegt für Kokoschka die Zeitlosigkeit dieser antiken Komödie. Auch denunziert er mit Euripides‘ Tragödie Die Troerinnen den Krieg allgemein.

In seiner Komödie Herkules und der Stall des Augias verwendet Dürrenmatt ebenfalls ein Gleichnis: er lässt Augias sein Land als «liberal-patriarchalisch, zwischen dem attischen Seebund, der spartanischen Hegemonie und dem persischen Weltreich lavierend» charakterisieren. Unschwer sind darin die verschiedenen Lager im Kalten Krieg zu erkennen: Europa als attischer Seebund, die USA als spartanische Vormachtstellung und die UdSSR als persisches Weltreich. Zwischen diesen «laviert» unter neutraler Flagge die Schweiz.

Die beiden Künstler identifizierten sich gleichermassen mit mythologischen Gestalten. Kokoschka empfand die Irrfahrten des Odysseus als Gleichnis seines eigenen, von Verfolgung und Exil geprägten Lebens. Zwischen 1963 und 1965 schuf er Lithografien zur Odyssee. Dürrenmatt stellte sich seinerseits regelmässig in Gestalt des Minotaurus, Prometheus, Midas, Orpheus oder des Sisyphos dar. Aufgrund seines Hangs, seine Schriften ständig umzuschreiben, verglich er sich mit Sisyphos, der seinen Felsblock immer wieder von unten den Berg hinaufwälzen musste.

Gegenständliche Kunst versus abstrakte Kunst

Friedrich Dürrenmatts Gedicht An Oskar Kokoschka enthält ein Plädoyer für die gegenständliche Kunst sowie eine Kritik an der Zürcher Schule der Konkreten. Sowohl Dürrenmatt als auch Kokoschka mischten in den 1950er-Jahren in der Polemik, die sich die Verfechter der abstrakten Kunst mit den Verteidigern der gegenständlichen Kunst leisteten, kräftig mit. Die abstrakte Malerei wurde zum Ausdruck des «freien Westens» erhoben, während Gegenständlichkeit mit «sozialistischem Realismus» gleichgesetzt wurde. Kokoschka widersprach dieser Kategorisierung, indem er auf die gegenständliche Kunst der antiken Griechen hinwies, denen Europa den Begriff der Demokratie verdanke. Gleichermassen verteidigte Dürrenmatt die Porträtkunst seines Freundes Varlin, die Max Bill 1970 für «nicht mehr aktuell» erklärte.

Die Aktualität des Thermopylen-Mythos

Nach dem 11. September 2001 erlebte die Schlacht bei den Thermopylen in den USA eine Konjunktur, wobei die Gefahren aus dem Osten dieses Mal in Form von Terrororganisationen erscheinen. Das von Zack Snyder produzierte Antikenspektakel 300 (2007) zeichnet ein plakatives Bild vom «freien Westen», der sich gegen Terroristen aus dem Osten verteidigt. Verschiedene Beispiele zeigen die Aneignung des Mythos der Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen. Der fiktive Souvenirladen am Ende des Ausstellungsparcours zeigt, wie beliebt die Figur des Leonidas heute in der Populärkultur ist.

Zwei Publikationen

Im Rahmen der Ausstellung veröffentlicht das CDN eine Publikation, die wissenschaftliche Aufsätze, unter anderem von Régine Bonnefoit, der Kuratorin der Ausstellung, vereint. Gleichzeitig erscheint die französische Übersetzung von Midas oder die schwarze Leinwand von Friedrich Dürrenmatt, eine Erzählung, die er auch durch Zeichnungen illustriert hat, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Kokoschka zu Ehren in Neuchâtel und in Zürich

Parallel zur Ausstellung im CDN widmet das Kunsthaus Zürich Oskar Kokoschka vom 14. Dezember 2018 bis zum 10. März 2019 eine Retrospektive, in der auch das monumentale Triptychon Thermopylae zu sehen ist. Zu diesem Anlass werden zwei «Salons Dürrenmatt» stattfinden, der erste am 31. Januar 2019 im Kunsthaus Zürich, der zweite am 17. Februar im CDN.

Vor Kurzem erschien der Dokumentarfilm Kokoschka: Leben und Werk des Schweizer Regisseurs Michel Rodde. Am 22. Januar 2019 findet eine Vorführung dieses Films in Anwesenheit des Regisseurs in Neuchâtel statt.

cdn

Kontakt:

http://www.bundesmuseen.ch/cdn/00120/00133/02259/02383/index.html?lang=de

#CDN #CentreDürrenmattNeuchâtel #Kokoschka_Dürrenmatt #MythosAlsGleichnis #OskarKokoschka #FriedrichDürrenmatt #RégineBonnefoit #CHcultura @CHcultura

oskar kokoschka herodot

Bild: Titelseite der Times Literary Supplement vom 13. Oktober 1961 mit der Reproduktion der Zeichnung Herodot von Oskar Kokoschka, 46.2 × 31.6 cm, Archiv der Fondation Oskar Kokoschka, Vevey

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 10. Dezember 2018
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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