7. März 2022
«LIEBE GRÜSSE»
Ausstellung im Museum Langmatt, Baden, bis am 4. September 2022

Bild oben: Ausstellungsansicht «Liebe Grüsse», 2022, Museum Langmatt, Baden
Die Pandemie greift in die Wahrnehmungen und Gewohnheiten der Gesellschaft ein. Wie können Museen experimentierfreudig mit den sich wandelnden Verhältnissen umgehen? Und was bedeuten die Veränderungen für das klassische Format der Ausstellung? «Liebe Grüsse» ist ein prozessartiges Gewebe, das lustvoll zwischen Veränderlichkeit und Überraschung, Spielfreude und Ausstellung mäandert. Und ganz nebenbei stellen sich subtile Fragen nach den Bewertungsmechanismen von Kunst.
13 zeitgenössische Kunstschaffende, die im Museum Langmatt einmal ausgestellt haben, schicken «liebe Grüsse» in digitaler Form. Ausgedruckt mischen sich die postkartengrossen Grüsse in der Gemäldegalerie mutig unter die Impressionisten der Sammlung. Im Laufe der Ausstellung kommen weitere Grüsse hinzu, was zu fortlaufenden Veränderungen führt. Die Auswahl der Kunstschaffenden berücksichtigt verschiedene Generationen, Medien und künstlerische Ausdrucksweisen. Ein Wiedersehen mit Kunstschaffenden, die in der Langmatt viel beachtete Einzelausstellungen hatten, wie z.B. Renée Levi oder Pipilotti Rist, oder die mit bemerkenswerten Arbeiten in Themenausstellungen vertreten waren, wie z.B. Julia Steiner oder Uwe Wittwer.
Auch das Publikum hat die Möglichkeit, der Langmatt liebe Grüsse zu schicken: Ausgewählte Publikumsgrüsse erweitern die Präsentation in der Galerie. Wie die Grüsse der Kunstschaffenden mischen sich auch die Publikumsgrüsse unerschrocken unter die Meisterwerke. Auf diese Weise zeigt sich «Liebe Grüsse» als durchlässig in mehrfacher Hinsicht: Die strikten Grenzen zwischen Kunst und Publikum lockern sich ebenso wie jene zwischen den impressionistischen Meisterwerken und den Grüssen der Gegenwartskunst, die als kleinformatige Digitaldrucke so gut wie keinen Marktwert besitzen.
Somit erweist sich «Liebe Grüsse» nicht nur als heiteres Spiel, sondern auf den zweiten Blick auch als Hinterfragung von Wahrnehmungs- und Bewertungsgewohnheiten. Was macht den Wert eines Kunstwerks aus? Ist es der Marktwert, ist es seine kunsthistorische Bedeutung oder ergibt sich der Wert schlicht und einfach daraus, ob die Arbeit zu einem persönlich spricht?
Langmatt-Direktor Markus Stegmann: «Die Coronajahre haben nicht nur unsere Alltagsgewohnheiten verändert, sondern sie geben uns auch die Möglichkeit, wacher und kritischer unsere Prägungen und Bewertungsmechanismen von Kunst zu hinterfragen. Das heisst nicht, dass plötzlich alles gleich wichtig wäre, doch Werte-Hierarchien und Deutungsmuster erhielten in jüngster Zeit weitere Risse. Es geht darum, ein neues, erweitertes Verständnis von Kunst und ihrer Bedeutung, ihres Einflusses auf uns zu entwickeln.»
«Liebe Grüsse» knüpft an die reichen Postkartenbestände der Familie Brown an: Die Kabinettausstellung «Schaufenster Archiv – Historische Postkartengrüsse» präsentiert zeitgleich eine eindrückliche Auswahl und vermittelt eine ganz andere, mittlerweile fast vergangene Form der Kommunikation.
Während der Laufzeit von «Liebe Grüsse» schicken folgende Kunstschaffende mehrfach liebe Grüsse: Norbert Bisky (* 1970), Reto Boller (* 1966), Emmanuelle Castellan (* 1976), Klodin Erb (* 1963), Florian Germann (* 1978), Martin Jakob (* 1989), Renée Levi (* 1960), Pipilotti Rist (* 1962), Nele Stecher (* 1970), Julia Steiner (* 1982), Raphael Stucky (* 1989), Christian Vetter (* 1970), Uwe Wittwer (* 1954).
mlb
Kontakt:
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Bild: Liebe Grüsse von Florian Germann, Christian Vetter, Raphael Stucky, Reto Boller, Renée Levi, Julia Steiner (von oben links im Uhrzeigersinn)
Kommentare von Daniel Leutenegger