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11. September 2011

PRISCA GROH / VICTORINE MÜLLER: «TRASFORMAZIONE»

Laboratorio Kunsthalle Lugano - noch bis am 22. Oktober 2011

Text von Victorine Müller und Paula Tedeschi:

Zwei Welten, die voneinander weit weg scheinen, die einander geheimnisvoll in Schwingung versetzen. Ihre Nebeneinanderstellung kann beim ersten Blick überraschend wirken. Im Dialog ermöglichen die beiden Ansätze jedoch eine verfeinerte Wahrnehmung und öffnen neue Betrachtungsweisen, Denk- und Fühlwelten.

VICTORINE MÜLLER

In ihren aktuellen Performances begibt sich die Künstlerin in grosse zoomorphe oder biomorphe, dank Luftpumpen in Form gehaltene Skulpturen aus durchsichtigem Plastik. Subtil eingesetztes Licht ruft visionäre Traumstimmungen hervor. Diese performativen Skulpturen sind malerische, lebendige Kompositionen.

Ihre durchsichtigen Skulpturen, ebenfalls aus PVC, neuerdings auch mit Elementen aus Plexiglas, stehen in einem Spannungsfeld zwischen Volumen und Raum, zwischen Innen und Aussen. Das Volumen ist da, meist in riesigen Dimensionen, wird jedoch durch seine Leichtigkeit entmaterialisiert; dank der Durchsichtigkeit und dem Licht lässt sich die geschlossene Form vom Raum durchdringen; die Innenseite wird von Aussen sichtbar und was sich draussen befindet tritt in eine kraftvolle Beziehung mit dem Innern. Das Licht spielt auf der Oberfläche, gleichzeitig scheint es aus dem Werk selber herauszukommen um sich auf die Umgebung zu projizieren.

Die in enger Beziehung zur Performance und Skulptur stehenden Zeichnungen sind von einer extremen Feinheit: Leichte Geschöpfe – durchschimmernd und in Veränderung – werden durch feine Striche und lichte Farben auf dem Papier hervorgerufen; Figuren, die sich bewegen, in einem unbestimmten Raum.

Vor diesen Erscheinungen in den faszinierenden und lyrischen Stimmungen bleibt der Besucher erstaunt, verzaubert und ein wenig destabilisiert, nicht nur wegen der sich mischenden Welten, sondern auch und vor allem wegen der Umwälzung von Regeln, welche die Wahrnehmung verändert.

PRISCA GROH

Für Prisca Groh ist es praktisch unmöglich, die kreative von der existentiellen Erfahrung zu trennen. Der Wendepunkt in ihrem künstlerischen Schaffen entspricht der ersten Iran-Reise: Eine Enthüllung, die den Beginn eines reiferen, persönlicheren und entschiedenen Wegs darstellt. Wendepunkt, jedoch keine Zäsur. Die Entfaltung von Prisca Grohs Schaffen ist spiralförmig. Themenkreise kommen immer wieder zurück und werden auf verschiedene Art und Weise und mit verschiedenen Medien immer neu erarbeitet. Das Thema der sich durchdringenden Dimensionen, zum Beispiel.

Schon in den frühen, fotografischen Arbeiten finden wir es in einem sich in Meereswasser auflösenden Himmel: Es ist unmöglich, den genauen Punkt zu identifizieren, in dem der Eine zum Anderen wird.

Dieses Thema wird durch den Kontakt zur iranischen Kultur erneut aufgegriffen, in einem Kontext, in dem die Künstlerin zur Vermittlerin wird: nicht nur zwischen mittlerem Osten und Westen, sondern auch zwischen Erde und Himmel, zwischen Irdischem und Spirituellem. Es entsteht die fotografische Serie Angels (2005-2006): sie porträtiert die Falforush, die illegalen Glücksverkäufer, die Verse des Dichters Hafiz (1325/26-1389/90) anbieten, dessen Gedichte einen richtigen Meilenstein für die persische Kultur darstellen.

Seit 2007 entstehen die Fazzoletti di terra, Textilstücke aus Iran, welche die Künstlerin mit vielfältigen Techniken und Materialien aufgrund der Topographie der von ihr besuchten Orte bestickt: Reise-Etappen, geografische Spuren, die zu ästhetischen Spuren werden, eine reale Geografie, die geistig wird, eine Art Konstellation, die auf einen eher inneren Weg anspielt.

Oder das Thema der Wiederholung, des Zurückkehrens, das immer wieder anders in den dem Dichter Hafiz gewidmeten Werken erarbeitet wird: Von der aus zahlreichen Blättchen mit den Versen seiner Gedichte bestehenden Installation (Il riposo nel giardino del poeta, 2008) bis zum aktuellen Video, in dem Hände und Finger das Grabmal von Hafiz streifen und berühren; aus der Vielfältigkeit der Geste entwickelt sich ein immer gleicher, aber gleichzeitig immer verschiedener und veränderter Tanz (Hafiz, 2007-2010).

Oder aber das Weibliche, das mit seinen schöpferischen Fähigkeiten das Gesamtwerk von Prisca Groh erfüllt. In diesem Zusammenhang ist die fotografische Serie zu erwähnen, die während einem Aufenthalt im Iran auf den Spuren der Schweizer Schriftstellerinnen Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart entstanden ist (memoires, 2009-2010). Sie hatten das Land 1939 besucht. Von diesen Fotografien ausgehend reiste Prisca Groh auf der Suche gleicher Ortschaften und Gesichtspunkte, um diese heute wieder aufzunehmen: Die Erinnerung wird durch ein Zeitspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart thematisiert, in dem sich die jeweiligen Sensibilitäten endlos widerspiegeln.

Oder die aktuellste Serie Gigli (2011), bei der Prisca Groh wieder einmal mit dem Glas arbeitet, also mit der Durchsichtigkeit, aber auch mit Zeichen und Schatten. Es ist eine Huldigung an Frauen, die sich dank einem weiteren, für die Künstlerin ebenfalls wichtigen Medium, dem Wort, behauptet haben.

Wenn sie sich über die künftige mögliche Entfaltung ihres Kunstschaffens ausdrückt, spricht Prisca Groh von einer Entwicklung Richtung Dokumentarfilm. Ihre aktuellen Arbeiten stehen jedoch bis jetzt jenseits der Reportage : Es handelt sich vielmehr um einen Initiationsweg, ein Reise-Tagebuch in weiterem, tiefem, und auch traditionellem Sinne, da sie von einer starken intimen, existentiellen, spirituellen, ästhetischen Komponente durchdrungen sind.

Victorine Müller, Prisca Groh. Zwei Positionen, die sich begegnen. Die Durchsichtigkeit: Das Hinein- und gleichzeitig das Hinausschauen, Durchschauen, jenseits-Schauen. Die Verwandlung, die Veränderung, das Hybride: Drang nach einer spirituellen Dimension und nach dem Verzicht auf im Voraus definierte Regeln. Das Benutzen verschiedener Medien nicht in erster Linie als Forschung oder Experiment, sondern als Prozess, in dem die künstlerische Absicht mit ständig neuen Kunstsprachen und immer stärkerer Kraft und Tiefe andauernd neu gestaltet wird. Die Feinheit und die Zartheit der Werke, die Sensibilität, die Stille: in einem Wort, die Poesie.

Kuratorin: Désirée Vringeri

Kontakt:

 

Laboratorio Kunsthalle Lugano
Salita Chiattone 18
CH-6900 Lugano
T: +41 91 92 10 400
laboratorio@kunsthalle-lugano.ch
http://www.kunsthalle-lugano.ch

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 11. September 2011
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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