2. April 2023
«REPAIR REVOLUTION!»
Ausstellung im Museum für Gestaltung, Zürich, Toni-Areal, bis am 15. Oktober 2023

Bild: goodlife ceramics, Scherben, Tellerstücke neu glasiert für Maison Manesse, Zürich, 2017–2023, Foto: Stefan Burger/Aio Frei
Laufend gehen in unserem Alltag Dinge kaputt. Anstatt zu reparieren, wird oft unmittelbar ein Ersatz gekauft. Wachsende Müllberge, steigende CO2–Emissionen sowie die Ausbeutung von Ressourcen sind die Folgen.
Die Ausstellung «Repair Revolution!» im Museum für Gestaltung Zürich präsentiert die Vision einer Reparaturgesellschaft und untersucht, welche Rolle das Design auf dem Weg dahin spielt.
Während in der vorindustriellen Gesellschaft sowie in Krisenzeiten das Reparieren von Dingen alltäglich und notwendig war, wird in westlichen Ländern heute häufig darauf verzichtet. Fachkundige Reparaturen sind meist weitaus kostspieliger als Neuware. Gleichzeitig fehlt das nötige Wissen oder das passende Material, um selbst Hand anzulegen.
Vor dem Hintergrund der Klima– und Umweltkrise des 21. Jahrhunderts ist es unumgänglich, der grundlegenden Tätigkeit des Reparierens wieder mehr Beachtung zu schenken. SchweizerInnen entsorgen jährlich rund 15 Kilogramm Kleider, und mit 23 Kilogramm pro Jahr und Kopf ist die Schweiz weltweit die drittgrösste Elektroschrottproduzentin. Die globale Recyclingquote beträgt weniger als ein Fünftel, zu viel landet auf illegalen Müllhalden im globalen Süden.
Das Prinzip der Reparierbarkeit
Ob ein Gegenstand repariert werden kann, entscheidet sich oft bereits im Entwurfsprozess. Während die reparatur– und wartungsfreundliche Gestaltung im Maschinenbau fester Bestandteil der Entwurfspraxis ist, bleibt sie im breiten Produktdesign eher noch die Ausnahme. Allerdings gibt es auch hier Entwicklungen und Projekte, welche die Reparierbarkeit von Produkten ins Zentrum stellen. Modular aufgebaute Kopfhörer, ein reparierbarer Mixer oder Schuhe mit austauschbaren Sohlen tragen das Designprinzip des Reparierens in die Produktwelt der Gegenwart.
Die Ausstellung zeigt, dass das Reparieren im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts umsetzbare Möglichkeiten bietet. Fünf thematische Bereiche zeichnen mittels einer diversen Auswahl von nationalen und internationalen Projekten ein vielstimmiges Bild von Initiativen und Menschen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. «Made to Break?» führt die Müllproblematik plastisch vor Augen, in «Pièces de Résistance» wird die Schönheit reparierter Gegenstände aus verschiedensten Zeiten und Kulturkreisen zur Inspiration für heute. Im Bereich «Radikal reparabel» wird gezeigt, dass Reparierbarkeit eine Designaufgabe ist. «Reparatur–Material total» spannt einen Bogen von Materialinnovationen zu bekanntem Flickzeug. «Repair–it–together» zeigt Initiativen und Kollektive, welche Reparieren als gemeinschaftliche, postkapitalistische Praxis begreifen. In Audio–Interviews sprechen Menschen hinter ausgewählten Exponaten über ihren persönlichen Zugang oder erzählen Reparaturgeschichten. Insgesamt liegt der Fokus auf dem zeitgenössischen Umgang mit dem Thema, in jedem Bereich werden aber auch relevante historische Akzente gesetzt.
Ausserdem wurde ein Exponat über eine Ausschreibung ermittelt: Gesucht war ein kreativ reparierter Gegenstand des Publikums.
Ästhetische, kulturelle und soziale Praxis
In der westlichen Gesellschaft gilt Neuware als das höchste Gut. Die Ausstellung lädt zum Umdenken ein: Dank formbarem Kleber wie Sugru und Formcard oder mit Kintsugi vergoldete Bruchstellen werden reparierte Schäden zum Hingucker. Ein aufwändig instandgehaltener Kimono, reparierte Landistühle, Flicksocken aus dem Appenzell oder neu glasierten Keramikscherben, auf welchen ein Zürcher Sterne–Restaurant Brot reicht, sind weitere Beispiele für ein anderes Konzept von Ästhetik.
Als kulturelle und soziale Praxis bietet das Thema grosses Potential für Innovationen auch abseits der klassischen Produktgestaltung. Das Schweizer Startup rrreefs zum Beispiel entwickelt modulare künstliche Korallenriffsysteme in Form von 3D–gedruckten Tonbausteinen, an deren Oberflächenstrukturen Korallen wachsen können. Oder das panafrikanische partizipative Projekt Agbogbloshie Maker Space Platform Spacecraft (AMP) bringt MakerInnen der weltweit grössten Elektroschrott–Müllhalde in Ghana mit jungen Fachleuten aus der Wissenschaft zusammen. Eine eigens für die Ausstellung entwickelte Pavillonerweiterung und ein Film zeigen, wie das Reparieren in Agbogbloshie künftig aussehen könnte.
Reparieren in der Ausstellung
Die Ausstellung bietet zudem diverse Möglichkeiten sich aktiv zu beteiligen und den Ort in einen lebendigen Diskussionsraum zu verwandeln. BesucherInnen dürfen ihrem persönlichen Reparatur–Frust Luft machen: Welche Gegenstände lassen sich partout nicht reparieren oder gehen ständig kaputt?
In der Mitte des Raumes kann sich das Publikum in ausgewählte textile Reparaturtechniken vertiefen. Die Ausstellung wird zudem jeden ersten Dienstagnachmittag im Monat zur Reparaturwerkstatt: Ein Mitarbeiter der Zürcher Flickbar nimmt kaputte Gegenstände entgegen und hilft, sie zu flicken. Und am 9. und 10. September veranstaltet das Museum mit dem Taschenlabel Freitag ein Reparatur–Wochenende in der Ausstellung.
Vermittlungsprogramm
Das Vermittlungsprogramm mit Gesprächen und Führungen ist auf der Website zu finden:
museum–gestaltung.ch/agenda
Kuratiert von Sara Zeller
mfg
Kontakt:
https://museum-gestaltung.ch/de/
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Bild: Flicksocken, Appenzell, 1920er–1980er, Foto: Umberto Romito/Ivan Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK
Kommentare von Daniel Leutenegger