Ein ungewohntes Bild bietet vom 06. Februar bis 07. April 2013 das Textilmuseum St. Gallen: In den Ausstellungsräumen tummelt sich allerlei Getier, denn die Schau zeigt, wie sich EntwerferInnen vom 16. Jahrhundert bis heute mit einheimischen, exotischen oder phantastischen Viechern auseinandersetzten.


Bild: Strickkreationen von Christa Michel, 2003 © Textilmuseum, St. Gallen
«Mich interessiert nicht so sehr der kunstgeschichtliche Aspekt, auch nicht wo in Europa die Stücke hergestellt wurden. Als Textildesignerin beschäftigt mich, wie etwas dargestellt ist und warum eine bestimmte Darstellungsweise gewählt wird», erklärt die Kuratorin Annina Weber.
Sie teilt die «Viecher» in die Kategorien «schön», «niedlich» und «unheimlich». Präzise Begriffserklärungen und sorgsam ausgewählte Objekte sorgen dafür, dass die Ausstellung nicht in subjektiven Befindlichkeiten der Kuratorin steckenbleibt, sondern die Argumentation für das Publikum nachvollziehbar wird: Kugelrunde Augen, gerundete Körperformen und eine kesse Schleife verwandeln einen mächtigen Löwen in ein Schmusekätzchen, Igel in Legionen wirken hingegen bedrohlich. «Die Umsetzung spielt fast eine grössere Rolle als der Umstand, welches Tier dargestellt wird», fasst sie zusammen.
Blühende Phantasie und kreativen Pragmatismus attestiert Weber ihren Entwerfer-KollegInnen der Vergangenheit. Viele von ihnen stellten Tiere dar, die sie niemals gesehen hatten. Doch verliessen sich EntwerferInnen der Vergangenheit nicht allein auf ihre Vorstellungskraft und aufs Hörensagen. Sie benutzten Bibeldrucke, Bilderchroniken, Kräuter- und Wappenbücher als Vorlagen für exotische und mythische Tieren.
Zwei der wichtigsten Werke aus der Zeit um 1600, nämlich Sibmachers Schön Neues Modellbuch und Vinciolos Vorlagen zur Spitzenherstellung, sind in der Ausstellung zu sehen.
Ab Ende des 18. Jahrhunderts machen Zoos und Naturkundemuseen das Zeichnen nach der Natur möglich, was Zeichnungen des bekannten St. Galler Zeichenlehrers Johannes Stauffacher in der Schau belegen.
In Szene gesetzt wurden die «Viecher» vom Luzerner Szenographen Bernhard Duss. Mit Hilfe von Lichtprojektionen und Schattenspiel kreiert er eine traumhaft-phantastische Atmosphäre.
ots
Kontakt:
Textilmuseum St. Gallen
Michaela Reichel
E-Mail: mreichel@textilmuseun.ch
Tel.: +41/71/222’17’44

Bild: Drei gestrickte Waldkleider mit Tiermasken von Christa Michel, 2003 © Textilmuseum, St. Gallen
Kommentare von Daniel Leutenegger