16. Dezember 2017
CHRISTOPH MARTHALER UND SEIN ENSEMBLE BEGLÜCKEN ZÜRICH
Uraufführung «Mir nämeds uf öis» von Christoph Marthaler und Ensemble im Schauspielhaus Zürich, Pfauen

Bild: Nikola Weisse (liegend), Tora
Augestad; vorne links: Bernhard Landau – Foto © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie
ERSTE MEDIENSTIMMEN:
Wo Christoph Marthaler auf Udo Jürgens trifft
2017, nach 13 Jahren, verleiht die Stadt Zürich dem Theaterregisseur den mit 50’000 Franken dotierten Kunstpreis. Christoph Marthaler kehrt zum ersten Mal als Regisseur zurück ans Zürcher Schauspielhaus und wird bejubelt. Ein einsamer Buh-Rufer war zu hören an der Premiere, aber der Chor der Bravostimmen war lauter, sehr viel lauter!
Cordelia Fankhauser
Schweine im Weltall
(…) Christoph Marthaler darf sich seine kratzbürstig altmodischen Verspieltheiten wider jede Spannungsdramaturgie und Spielökonomie erlauben. Denn sie sind geschaffen fürs starke Ensemble, das manchmal fast durchsichtige Glanzpunkte setzte; und sie bieten eine Plattform für die gesanglichen Verführungen von Tora Augestad. Daher wurde die Soiree von einem Szenenapplaus nach dem anderen akzentuiert. Allerdings auch deshalb, weil Verzückung nun mal so geht.
Alexandra Kedves
https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/theater/schweine-im-weltall/story/31331032
Das Raumschiff ist gelandet
Christoph Marthaler beschenkt Zürich mit einer Raumfahrtgesellschaft, die sich dem modernen Ablasshandel verschreibt. «Mir nämeds uf öis» feierte am Schauspielhaus Zürich eine umjubelte Uraufführung.
Daniele Muscionico
https://www.nzz.ch/feuilleton/das-raumschiff-ist-gelandet-ld.1339601?reduced=true
Sein Rausschmiss ist legendär – jetzt ist Christoph Marthaler zurück auf der Pfauenbühne
Im musikalischen Potpourri von Strauss, über Wagner bis Michael Jackson, im Aneinandervorbei-Reden in Aphorismen, chillt und zappt ein leidenschaftlich und spitzensportlich agierendes dreizehnköpfiges Ensemble (es fehlt der kranke Siggi Schwientek) in den Elegien des moralischen Zerfalls. Der Pfarrer, der am Ende des Abends als Böögg zu rauchen beginnt und schliesslich «explodiert», kombiniert den Erlass der Sünden mit einem Beteiligungsangebot am Gewinn des Beichtenden.
Brigitte Schmid-Gugler
Witzige Abrechnung in schwereloser Höhe
Marthalers Rückkehr mit «Mir nämeds uf öis» ist geglückt. Geboten wird eine herrliche und rundum amüsante Abrechnung mit allem, was in unserer globalisierten Finanzwelt faul oder absolut verfault ist.
Linus Bauer
http://www.seniorweb.ch/knowledge-article/witzige-abrechnung-schwereloser-höhe
Was soll das Ganze? Marthalers Liederrevue «Wir nämeds uf öis»
Was soll das Ganze? Man grübelt, man rätselt. Die auftretenden Figuren – ein Immobilienmakler, eine reiche Erbin, ein zum Laienprediger mutierter Industrieller – könnten satirisch auf den im Herzen von und zugleich außerhalb von Europa situierten finanzökonomischen Komplex unserer Tage verweisen. Doch außer ein paar müden Späßchen – die FIFA wird zur FAFI – gewinnt ihnen die Regie nichts ab. Der Makler hat eine Jüngere («ich nehme nur Models»), der Beichtvater macht mit dem Unternehmenssünder (vermutlich aus dem Hause Nestlé) gemeinsame Mineralwassergeschäfte.
Bettina Schulte
Marthalers fulminante Kapitalismus-Groteske
«Mir nämeds uf öis» ist so ziemlich das Gegenteil einer akademisch-papierenen Kapitalismuskritik. Es ist vielmehr die unterhaltsamste Form, die man sich vorstellen kann, mit der Heillosigkeit dieser Welt umzugehen und unterzugehen. Wie immer bei Marthalers eigenen Stücken spielt Musik eine, wenn nicht die Hauptrolle. Das Repertoire reicht dieses Mal von schmalziger Filmmusik über banale Schlager bis hin zum Chor der Gralsritter. Das wird ganz großartig interpretiert vom gesamten Ensemble.
sz
Finanzjongleure in der Schwerelosigkeit
Zum Schluss zeigt sich Marthaler als Fuchs. Er inszeniert den Zürcher Brauch des «Böögg»-Verbrennens, lässt das Ensemble gebückt und tattrig, als stützte es sich auf Rollatoren, um die brennende Figur herumrennen, gibt den Frühlingsevent als bürgerliches Alt-Herren-Ritual dem Gelächter preis. Das Zürcher Publikum applaudierte trampelnd.
Claude Bühler
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Kommentare von Daniel Leutenegger