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1. Juni 2026

SCHWEIZER MUSIK VIA INTERNET: «WAS WIR HÖREN, IST KEIN ZUFALL»

Die Europäische Kommission hat in der breit angelegten Untersuchung «Study on the discoverability of diverse European cultural content in the digital environment» analysiert, wie sichtbar kulturelle Inhalte im digitalen Raum tatsächlich sind. Die Studie, erarbeitet von einem internationalen Forschungskonsortium, kommt zu einem klaren Schluss: «Nicht das Angebot entscheidet, sondern die Auffindbarkeit». «Die Dynamiken, die auf europäischer Ebene sichtbar werden, betreffen die Schweiz in besonderer Weise. Denn die Mechanismen, die darüber entscheiden, welche Musik gehört wird, wirken auch hier, treffen jedoch auf einen Markt, der durch mehrere Sprachräume zusätzlich fragmentiert ist», schreiben IndieSuisse, SONART - Musikschaffende Schweiz und der Schweizer Musikrat in ihrer gemeinsamen Medienmitteilung vom 1. Juni 2026.

Bild: © BR Bayerischer Rundfunk

Bild: © BR Bayerischer Rundfunk

Algorithmen entscheiden, was gehört wird

«Streaming-Plattformen sind heute der wichtigste Zugang zu Musik. Welche Songs dort sichtbar sind, hängt stark von algorithmischen Empfehlungen und kuratierten Playlists ab. Diese Systeme orientieren sich primär an bestehenden Hörgewohnheiten und globalen Trends. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Marktstruktur: Ein grosser Teil der kuratierten Inhalte wird in internationalen Konzernzentralen der Streaminganbieter gesteuert, oft ohne vertiefte Kenntnisse lokaler Szenen oder kultureller Kontexte. Das führt dazu, dass sich Aufmerksamkeit auf bereits erfolgreiche Inhalte konzentriert, während neue, lokale oder sprachlich weniger verbreitete Musik es deutlich schwerer hat, ein Publikum zu erreichen.», ist in der Medienmitteilung einleitend zu lesen.

«Sprachräume als unsichtbare Grenzen»

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung bestätige: Sprache wirkt im digitalen Raum wie ein struktureller Filter. Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich überwiegend innerhalb ihrer Sprachräume, sogenannte «language silos». Das habe direkte Auswirkungen auf die Sichtbarkeit: Inhalte in kleineren Sprachen werden deutlich seltener empfohlen und verbreitet als solche in global dominierenden Sprachen. Englischsprachige Songs aus der Schweiz werden von den Plattformen nicht als «Schweizer Musik», sondern als Teil des globalen englischsprachigen Angebots behandelt: «Sie konkurrieren deshalb direkt mit Millionen internationaler Veröffentlichungen – was ihre Sichtbarkeit zusätzlich erschwert. Für die Schweiz ist diese Dynamik besonders relevant. Mit vier Landessprachen trifft hier ein kleiner Markt auf mehrere kulturelle Räume. Was sich in Europa im Grossen zeigt, verdichtet sich in der Schweiz im Kleinen: Vielfalt ist vorhanden – aber sie verteilt sich auf voneinander getrennte Wahrnehmungsräume», schreiben die drei Verbände.

«Mehr Angebot bedeutet nicht mehr Präsenz»

«Die Zahl verfügbarer Songs wächst rasant. Gleichzeitig bleibt ein grosser Teil davon praktisch unsichtbar. Die Untersuchung beweist: Online sein allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob Musik überhaupt gefunden wird. Hinzu kommt eine Entwicklung, die diese Dynamik weiter verschärft: Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz steigt die Menge an produzierter Musik nochmals stark an. Die Folge ist eine zusätzliche Verdichtung der Konkurrenz um Aufmerksamkeit.», heisst es in der Mitteilung. Damit verschiebe sich die zentrale Frage: Nicht mehr «Wird genug produziert?», sondern «Wer wird gehört?».

Sichtbarkeit als kulturpolitischen Frage

«Die Ergebnisse unterstreichen, dass kulturelle Vielfalt im digitalen Umfeld nicht automatisch entsteht. Neben Plattformen spielen weiterhin kuratierte Formate, Medien und gezielte Förderung eine wichtige Rolle, um unterschiedliche Stimmen sichtbar zu machen. IndieSuisse, SONART und der Dachverband Schweizer Musikrat setzen sich deshalb im Austausch mit Plattformen, Medien und Politik verstärkt mit der Frage auseinander, wie Sichtbarkeit im digitalen Raum gestärkt werden kann.», halten die Verbände fest.

«Auch das Publikum prägt, was sichtbar wird»

«Allerdings entscheiden nicht nur Algorithmen über Sichtbarkeit, sondern auch das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer. Ein grosser Teil der Nutzung erfolgt über vorgegebene Empfehlungen, Trends oder automatisierte Playlists. Aktive Suche nach neuer oder unbekannter Musik findet vergleichsweise selten statt. Wer bewusst auswählt und sein Musikgenuss nicht nur den Algorithmen überlässt, beeinflusst unmittelbar, welche Inhalte sichtbar werden und sich verbreiten.», betonen die Musikverbände.

Möglichkeiten, Schweizer Vielfalt hörbar zu machen, sehen die Musikverbände darin:

  • Gezielt nach Schweizer Musik suchen – statt sich nur auf automatische Empfehlungen zu verlassen 

  • Eigene Playlists erstellen und teilen 

  • Kuratierte Angebote nutzen, etwa Playlists von Labels oder Medien (z. B. «IndieSuisseMonday 
#fresh»)
  • Musik bewusst weiterempfehlen 


Ein Thema mit wachsender Relevanz


Die Frage der Auffindbarkeit kultureller Inhalte entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Herausforderung für Kultur, Medien und Politik. Mit der fortschreitenden Digitalisierung verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Produktion hin zur Distribution – und damit zur Frage, wer überhaupt sichtbar wird. 
Gleichzeitig verstärken technologische Entwicklungen wie algorithmische Empfehlungssysteme und generative Künstliche Intelligenz bestehende Dynamiken.

Ohne gezielte Gegensteuerung droht die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen im digitalen Raum zunehmend unterzugehen. 
Was die europäische Untersuchung zeigt, ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme:
 Die Sichtbarkeit von Musik wird zur zentralen Voraussetzung dafür, dass kulturelle Vielfalt auch tatsächlich stattfinden kann: 
«Die unterzeichnenden Verbände fordern von Politik und Verwaltung geeignete Rahmenbedingungen und zeitgemässe regulatorische Antworten, um dieser wirtschafts- und kulturpolitischen Fehlentwicklung wirksam entgegenzutreten.» 


IndieSuisse

IndieSuisse ist der Verband der unabhängigen Schweizer Musiklabels und Produzent:innen. Er setzt sich für die Interessen der unabhängigen Musikszene ein und stärkt die Sichtbarkeit von Schweizer Produktionen im In- und Ausland. Mit Initiativen wie der Playlist «IndieSuisseMonday #fresh» fördert IndieSuisse aktiv die Entdeckung neuer Musik aus der Schweiz.

SONART – Musikschaffende Schweiz

SONART ist der Berufsverband der freischaffenden Musikerinnen und Musiker in der Schweiz. Er vertritt ihre wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen und setzt sich für faire Arbeitsbedingungen, angemessene Vergütung und eine starke Präsenz von Musikschaffenden im öffentlichen und digitalen Raum ein.

Schweizer Musikrat (SMR)

Der Schweizer Musikrat ist der Dachverband der Schweizer Musikorganisationen. Er vereint Akteur:innen aus allen Bereichen des Musiklebens – von der professionellen Musikszene über die Amateurmusik bis hin zu Bildung, Kreation und Verwertung. Der SMR engagiert sich für gute Rahmenbedingungen für das Musikschaffen und setzt sich insbesondere für die Sichtbarkeit und gesellschaftliche Bedeutung von Musik in der Schweiz ein.

Quelle:

https://www.musikrat.ch/post/algorithmen-entscheiden-was-wir-h%C3%B6ren-die-schweiz-verliert-dabei

Mehr:

Study on the discoverability of diverse European cultural content in the digital environment, Final report, 2026

https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/34da2669-32b4-11f1-be39-01aa75ed71a1/language-en

Study on the discoverability of diverse European cultural content in the digital environment Final report, 2026 https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/34da2669-32b4-11f1-be39-01aa75ed71a1/language-en Publications Office of the European Union, 2026, https://data.europa.eu/doi/10.2766/8868773

Bild: © Publications Office of the European Union, 2026, https://data.europa.eu/doi/10.2766/8868773

#IndieSuisse #SONART #SchweizerMusikrat #HörbarkeitSchweizerMusikInternet #SchweizerKulturInternet #SchweizerMusikInternet #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 1. Juni 2026
  • Kulturförderung, Kulturvermittlung, Kultur- und Medienpolitik, Multimedia und Internet, Musik und Tanz, Musikproduktion, -verlag und -vertrieb, Unterhaltung, Show, Zirkus

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