Ausstellung im Zentrum Paul Klee (ZPK), Bern, vom 18. Juli bis am 20. September 2026

Bild: Anne Loch, AL 206, 1987, Acryl auf Nessel, 200 × 140 cm, Privatsammlung – Foto: Dominique Uldry, Bern

Bild: Anne Loch, AL 235, 1987, Acryl auf Nessel, 280 × 370 cm (2-teilig), Nachlass Anne Loch – Foto: Dominique Uldry, Bern
Die Karriere von Anne Loch (1946–2014) begann in den 1980er-Jahren inmitten der Kölner Kunstszene im Umfeld von Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman. Dann brach die deutsche Künstlerin radikal mit der Kunstwelt und lebte sehr zurückgezogen in der Schweiz. Ihrer künstlerischen Arbeit tat dies keinen Abbruch: Rund 1’400 Werke umfasst Anne Lochs Œuvre. Bis am 20. September 2026 widmet das Zentrum Paul Klee der eigenwilligen Malerin die erst zweite grosse Einzelausstellung in der Schweiz nach derjenigen im Bündner Kunstmuseum Chur von 2017. Rund 80 zum Teil monumentale Arbeiten laden in Bern dazu ein, Anne Lochs unverwechselbares Werk zu entdecken.
Eine gelbe Blume auf blauem Grund, fast zwei Meter hoch. Eine Schafherde, die sich über 3,5 Meter erstreckt. Ein Falter auf einer knapp ein Meter hohen Leinwand. Das Innere einer Pfingstrosenblüte oder der Kopf eines Raben, vergrössert auf mehr als zwei Meter. Viele Werke von Anne Loch sind von überwältigendem Format. Monumental ist nicht nur die Grösse der einzelnen Arbeiten, sondern auch der Umfang des gesamten Œuvres: Rund 1’400 Gemälde sowie zahlreiche Papier- und fotografische Arbeiten entstanden in ihrer knapp vierzig Jahre andauernden Schaffenszeit. Der umfangreiche Nachlass befindet sich in Bern.
Von der Kölner Kunstszene in die Schweizer Bergwelt
Der Beginn der Karriere von Anne Loch in den 1980er-Jahren war vielversprechend: Schon früh wurde sie, zusammen mit Rosemarie Trockel, Jenny Holzer und Cindy Sherman, von der bedeutenden Galerie Monika Sprüth vertreten und konnte ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentieren. Mit ihren Natur- und Landschaftsbildern nahm sie im Kontext der wiederaufgekommenen figurativen Malerei in Deutschland eine äussert eigenständige Position ein und hob sich von den gestischen und neo-expressionistischen Werken ihrer Zeitgenoss:innen ab.

Bild: Anne Loch, AL 256, 1988, Acryl auf Leinwand, 185 × 280 cm, Privatsammlung. Courtesy Galerie Friedrich, Bern / Basel – Foto: Dominique Uldry, Bern
Eine erfolgreiche Künstlerinnenlaufbahn schien vorgezeichnet, doch dann zog sich Anne Loch 1988 radikal zurück und liess sich in Thusis im Kanton Graubünden in der Schweiz nieder. Ihr Rückzug war nicht nur örtlich, sondern auch sozial: Die Kontakte nach Köln brach sie ab, und auch in der Schweiz pflegte sie nur mit wenigen Personen einen regelmässigen Austausch. Ihrer künstlerischen Aktivität tat dies jedoch keinen Abbruch: Unermüdlich arbeitete Loch im Stillen weiter und schuf ein umfangreiches Œuvre, das neben monumentalen Gemälden auch Zeichnungen, Fotografien, Text- und Videoarbeiten umfasst. Ihre Arbeiten stellte sie nur noch vereinzelt aus, unter anderem in der Berner Galerie Erika und Otto Friedrich.

Bild: Anne Loch, AL 356, 1990, Gouache auf Karton, 30 × 40 cm, Privatsammlung – Foto: Dominique Uldry, Bern
Im Spannungsfeld von Kitsch und Kunst
Anne Loch hat mit wenigen Ausnahmen nichts anderes als Landschaften, Blumen und Tiere dargestellt: Dinge, die zum Konventionellsten und Klischeebehaftetsten zählen, was die bildende Kunst zu bieten hat. Der Mensch blieb dabei weitgehend ausgespart, genauso wie jeglicher Anspruch auf eine Verankerung in der gesellschaftlichen Gegenwart oder ein Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. Sie selbst hielt in ihrem Tagebuch fest:
«Aber es ist doch tröstlich für mich zu wissen, dass ich keine Bestandsaufnahme male, keine Sozialkritik male, keine Utopie male, keine Gesellschaftskritik, keine soziologische Studie […]. Ich male einfach Striche und ihr Verhältnis zueinander.»
Anne Loch, gesprochenes Tagebuch, Kassette 13 (unveröffentlicht)
Obwohl sich Lochs Bilder auf den ersten Blick nahe am Kitsch bewegen, ist ihre Malerei ernst und unironisch. Durch die monumentale Vergrösserung ihrer Motive verliert das Dargestellte den Bezug zur Wirklichkeit. Aus den Arbeiten spricht keine Spontaneität, sondern genauste Planung und Konstruktion: Dank des immensen fotografischen Nachlasses lässt sich nachverfolgen, dass Anne Lochs Werken eine fotografische Vorarbeit vorausging, und dass die Bildfindung bereits vor dem ersten Pinselstrich auf der Leinwand abgeschlossen war.
Die Bilder wirken unreal – gar fremd –, und ihre kühle Künstlichkeit hält auf Distanz. Von weitem wirken die Farben satt und die Motive sind klar erkennbar. Je näher man aber an ein Werk herangeht, desto mehr verschwindet das Motiv und verliert man sich in der Leinwand, die stellenweise durch die dünn aufgetragene Farbe hindurchschimmert.
Malerei um der Malerei willen
Schnell ist man versucht, in den monumentalen Motiven nach versteckten Bedeutungen und Geschichten zu suchen. Lochs künstlerische Haltung manifestiert sich aber nicht in dem, was sie malt, sondern in der Art und Weise, wie sie es malt.
«Ich habe keine inneren Geschichten zu erzählen, aus mir will nichts hinaus, Form annehmen. Diesen Anstoss bekomme ich von meinen Motiven. Sagen wir, so, wie ich den Blick eines Mannes brauche, um Lust auf einen Kuss zu bekommen. Geschieht er, ist die Sache eine andere, verselbstständigt sich, – wie das Malen.
«Beim Malen gibt es kein Motiv mehr.» Anne Loch, 1991
Anne Loch: «Hinterrhein / Indifferent», in: Anne Loch. der Soldat und die Gärtnerin, hrsg. von André Born und Anne Loch, Bern, 2003.
https://anne-loch.net/wp-content/uploads/2025/05/Anne_Loch_Soldat_und_Gaertnerin_web.pdf

Bild: Anne Loch, AL 603, 1993, Acryl auf Leinwand, 180 × 280 cm, Kunstmuseum Bern, Schenkung – Foto: Markus Mühlheim
Anne Loch interessierte sich in erster Linie für das Malen an sich und die Auseinandersetzung mit Farbe, Oberfläche und Raum. Die Motive werden dabei austauschbar. Loch zeigt sich so als Künstlerin ihrer Zeit, die Bildwelten auf den Prüfstand stellte. Sie spielte mit den Konventionen der Darstellung, vergrösserte ihre fotografischen Motive auf der Leinwand ins Monumentale und lotete dabei die Grenzen der Repräsentation aus. Das alltägliche Motiv verliert jegliche Relation zu seiner realen Vorlage und die Arbeiten verwischen die gewohnte Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, Malerei und Zeichnung, Realität und Traum.
So wird Malerei als eigenständige Form des Sehens und Erlebens erfahrbar, nicht nur als blosse Abbildung der Welt. Das Interesse an Anne Lochs Werk liegt deshalb nicht zuletzt darin, dass ihre Malerei weniger Antworten gibt als Fragen stellt: nach dem Status des Bildes, nach der Verlässlichkeit des Sehens und nach einer künstlerischen Haltung, die sich bewusst der Festschreibung von Bedeutung entzieht.

Bild: Anne Loch, AL 1432, 1997, Acryl auf Leinwand, 150 × 235 cm, Sammlung BONDO – Foto: Dominique Uldry, Bern
Der Nachlass Anne Loch
Zu den wenigen Personen, zu denen Anne Loch nach ihrem Rückzug in die Schweiz und auch später Kontakt pflegte, gehören André Born und Peter Spahr. Sie waren es auch, die sich nach ihrer Krebsdiagnose um eine Unterkunft und die Betreuung bis zu ihrem Tod kümmerten. Wohl aus diesem Grund vermachte Anne Loch André Born ihr ganzes Werk, weshalb der Nachlass der Künstlerin sich heute in Bern befindet.
Kuratorin: Amélie Joller
Katalog
Anne Loch. Malerei: Na und? / Painting: So what?
Publikation in Deutsch und Englisch mit ausfaltbarem Cover
Hrsg. von Amélie Joller und Nina Zimmer
216 Seiten, 21 × 28 cm, Softcover
Mousse Publishing: ISBN 978-88-6749-758-4
CHF 34.-
zpk
Kontakt:

Bild: Anne Loch im Atelier in Thusis, 1989, Nachlass Anne Loch – Foto: Christoph Guler, Thusis
Auf ch-cultura.ch u.a. bereits erschienen:
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Kommentare von Daniel Leutenegger