Ausstellung im open art museum, St.Gallen, bis am 18. Oktober 2026

Bild: © Carol Bailly (*1955), «Madame serpent-sur-la-tête est mécontente», undatiert, Mischtechnik auf Papier, 32×24 cm, open art museum, St.Gallen, Schenkung Simone und Peter Schaufelberger-Breguet

Bild: © Claudine Goux (*1945), Ohne Titel, 2002, Filzstift und Tinte auf Briefumschlag, 11×22 cm, open art museum, St.Gallen, Schenkung Ignacio Carles-Tolrà
Mit «Komm Glüückck» präsentiert das open art museum, St.Gallen, künstlerische Arbeiten, in denen das Wort eine zentrale Rolle spielt. Im Fokus steht das vielschichtige Beziehungsgeflecht von Schrift und Bild: Worte werden zu Bildern, erscheinen im Bild, begleiten es oder kommentieren es. Die Ausstellung versammelt Schriftgrafiken, Bildgeschichten, Briefe, Gedichte, Art Postal und konzeptuelle Werke, die einen facettenreichen Zugang zum Zusammenspiel von Sehen und Lesen, sprachlichem Ausdruck und bildlicher Vorstellung eröffnen.
Die Ausstellung macht sichtbar, wie sich Sprache und Bild durchdringen, ergänzen und herausfordern – und wie aus dieser Verbindung eigenständige künstlerische Ausdrucksformen entstehen. Sie führen zu spannenden Fragen: Wann wird ein Gedanke in Sprache gefasst, wann nimmt er verschriftlicht die Form eines Bildes an? Was kann ein Bild ausdrücken, das ein Text nicht kann – und umgekehrt?
Gerade in einer Kunstpraxis, in der sprachlicher Ausdruck mitunter schwerfällt oder ein theoretischer Hintergrund fehlt, erhält dieses Zusammenspiel eine besondere Bedeutung. Bilder füllen die Lücke, wo Worte fehlen. Sie machen Empfindungen und Erlebnisse anschaulich und vermitteln Sachverhalte unmittelbar. Umgekehrt können Texte beschreiben, differenzieren und präzisieren, was visuell nur angedeutet bleibt. Die Ausstellung zeigt, wie produktiv diese Verbindung ist: Wort und Bild verstärken sich gegenseitig, in der Festlegung einer Lesart ebenso wie in ihrer Offenheit, Ambivalenz oder Paradoxie.

Bild: © Vreni Müller (1959–2021), «Komm Glüückck», undatiert, Bleistift auf Papier, 29,7×21 cm, open art museum, St.Gallen, Schenkung der Künstlerin
Der Ausstellungstitel
«Komm Glüückck» ist einem Werk von Vreni Müller (1959–2021) entnommen. In ihren Schriftgrafiken wird Schrift selbst zum Bild. Wörter dehnen sich zu endlos anmutenden Buchstabenketten, oft über mehrere Seiten hinweg, und betonen die grafische Ästhetik von Sprache, die wie feine Muster wirken oder durch sich überlagernde Striche verdichtet werden. Die knapp formulierten, eindringlichen Inhalte gewinnen formal so eine beschwörende Kraft. Eng sind Schrift und Gestaltung auch bei Magdalena Huber (o. Dat.) oder Jakob Morf (1902–2002) verflochten – in ornamental verzierten Initialen oder in Tagebuchblättern, in denen Schriftzeichen und Bildelemente rhythmisch ineinandergreifen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Bild-Geschichten, in denen Wort und Bild zu einer erzählerischen Einheit verschmelzen. Bei Armin Andreas Pangerl (1965) entstehen so tagebuchartige Assoziationsräume, Carol Bailly (1955) gestaltet skurrile bitter-süsse Szenen. Pietro Angelozzi (1925–2015) nutzt die Bilderzählung zur Beweisführung des selbst Erlebten. Sieben göttliche Visionen hat er erfahren, die er der Welt immer wieder neu schildern muss – nie hat er etwas anderes gezeichnet oder gemalt. Dutzendfach hält er diese Ausnahmeerlebnisse auf Holztafeln, Spiegel, Papier, sogar auf Geschirrtüchern fest und übersetzt sie in verschiedene Sprachen.
Als wechselseitige Ergänzung dienen Bild und Text Künstlerinnen wie Rosemarie Koczÿ (1939–2007) und Beate Stanislau (1942–2015). Koczÿ verbindet in ihren Lebens-Büchern Zeichnungen und Texte mit grossformatigen Gemälden und Holzreliefs. Unter dem Titel «Ich webe euch ein Leichentuch» kreisen ihre Arbeiten um Deportation, KZ-Internierung, Tod und Verlust und sind den jüdischen Opfern der NS-Diktatur gewidmet. Stanislau hat ein bildkünstlerisches und schriftstellerisches Werk hinterlassen. Im illustrierten Romanmanuskript «Tramp» (undatiert) schildert sie schonungslos ihr Leben auf der Strasse, seit sie die DDR-Grenze passiert hat. Bei Linda Naeff (1926–2014) dienen Gedichte als poetische Begleitung des Visuellen. Konzeptuelle Positionen erweitern den Blick auf Sprache zusätzlich. Nina Wild (o. Dat.) denkt in Videoarbeiten laut über Klang und Bedeutung von Wörtern nach oder singt eigene Texte, während Parzival (1942) sein gesamtes performatives Handeln auf der Esperantosprache aufbaut. Jean Fuchs (1905–1986) fasst seine philosophischen Überlegungen in Diagramme, Jakob Greuter (1890–1984) wiederum übersetzt aufgelesene Zeitungen in Zeichnung. So wird die flüchtige Tagesnachricht in ein Werk überführt und für die Dauer festgehalten.

Bild: © Ida Buchmann (1911–2011), «Balletöse», 1988, Mischtechnik auf Papier, 73×51 cm, open art museum, St.Gallen
Einen eigenen Bereich bildet die Werkgruppe der Art Postal. Die kunstvoll gestalteten Briefe und Postkarten bewegen sich an der Grenze von persönlicher Mitteilung und Bildobjekt. Einige richten sich direkt an das Museum, andere stammen aus Schenkungen und sind an Bezugspersonen der Künstler:innen adressiert. Auch hier zeigen sich fliessende Übergänge zwischen Botschaft, Schriftbild und Kunstwerk.
Parallel zur Ausstellung ist im open art museum die Einzelausstellung zu Adelheid Duvanel zu sehen (bis 18. Oktober 2026) – einer Künstlerin, die zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Schweiz zählt und zugleich ein eigenständiges bildkünstlerisches Werk geschaffen hat.
Kuratorin der Ausstellung: Isabelle Zürcher MA, Sammlungskuratorin, open art museum, St.Gallen
Mehr:
https://openartmuseum.ch/wp-content/uploads/2026/04/oam-Medienmitteilung-Komm-Glueueckk-1.pdf
Video:
open art museum | Isabelle Zürcher zur Ausstellung «Komm Glüückck»
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Kontakt:
https://openartmuseum.ch/ausstellung/komm-glueueckck/

Bild: © https://openartmuseum.ch/ausstellung/komm-glueueckck/
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
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Kommentare von Daniel Leutenegger