Ausstellung im Kunsthaus Zofingen, vom 26. August bis am 29. Oktober 2023

Bild: © Andreas Hofer, Still aus dem Video: Industrieloop, 2023
Andreas Hofer (geboren 1956 in Trimbach, lebt und arbeitet in Bremgarten AG)
Roman Sonderegger (geboren 1979 in Brugg, lebt in Buchs AG, arbeitet in Däniken, SO)
Andreas Hofer und Roman Sonderegger interessieren sich in ihrer Kunst für ähnliche Fragestellungen. Beide untersuchen den Raum, die Grenzen des Raums, den Menschen im Raum und die Wahrnehmung des Raums. Andreas Hofer vermehrt in Zeichnungen, Malerei und Video, Roman Sonderegger in seinen Bauten aus Materialien, die jeweils vor Ort und in Zusammenspiel mit dem Ort entstehen. Die Werke der Künstler, die beide aus dem Kanton Aargau stammen, treten in einen Dialog miteinander.
Zentral in Andreas Hofers Schaffen ist das Beziehungsspiel zwischen Figur, Bild und Raum. Der in Bremgarten (AG) lebende Künstler untersucht in seinen grossformatigen Malereien, Zeichnungen, computergenerierten Visualisierungen, in Skulpturen und in Videoarbeiten die Beziehungen des Raums.
Anlässlich der Ausstellung im Kunsthaus Zofingen entstanden mehrteilige Serien von gross- und kleinformatigen Zeichnungen und Malereien auf Papier und auf Wandtafeln sowie diverse Videoarbeiten und Installationen. Dabei bildet das Industriequartier von Zofingen Ausgangspunkt. Fasziniert von der Ästhetik der Zofinger Industrie, die einen ganz anderen Charakter als die herausgeputzte Altstadt von Zofingen aufweist, ging Andreas Hofer auf Spurensuche und zeichnete, malte, fotografierte und filmte die Häuserfassaden der Fabriken, die grossräumigen Strassenabschnitte und die unspektakuläre Fauna des Gebiets.
Seit Ende 2022 macht er mit seinem Velo Streifzüge durch das Industriequartier mit einem wachsamen Auge für dessen Besonderheiten. Anfang 2023 bezog er sogar ein Atelier in einem alten, ungenutzten Industriegebäude von Zofingen. Das Augenmerk von Andreas Hofer gilt den Leerräumen, den urbanen Räumen. Bei seinen Streifzügen durch das Areal interessierte ihn weniger das exakte Dokumentieren der einzelnen Liegenschaften, sondern vielmehr das Erfassen der räumlichen Situationen und die Lichtstimmungen, welche den Orten eine spezifische Atmosphäre verleihen.
Seine auf das Wesentliche reduzierten Zeichnungen, Gemälde und Videoanimationen transformieren urbane Räume und zeigen sie aus einer neuen Perspektive. Mit einem andauernden Wechselspiel von Licht und Schatten, hell und dunkel, innen und aussen spielt der Künstler mit den räumlichen Verhältnissen, die mit architektonischen Merkmalen umrissen werden.
Auch Roman Sonderegger untersucht in seiner künstlerischen Arbeit den Raum und die Raumstrukturen. Dabei spielt das Ausprobieren von physikalischen Kräften wie Schwerkraft, Gleichgewicht, Volumen oder Dimensionen eine wichtige Rolle. Roman Sonderegger benutzt einfache Baumaterialien wie Schaltafeln, Zurrgurten oder Backsteine. Er lotet Grenzen aus und schafft verblüffende, mit dem Gleichgewicht, dem Material oder den Grössenverhältnissen spielende Installationen, welche die Raumgrenzen ausloten. Dabei lässt er sich vom Material leiten und ist ein genauer Beobachter.
Für das Kunsthaus Zofingen hat Roman Sonderegger vor Ort mehrere Installationen erarbeitet, die explizit auf die Architektur des Hauses zugeschnitten sind. Dabei spielen Begriffe wie innen und aussen sowie die Dekonstruktion der vorhandenen Architektur eine grosse Rolle. Die klassizistische Architektur im Kronleuchtersaal im Obergeschoss des Kunsthauses Zofingen wird durch eine umfassende Installation von Roman Sonderegger durchbrochen. Im Erdgeschoss des Kunsthauses Zofingen wird er auf geschickte Weise den Innen- und Aussenraum miteinander verbinden. Dabei geht er insbesondere auf die historische Bedeutung des Kunsthauses als ehemaliges Schützenhaus ein. Vor beinahe 200 Jahren wurden durch die grosszügigen Rundbogenfenster im Erdgeschoss Zielscheiben anvisiert. Diese Schusslinie nimmt Roman Sonderegger genauestens unter die Lupe und visualisiert das Zielen und Visieren durch das Spannen von Schnüren. Seine Installation mit dem Titel «Mitten ins Schwarze» bezieht sich klar auf die ehemaligen Schiessstände im Erdgeschoss. Die Schnüre verweisen auf die Flugbahn der Projektile und formen durch ihre trichterförmige Gestalt die Schussbahn nach, die in einem Zentrum zusammenläuft.
Roman Sonderegger spielt mit der Umkehrung. Anstatt nach aussen zu den Zielscheiben münden die Trichter im Innenraum des Kunsthauses, wo sie den Besuchenden den Weg durch die Ausstellung vorgeben. Der Aussenraum wird optisch ins Kunsthaus geholt.
Die Stahlbänder im Treppenhaus «Auf der Suche nach Halt #3» reagieren auf den Treppenabsatz, die Bänder sind direkt zwischen die beiden Seitenwände eingeklemmt und halten durch die Spannung, die entsteht, in sich zusammen. Diese Spannung ist sichtbar und auch spürbar, wenn man daran vorbeiläuft. Man fragt sich unwillkürlich: Ist es ein Hindernis oder eher doch Schwung, der sich hier visualisiert?
Die Serie «Minus mal Minus» aus Gips ist eine mehrfache Umkehrung. Ausgangslage für jede Skulptur ist ein Styroporblock, in welchen mit der Bohrmaschine Löcher gebohrt werden. Diese werden danach mit Gips ausgegossen und die Styroporschalung weggebrochen, die Skulptur wird befreit. Der Titel «Minus mal Minus» weist auf die Umkehrung von Material und Leerraum hin. Dort wo erst die Luftlöcher im Styropor waren, bleibt am Ende die Skulptur, das Stehengebliebene zurück.
Die Installation «Schneller als die Schatten» zeigt vier Sockelpaare im grossen Kronleuchtersaal. Hier setzt Sonderegger diesem edlen, grossen Barocksaal etwas entgegen, indem er die grosse Freifläche füllt und den Besuchenden sozusagen «im Weg steht», während sie ihren Weg durch den Saal finden müssen. Ein Sockel steht gerade und hält den zweiten, welcher in der Schnur hängt. Die beiden Kuben sind voneinander abhängig, das Prinzip von Ursache und Wirkung wird sichtbar, wie bei einem Schuss, denn auch hier verweisen die Schnüre auf die Schussbahn der Projektile.
khz
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Bild: © Roman Sonderegger, Minus mal Minus, Gips, 2023
Kommentare von Daniel Leutenegger