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4. Januar 2025

«CIRCLE OF WATER. TEXTILIEN IM FLUSS»

Ausstellung im Textilmuseum St.Gallen, bis am 21. April 2025

Videoinstallation „Ende der Poesie“ von Herbert Weber / Video Installation “End of Poetry” by Herbert Weber Textilmuseum St.Gallen © Michael Rast

Bild: Videoinstallation «Ende der Poesie» von Herbert Weber, Textilmuseum St.Gallen – Foto: © Michael Rast

Das Textilmuseum St.Gallen zeigt bis am 21. April 2025 die Ausstellung «Circle of Water. Textilien im Fluss». Die Schau gibt Einblick in die facettenreiche Welt der Bade- und Outdoormode unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit.

Circle of Water

«You should never take more than you give» – eine Liedzeile aus dem Song «Circle of Life», komponiert von Elton John für den Film «Lion King», ist das Leitthema der Ausstellung. In Anklang an den Songtext, dessen Titel als Inspiration für die Ausstellung dient, thematisiert die Schau des Textilmuseums Problematiken und Lösungsansätze, wie der durch die Textilindustrie verursachten Wasserverschmutzung und -knappheit begegnet werden kann.

Nachhaltige Mode bedeutet ökologisch, sozial, kulturell und ökonomisch fair zu produzieren. Ökologische Diskussionen werden häufig in Bezug auf die globale Erwärmung und den Emissionsausstoss geführt, aber auch Wasserressourcen sind endlich. Die globale Textilindustrie verursacht Wasserverschmutzung und Wasserknappheit.

Bei der Verarbeitung der Rohstoffe und beim Färben der Fasern wird Wasser verunreinigt. Beim Waschen löst sich Mikroplastik aus den Kunstfasern und verunreinigt die Meere. Die Überproduktion führt zu Textilmülldeponien im globalen Süden, die das Grundwasser verseuchen.

Während unsere Vorfahren bei Regen Zuflucht in Räumen suchten, sich mit Mänteln aus Ölzeug schützten, nackt oder gar nicht ins Wasser sprangen, gibt es heute Outdoor- und Bademode. Doch gerade die Mode, die uns vor Nässe schützt oder die Freude am Wasser ermöglicht, ist paradoxerweise besonders wasserschädlich. Grund dafür sind die hohen funktionalen Anforderungen: Bademode soll elastisch sein und sich nicht mit Wasser vollsaugen, damit sie ihre Form behält und schnell trocknet.

Outdoormode hingegen soll wasserdicht und gleichzeitig atmungsaktiv sein. In den letzten Jahrzehnten enthielten wasserabweisende Textilien das schädliche Polyfluorcarbon (PFC). Seit einem halben Jahrhundert setzt die Industrie auch auf Kunstfasern, weil sie für Funktionskleidung ideal erscheinen. Ihre Eigenschaften mögen für einen Bikini oder eine Kletterjacke von Vorteil sein, sie begünstigen aber leider auch das «Microfiber Shedding». Dies bedeutet, dass sich Kunststoffpartikel aus synthetischer Kleidung lösen, in den Wasserkreislauf gelangen und die Umwelt belasten.

Kreislaufwirtschaft

Vor dem Hintergrund der Wasserverschmutzung und Wasserknappheit ist es notwendig, Strukturen der Linearwirtschaft, die nach dem Schema «Produzieren – Kaufen – Wegwerfen» funktioniert, aufzubrechen und auf ein «enkeltaugliches» Wirtschaften auszurichten. Anzustreben ist das Modell der Kreislaufwirtschaft: In diesem geschlossenen System wird alles, was produziert wird, so lange wie möglich genutzt, um es dann möglichst vollständig wiederzuverwenden und zu recyceln. Es geht darum, den Lebenszyklus von Kleidung zu verlängern und Textilien aus recycelten oder regenerativen Materialien herzustellen, damit sie wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können.

Hierfür besinnt sich das Textilmuseum auf seine Gründungsidee als Ort der Inspiration und des Austauschs zwischen Industrie, Bildung und Gesellschaft. «Circle of Water. Textilien im Fluss» bringt all diejenigen zusammen, die auf die Umsetzung einer textilen Kreislaufwirtschaft hinarbeiten. Die Ausstellung benennt dringliche Handlungsfelder, bietet einen aktuellen Querschnitt der nachhaltigen Bade- und Outdoormode aus der Schweiz und präsentiert wissenschaftliche Ansätze, wie eine nachhaltige Textilindustrie aussehen könnte.

Industrie: In der schweizerischen Textilbranche gibt es zahlreiche Bestrebungen, um ökologische Mode anzubieten und kreislauffähig zu werden. Stoffe umweltfreundlicher zu gestalten, ist eine Möglichkeit, es gibt aber auch andere Lösungen: Von lokal produzierter und schadstofffreier Herstellung über biologisch abbaubare Textilien oder recyceltem Polyester bis hin zu Reparatur- und Leihserviceangeboten, optimierten Schnittmustern und Verkaufsstrategien existiert ein breites Spektrum, um der Kreislaufkleidung näher zu kommen. Stellvertretend für diese positive Entwicklung wird Bademode von Beldona, Lahco, Round Rivers, Sanikai und Volans, Outdoormode von Mammut, Rotauf, Radys sowie wasserfreundliche Alltagsmode von Neumühle, Nikin, Qwstion und Akris ausgestellt. Ein Body von Yannik Zamboni, der mit seinem Label Maison Blanche für mehr Nachhaltigkeit in der Modeindustrie einsteht, darf nicht fehlen.

Bildung: Für die wissenschaftliche Basis der Ausstellung ist das Textilmuseum eine Kooperation mit dem Circular Lab eingegangen, das an der Universität St.Gallen angesiedelt ist und im Bereich der ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft forscht. Die sogenannten R-Strategien (ReCycle, RePurpose, RePair, ReUse, ReDuce, ReThink, ReFuse) sind eine Möglichkeit, wie Ressourcenverschwendung in Zukunft reduziert werden kann. Die ausgestellten Badeanzüge, Winterjacken und Schwimmhilfen nehmen Bezug auf die R-Strategien, sodass Besucher:innen die praktische Anwendung theoretischer Ansätze erfahren und anhand aktueller Mode eine Verbindung zu ihrem Alltag herstellen können.

Gesellschaft: Nachhaltigkeit muss zur Norm werden, damit wir nicht auf Kosten des Planeten und über unsere Ressourcen hinaus leben. Hierzu müssen auch die Konsument:innen einen Beitrag leisten. Die britische Modedesignerin Vivienne Westwood hat es mal mit «Buy less, choose well, make it last» zusammengefasst. Oder in Anlehnung an den «Circle of Life»: Man sollte nie mehr nehmen als man gibt. Mit Hilfe einer Umfrage, die von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Partner des Circular Labs entwickelt wurde, können die Besucher:innen überprüfen, inwieweit ihr Verhalten kreislauffähig ist.

Das Gebot der Ressourcenschonung findet auch bei der Ausstellungsgestaltung Anwendung. Eine Schau zur nachhaltigen Mode erfordert eine nachhaltige Szenografie. In Zusammenarbeit mit dem Langenthaler Textil- und Vorhanghersteller CRÉATION BAUMANN, der nicht mehr verkäuflichen Stoffen eine neue Verwendung gibt, entstand eine ressourcenschonende Szenografie. Die TextilWerkstatt des Vereins Kompass Arbeitsintegration in Bischofszell hat die Stoffbahnen gesäumt, während OffCut St.Gallen ausgewählte Materialien und Zubehör lieferte.

Kunstfilm und textile Installation „Glitter and Tears“ von Miriam Ferstl / Art Film and textile Installation „Glitter and Tears“ by Miriam Ferstl Textilmuseum St.Gallen © Michael Rast

Bild: Kunstfilm und textile Installation «Glitter and Tears» von Miriam Ferstl, Textilmuseum St.Gallen – Foto: © Michael Rast

Wasserkreislauf

Der Wasserkreislauf ist weltumspannend. Wasser aus dem globalen Süden wird früher oder später in unseren Süsswasserreserven landen und umgekehrt. Dieser abstrakte Wirkungszusammenhang wird von drei künstlerischen Positionen untermalt. Die Ausstellung beginnt mit dem Werk «Ende der Poesie» von Herbert Weber. Es zeigt Ansichten der Meere, deren Wasser zu Tropfen verdampfen. Diese bilden Wolken, die über den Himmel ziehen, über Land abregnen und sich dort in Flüssen – so auch in der Sitter sammeln. Das Meer ist ein Sehnsuchtsort, es strahlt Ruhe, Erhabenheit und Schönheit aus. Gleichzeitig ist das Meer verschmutzt, der «Great Pacific Garbage Patch» ist dreimal so gross wie Frankreich. In seiner Video- und Fotoinstallation zeigt Herbert Weber eindrücklich, wie der Wassertropfen in unterschiedlichen Formen als Träger einer Geschichte die Welt zusammenbringt.

Die Künstlerin Miriam Ferstl nimmt in ihrer textilen Installation «Glitter and Tears», die das Treppenhaus und den ersten Stock schmücken, fliessende Gewässer in den fotografischen Blick. Auf dem Weg von ihrem Wohnort im Bayerischen Wald nach St.Gallen fotografierte sie Wasser durch mundgeblasene Glasobjekte, die dem Wassertropfen nachempfunden sind, und formte daraus Wasserwesen. Die Arbeit zeigt die Qualität und Schönheit des Wassers und die Essenz der Ausstellung auf: das Fliessende, Wechselnde und sich stets Verändernde und aus dem Wasser neu Entstehende.

Im Zentrum der Ausstellung hängt die Arbeit von Claudia Vogel. Wie ein Tropfen, der ins Wasser fällt und sich konzentrisch ausbreitet, dehnt sich der Regenduft von Petrichor im Raum aus. «Stilla odorata» entspringt einer unerschöpflichen Quelle, zeigt uns die Unendlichkeit der Ideen.

Textilien im Fluss

Ähnlich wie der sich ausbreitende Tropfen, der seine Ringe zieht, will die Ausstellung einen Denkprozess anstossen und Praktiken in Bewegung versetzen. Dies erfordert die Zusammenarbeit aller: Die Textilindustrie kann in saubere Technologien investieren und Modeunternehmen können neue Geschäftsmodelle entwickeln. Die Konsument:innen sind gefragt, ihr Bewusstsein und ihr Kaufverhalten zu überdenken. Die Besucher:innen von «Circle of Water» erleben die Welt des Wassers mit allen Sinnen und sind eingeladen, sich mit dringlichen Fragen zur Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.

Kuration: Juliane Christine Sauer

tm

Kontakt:

https://www.textilmuseum.ch/water/

#TextilmuseumStGallen #CircleofWater #TextilienimFluss #JulianeChristineSauer #HerbertWeber #MiriamFerstl #ClaudiaVogel #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Ausstellungsansicht “Circle of Water. Tex- tilien im Fluss“ / Exhibition View “Circle of Water. Textiles in Flux” Textilmuseum St.Gallen © Michael Rast

Bild: Ausstellungsansicht «Circle of Water. Textilien im Fluss», Textilmuseum St.Gallen – Foto: © Michael Rast

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 4. Januar 2025
  • Museum, Ausstellung, Galerie, Umwelt / Mitwelt

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