18. Mai 2025
«VINCENT FOURNIER – SCALA CLAUSTRALIUM»
Kunstmuseum Thurgau / Kartause Ittingen, bis am 26. April 2026

Bild: © Vincent Fournier / Kartause Ittingen, 2020
Der Weinberg «Kirchwingert» der Kartause Ittingen verwandelt sich zum zweiten Mal nach 2020 in eine begehbare Himmelsleiter. Die 185 Treppenstufen, die den Weinberg hinaufführen, werden mit himmelblauen Holzbrettchen bestückt. Dabei entsteht ein verblüffender Effekt: So wie die Treppe steil zur Kuppe des Hügels emporstrebt, so scheinen sich die bemalten Stufen eine nach der anderen hinzuzufügen, indem sie ein blaues Band durch die Reben ziehen. Der Himmel neigt sich zur Erde. Himmel und Erde verbinden sich.
Beim erstmaligen Aufbau der Ittinger Himmelsleiter wurde Vincent Fournier 2020 auf die Schrift «Scala claustralium» (Die Stufenleiter der Mönche) des Kartäusermönches Guigo II. (†1197) aufmerksam. Die Einfachheit und die Tiefe des Schreibens des Mönchs berührten Fournier und flossen in seine künstlerische Arbeit ein. Laufend entwickelte er das Thema weiter. Von den ersten Blättern, die im Jahr 2020 entstanden, bis zu den letzten gefundenen und bemalten Objekten ist es immer dieselbe Inspiration: Die lectio, symbolisiert durch die Farbe Rot, die meditatio durch Gelb, die oratio durch Grün und die contemplatio durch Blau. Weitere Werke nehmen das Thema «Die Wolke des Nichtwissens» auf, die auch auf einer Schrift eines unbekannten Kartäusers beruhen.
Vincent Fournier geht in seinen Arbeiten der Frage nach, wie sich der immaterielle Gehalt der Spiritualität im Materiellen zeigt. Was steckt in einer Hostie? Was bedeutet das Schweisstuch der Veronika, auf dem gemäss der Legende das Angesicht Christi abgebildet ist? Als Künstler versucht Fournier das, was sich eingedrückt hat («imprimer») wieder auszudrücken («exprimer»). Er versteht sich als einer, der Zeugnis ablegt von einer inneren Christuserfahrung, und möchte die Menschen etwas vom grossen göttlichen Geheimnis erahnen lassen, das sich in allem verbirgt.
Die Werke im Kunstmuseum Thurgau, die in einer original erhaltenen Mönchszelle zu sehen sind, zeichnen die innere Suchbewegung des Künstlers nach. An diesem Ort, an dem sich Mönche Jahrhunderte lang in die Stille vertieft haben, findet eine Kunst, die selber aus dem Schweigen kommt, ihren angemessenen Raum und führt Betrachtende zur eigenen Meditation.
Vincent Fournier (*1961) stammt aus dem Wallis und lebt in Saint-Léonard (VS) bei Sion. Bekannt wurde er als Profifussballer in Sion und Zürich. Parallel absolvierte er eine künstlerische Ausbildung an der Ecole cantonale d’art de Lausanne ECAL. Mit 32 Jahren wandte er sich ganz der Kunst zu. Er stellte seine Werke international aus. Vincent Fourniers Atelier stand lange Jahre in unmittelbarer Nähe zum Konventsgebäude der Kapuziner in Sitten, wo er regelmässig am Chorgebet der Brüder teilnahm. In seinem künstlerischen Wirken verbinden sich Kunst, Meditation und Spiritualität.
cp
Kontakt:
https://kunstmuseum.tg.ch/de/sammlung/ausstellungen/ausstellung.html/7912?exhibition=143
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Kommentare von Daniel Leutenegger