17. Juni 2025
ZUM TOD DES ÖSTERREICHISCHEN PIANISTEN UND ESSAYISTEN ALFRED BRENDEL
Der am 5. Januar 1931 im Bezirk Mährisch Schönberg geborene österreichische Pianist und Essayist Sir Alfred Brendel (Bild) ist am 17. Juni 2025 in London gestorben. Er gilt als einer der bedeutendsten Interpreten klassischer und romantischer Klaviermusik und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Alfred Brendel war der erste Pianist, der nahezu alle Klavierwerke Ludwig van Beethovens einspielte. Im Dezember 2008 zog er sich aus dem Konzertleben zurück. (*)

Bild: Alfred Brendel, 2010 – Foto: Jiyang Chen, https://www.jiyangchen.com/ – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfredbrendel.jpg
Charismatischer und dem Humor huldigender Musiker
Der österreichische Pianist Alfred Brendel ist tot. Kein anderer hat so das «Nachdenken über Musik» und die «Schule des Hörens» gepflegt. 60 Jahre lang stand Brendel als Solist auf der Bühne, doch auch abseits der Bühne fand er mit TV-Sendungen und Buchveröffentlichungen international große Beachtung. Brendel starb am Montag in seiner Wahlheimat London im Alter von 94 Jahren, wie sein Sprecher der BBC bestätigte.
Der charismatische und dem Humor huldigende Musiker und Träger des Praemium Imperiale sprach über seine treuesten Begleiter ebenso tiefgründig, wie er sie gespielt hat: Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt und Robert Schumann sowie Franz Schubert. Brendel war wesentlich mitbeteiligt an der Einbürgerung der Schubert-Sonaten und des Klavierkonzerts von Arnold Schönberg im internationalen Konzertrepertoire.
Sein Spiel, das tiefem Empfinden ebenso wie scharfer Analytik selbstverständlich verpflichtet war, machte ihn weltberühmt.
https://orf.at/stories/3397052/
Tastenphilosoph und Musikgigant
Ab 1971 lebte Brendel in London. Dieses Weltbürgertum war dem späteren Klaviervirtuosen förmlich in die Wiege gelegt, entstammt er doch einer österreichisch-deutsch-italienisch-slawischen Familie und wurde am 5. Jänner 1931 in Loucne nad Desnou (Wiesenberg) in Mähren geboren, wo er seit 2005 Ehrenbürger ist.
Freigeist
Erste positive Höreindrücke waren Volkslieder, von der Kinderfrau gesungen, und ein Dada-Schlager, geträllert von der Mutter: «Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot.» Erste negative Höreindrücke: ein bellender Hund, der bellende Hitler, der krähende Goebbels. (…)
So wie der Freigeist zwischen den Staaten vagabundierte, so tat sich der Pianist auch in den verschiedenen Kunstbereichen um: Neben der Musik und dem Film interessierte sich Brendel auch für Malerei und für Literatur. In der Grazer AK-Bibliothek erwachte seine lebenslange Liebe zur Lyrik – eine Passion, in der er nicht nur passiver Konsument, sondern auch aktiver Produzent sein sollte.
Stefan Ender
Brendel war einer der prägenden Pianovirtuosen des 20. Jahrhunderts
Kein anderer Pianist hat so das «Nachdenken über Musik» oder die «Schule des Hörens» gepflegt, kein anderer Poet und Autor so den Wohlklang von den Tasten perlen lassen: Alfred Brendel, österreichischer Pianist und prägender Interpret des 20. Jahrhunderts, ist am Montag im Alter von 94 Jahren gestorben, wie sein Sprecher der BBC bestätigte. 60 Jahre lang stand er als Solist auf der Bühne – seit 2008 übte er die Virtuosität als Klangphilosoph.
Einer der Größten seines Fachs
Philosoph am Flügel nannte man ihn auch gern, den großen österreichischen Pianisten, der sich als Konzertpianist 2008 verabschiedet hat, aber auch danach immer noch ein großes Publikum mit Vorträgen und Lesungen anzog. Vor allem anderen aber war Alfred Brendel einer der bedeutendsten Interpreten der klassischen und romantischen Klaviermusik seiner Zeit, außergewöhnlich unter anderem durch die fast vollständige, grandiose Einspielung der Klavierwerke Ludwig van Beethovens.
Ein Mann von Charakter
Er brachte Schuberts Klaviermusik ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, schrieb dadaistische Alltagslyrik und wollte stets den Kern einer Komposition herausarbeiten.
Helmut Mauró
https://www.sueddeutsche.de/kultur/alfred-brendel-pianist-li.3267661?reduced=true
Ein Leben für Töne und Texte
Alfred Brendel war unbestreitbar einer der größten Pianisten der Jahrzehnte nach dem Krieg. Doch er war nie ein Virtuose im üblichen Sinn – und wollte es auch nicht sein. Technik war ihm immer nur Mittel zum Zweck. Schwierige Stellen beherrschte er nicht deshalb, weil er täglich Etüden durchgeackert hatte, sondern weil er mit aller Energie daran arbeitete, wie es hier, in diesem ganz besonderen Zusammenhang klingen muss. Neben die Wiener Klassiker hat er immer wieder auch schwierige Kost wie das Spätwerk von Franz Liszt oder das Klavierkonzert von Schönberg gestellt.
Bernhard Neuhoff
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/alfred-brendel-pianist-gestorben-nachruf-100.html
Achtet nicht auf mich, achtet auf die Musik
Er war nicht nur einer der bedeutendsten Pianisten seiner Generation, sondern auch ein humorbegabter Intellektueller.
Anfang der siebziger Jahre hatte sich sein Name in der Szene herumgesprochen, er wurde jetzt international eingeladen, die interessantesten Dirigenten wollten mit ihm zusammenarbeiten, die besten Orchester hatten ihn gerne zu Gast. Und seine Plattenfirma Philips machte die Mikros auf, wann immer er sich reif fühlte, um die Ergebnisse seines Nachdenkens über Musik aufzunehmen. 114 CDs kamen dabei schließlich zusammen.
Frederik Hanssen
Ein Raum und ein Kopf für die Musik
Über Musik sprach er so gerne und tiefsinnig, wie er sie spielte. Als Lehrer und origineller Kenner war er weit über seine aktive Musikerkarriere hinaus in der Öffentlichkeit präsent, die wusste, dass man immer etwas davon hatte, seine Vorträge aufzusuchen. Beethoven, Mozart, Haydn, Schubert, Schumann, Liszt waren seine Fixsterne, und nicht umsonst hieß eine seiner Wiener Reihen «Nachdenken über Musik» – so hieß später eines seiner zahlreichen Bücher. Das Schreiben war sein zweiter Beruf, so sah er es auch selbst.
Judith von Sternburg
Verletzliche Schönheit
Er konnte bei Beethoven kess, gar schnippisch sein, am ergreifendsten war er aber als Melancholiker, wenn er Schubert spielte.
Gerald Felber
Er hat die Interpretation, aber auch das Denken und Schreiben über klassische Musik so stark beeinflusst wie kaum ein zweiter Künstler im 20. Jahrhundert
Den Musiker und Pianisten Alfred Brendel hörte und sah ich im Konzert wohl erstmals in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Brendel war damals noch nicht der Weltstar, der er bald darauf sein würde, auch wenn er aus den Rängen des Exzentrikers und Sonderlings herausgetreten war und allseits viel Bewunderung erhielt. Die äussere Erscheinung erinnerte an eine Gestalt aus der Welt des romantischen Schriftstellers E. T. A. Hoffmann, während das, was heraus- und emporwuchs, nämlich die Kunst der Interpretation, fortlaufend Wunder erzeugte.
Martin Meyer
Alfred Brendel, Bravura Pianist Who Forged a Singular Path, Dies at 94
With little formal training but full of ideas, he focused on the core classical composers, winning over audiences (though not every critic) around the world.
Daniel Lewis
https://www.nytimes.com/2025/06/17/arts/music/alfred-brendel-dead.html
Alfred Brendel, the cerebral pianist with a dry wit
Praised by «The Boston Globe» as «one of the defining performers of our age,» Brendel was best known as a performer who fused a keen intelligence with musical clarity. Other players were flashier; other players were, perhaps, more outwardly passionate. But Brendel had legions of ardent admirers.
Even Brendel himself confessed to documentary filmmaker Mark Kidel, who profiled him in 2000, that he found his success something of a mystery. «My career is atypical,» Brendel said. «I have not been a child prodigy. My parents were not musicians — there was no music in the house. I have a good memory, but not a phenomenal one. I’m not a good sight reader. I’m completely at a loss to explain why I made it!“
Jeff Lunden
https://www.npr.org/2025/06/17/533802056/alfred-brendel-obituary
Alfred Brendel obituary
In a performing career that spanned six decades Brendel commanded a respect that came, especially in the later years, to border on reverence. His authoritative interpretations of the classical repertoire – primarily Haydn, Mozart, Beethoven and Schubert – were second to none, though in his earlier years he was also a fine Lisztian and helped to establish Schoenberg’s Piano Concerto in the concert repertoire.
Barry Millington
https://www.theguardian.com/music/2025/jun/17/alfred-brendel-obituary
Muere el pianista Alfred Brendel a los 94 años
El pianista, poeta y escritor austríaco Alfred Brendel, considerado uno de los mejores intérpretes del mundo, ha muerto este martes a la edad de 94 años en su residencia de Londres, según ha anunciado su familia en un comunicado.
Jorge de Persia
https://www.lavanguardia.com/cultura/20250617/10799325/muere-pianista-alfred-brendel-94-anos.html
È morto Alfred Brendel, leggendario pianista austriaco
Lutto nella musica classica: è morto Alfred Brendel, uno dei più importanti pianisti del secondo Novecento, considerato un interprete eccellente dell’opera di Beethoven, ma anche di Schubert e Liszt. Di origine austriaca, Brendel è morto a Londra, a 94 anni. Ne ha dato notizia un portavoce della famiglia.
Alfred Brendel, le pianiste qui tutoyait Beethoven et Schubert, est mort
Durant ses soixante ans de carrière, le musicien, qui fut aussi, à ses heures, peintre, poète et penseur, laisse en héritage ses interprétations de Mozart, Beethoven et surtout Schubert, dont il fut le medium privilégié.
Maire-Aude Roux
Alfred Brendel, le poète de Schubert disparu
La disparition d’Alfred Brendel est une perte immense pour le monde de la musique classique. Il a été l’apôtre des grands classiques viennois (Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert) et de Franz Liszt dont il a défendu la musique à une époque où celle-ci n’était pas entièrement reconnue et jugée un peu superficielle. C’était un artiste espiègle et profond, à l’humour pince-sans-rire assez britannique, car il avait élu domicile à Londres dès 1971, vivant dans le quartier très prisé – et devenu huppé – de Hampstead.
Julian Sykes
Videos:
Alfred Brendel lehrt Schubert – London 2024
Beethoven – Piano Sonata No. 32 – Alfred Brendel
Schubert Impromptu Op 90 No 3 D 899 G flat major – Alfred Brendel
Alfred Brendel plays Liszt «Au lac du Wallenstadt» from Années de Pélerinage: Suisse (1985) 4K
Pianist Alfred Brendel 1965 im Interview und am Klavier, BR 09.01.1965
Alfred Brendel über Musik und Interpretation, 2015
Verbier festival 2012 : interview – Episode 22, Alfred Brendel. 2012
Mehr:
https://www.alfredbrendel.com/
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118514997
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/person/gnd/118514997
https://www.lucernefestival.ch/de/programm/kuenstlerverzeichnis/alfred_brendel/499
https://www.sueddeutsche.de/kultur/im-gespraech-alfred-brendel-muessig-sein-werde-ich-kaum-1.527753
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Brendel
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Kommentare von Daniel Leutenegger