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19. November 2025

«KAROL PALCZAK – DZISIAJ»

Ausstellung in der Kunsthalle Zürich, bis am 18. Januar 2026

Karol Palczak, Dzisiaj, Kunsthalle Zürich, 2025–26
Foto: Cedric Mussano

Bild: Karol Palczak, «Dzisiaj», Kunsthalle Zürich, 2025–26 – Foto: Cedric Mussano

Mit «Dzisiaj» präsentiert die Kunsthalle Zürich die erste institutionelle Einzelausstellung des polnischen Künstlers Karol Palczak. Die Ausstellung entfaltet sich um eine neue Serie von Ölgemälden auf Aluminium und Marmor, die ihre Verbindungspunkte im Heimatdorf des Künstlers, Krzywcza, im Südosten Polens sowie in der umliegenden Landschaft finden.

Seit über zehn Jahren widmet sich Palczak in seinen Gemälden seiner unmittelbaren Umgebung und studiert diese akribisch. Umgeben von Bergen und Tälern, ist die südkarpatische Region, die einst von jüdischen, christlich-orthodoxen und katholischen Gemeinschaften bewohnt war, heute von einer Stimmung der Leere und Stille geprägt. Palczaks Werke – Stillleben, Landschaften und Szenen mit wiederkehrenden Protagonisten – offenbaren meist übersehene Details in der wirtschaftlich angespannten, zunehmend entvölkerten und militarisierten Umgebung seines Heimatorts Krzywcza. Auch die Ufer des Flusses San, der durch das Dorf fliesst und seit dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen Polen und der Ukraine markiert und die Region politisch wie kulturell prägte, rückt oftmals in den Fokus seiner naturgetreuen, beinahe fotorealistischen Werke.

Ausgangspunkt der Ausstellung bilden drei grossformatige Gemälde einer brennenden Weide am Ufer des Sans – ein Sujet, das immer wieder in Palczaks Werk auftaucht. Während seine Motive meist auf Fotografien oder Videostills beruhen, die er selbst aufnimmt, erweitert er diese mitunter um fiktive Elemente wie Rauch oder Feuer. Dabei greift Palczak auf eine andere, unsichtbare Landschaft zurück: jene der lokalen Bräuche und Rituale, die er sorgfältig inszeniert – oder imaginiert –, um die düstere Stille seiner Umgebung zu durchbrechen. So verweist etwa das teilweise Ausräuchern und Verkohlen von Bäumen auf eine regionale Praxis, die dazu dient, diese zu «reinigen», damit sie im Frühling gesund nachwachsen können.

Auch das Verbrennen von Strohpuppen, die die negativen Eigenschaften des Winters verkörpern, das er ebenfalls in einer neuen, zunehmend abstrakten Bildserie thematisiert, geht auf ein slawisches Frühlingsritual zurück, das besonders in ländlichen Regionen Polens bis heute lebendig ist. Diese Szenen, die teils von Gewalt durchzogen sind und auch als Akt der Befreiung verstanden werden können, entstehen in Zusammenarbeit mit Freunden und Nachbarn – einer Gemeinschaft, die in Palczaks Gemälden immer wieder selbst als Protagonistin erscheint und, mit dem Militär als wichtigstem Arbeitsgeber in der Region, von den geschlechtsspezifischen Folgen dieser Situation unmittelbar geprägt wird.

Eine weitere Werkgruppe bilden drei in Grautönen gehaltene Porträts junger Männer, deren absurde, scheinbar sinnlose Handlungen mit einer überraschenden Zärtlichkeit und Unmittelbarkeit zum Ausdruck gebracht werden. Mit überdimensionalen LKW-Schläuchen und mit nacktem Oberkörper auf dem Hinterhof des Künstlers posierend, wenden die Männer den Blick von den Betrachter:innen ab und hantieren mit den schwarz-glänzenden Objekten, die ihnen sonst als Schwimmreifen im Fluss dienen.

Ein auf Marmor gemaltes Stillleben mit Aalen – geheimnisvolle Wesen, die ebenfalls im San vorkommen – greift die glatten Oberflächen und Formen der Schläuche wieder auf. Was zunächst wie ein Ausdruck fast bedrohlicher Maskulinität erscheint, erweist sich vielmehr als Darstellung der Erfahrung jener, die in der zunehmend verlassenen subkarpatischen Region zurückgeblieben sind und ihren Alltag zu bewältigen haben. Palczaks Gemälde – auf dünne Metallplatten gemalt, die auf die sarmatische Tradition der im 17. und 18. Jahrhundert gebräuchlichen Sargporträts verweisen, zeugen sowohl von existenzieller Unruhe als auch von dem Bedürfnis, ebendiese darzustellen. Als Zeuge und zugleich Teil dieser Geschichte spricht Palczaks malerische Praxis von der Verbindung zwischen Modernisierung und Landschaft – und tut dies mit bemerkenswerter Sensibilität und Beobachtungsgabe.

Dass Zeitlichkeit in Palczaks Arbeit auf mehreren Ebenen eine Rolle spielt, spiegelt sich auch im Titel der Ausstellung «Dzisiaj» (dt. «Heute») wider. Der Fluss, seine Landschaft sowie deren Bewohner:innen sind nicht nur Realitäten, die Palczak Tag für Tag in seinen Gemälden dokumentiert, sondern auch stille Beobachtungsobjekte seiner Kamera. Die improvisierten, mitunter chaotischen Videoarbeiten, die Teil seines Arbeitsprozesses sind, offenbaren eine andere Dynamik seines Schaffens und erlauben ihm zugleich Bewegungsabläufe von Feuer, Rauch oder Wasser zu studieren und schliesslich in seine Malerei zu übersetzen. Seine Videos und Gemälde dokumentieren ambivalente Realitäten, die sich vor dem Hintergrund einer entvölkerten Region entfalten. Sie erzählen auf eindringliche Weise von Entfremdung und Langeweile. In Palczaks Arbeiten, wie auch in Krzywcza, scheint sich Zeit auszudehnen. Motive kehren wieder und wieder, bis sie technisch wie emotional erschöpft sind – gestern, morgen, und unausweichlich: heute.

Kuratiert von Fanny Hauser

Publikation

Im Frühjahr 2026 erscheint eine Monografie zu Karol Palczaks Arbeiten mit Texten von Kirsty Bell, Krzysztof Kosciuczuk sowie einem Gespräch zwischen Joanna Zeromska und dem Künstler im Distanz Verlag.

khz

Kontakt:

https://www.kunsthallezurich.ch/de/ausstellungen/

Karol Palczak, Dzisiaj, Kunsthalle Zürich, 2025–26
Foto: Cedric Mussano

Bild: Karol Palczak, Ausstellungsansicht «Dzisiaj», Kunsthalle Zürich, 2025–26 – Foto: Cedric Mussano

#KarolPalczak #Dzisiaj #KunsthalleZürich #FannyHauser #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 19. November 2025
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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