16. April 2026
«WIR UND DER KRIEG»
Ausstellung im Landesmuseum Zürich, vom 17. April 2026 bis am 17. Januar 2027

Bild: Soldat im Aktivdienst – Kanonier-Ausrüstung von Willy Keller, Ordonnanz 1914–1949 – Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum
Kriege erscheinen oft als ferne Ereignisse. Doch sie prägen auch die Geschichte und Gegenwart der Schweiz. Die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich zeigt anhand eindrücklicher Objekte und Geschichten, wie Konflikte seit Jahrhunderten das Selbstverständnis, die Politik und den Alltag der Schweiz beeinflussen.

Bild: Schweizerdolch – Die Geschichte von Wilhelm Tell schmückt bereits im 16. Jahrhundert auch die Scheiden der Schweizerdolche. Schweizerdolch mit Scheide, Messer und Pfriem, um 1570 – Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum
Kriege prägen die Gegenwart. Bilder aus der Ukraine, dem Nahen Osten oder anderen Weltregionen erreichen uns täglich über Nachrichten und soziale Medien. Sie machen deutlich, dass bewaffnete Konflikte nicht nur geografisch entfernte Ereignisse sind, sondern politische Debatten, gesellschaftliche Werte und persönliche Wahrnehmungen weltweit beeinflussen.
Auch in der neutralen Schweiz sind Kriege Teil der eigenen Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellung beleuchtet in fünf Kapiteln, wie Kriege seit dem Spätmittelalter Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz prägen. Sie zeigt, wie Konflikte identitätsstiftende Prozesse auslösen, wirtschaftliche Abhängigkeiten verschieben oder soziale Spannungen verstärken. Dabei wird deutlich, dass Kriege nicht nur militärische Ereignisse sind, sondern weitreichende Auswirkungen auf Alltag, Kultur und politische Entscheidungen haben.

Bild: Europa und die Neutralität – Auf dem Wiener Kongress 1815 wird die «immerwährende Neutralität» der Schweiz anerkannt. Damit wird die Neutralität Teil des europäischen Gleichgewichts. Anerkennung und Garantie der ewigen Neutralität der Schweiz und der Unverletzlichkeit ihres Gebietes von Seite der allierten Mächte, 08. / 20. 11. 1815 – Foto: © Schweizerisches Bundesarchiv, K0#1000-1402#72
Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Krieg das Selbstbild der Schweiz formte. Mythen um den Rütlischwur, Wilhelm Tell oder Arnold von Winkelried wurden über die Jahrhunderte zu symbolischen Erzählungen von Freiheit und Einigkeit. Gleichzeitig entstanden wirtschaftliche Verflechtungen durch Solddienste oder später durch die Rüstungsindustrie. Konflikte führten auch zu sozialen Veränderungen: Sie lösten wirtschaftliche Krisen und Protestbewegungen aus, beeinflussten Migration und verschieben Geschlechterrollen. Zugleich entwickelte die Schweiz politische Handlungsspielräume, etwa durch Neutralität, humanitäres Engagement und Friedenspolitik.
Zahlreiche historische Objekte machen diese Zusammenhänge sichtbar. Eine erstmals in der Schweiz gezeigte Tapisserie zur Schlacht bei Pavia von 1525 – eine äusserst kostbare Leihgabe aus Neapel – stellt etwa die Flucht eidgenössischer Truppen dar und hinterfragt damit den Mythos militärischer Unbesiegbarkeit. Drei unterschiedliche Darstellungen der Schlacht bei Murten (1476) – ein Historiengemälde, ein Schulwandbild und eine Fotografie des ehemaligen Schlachtfelds – zeigen, wie sich Erinnerung und nationale Deutung im Laufe der Zeit verändern.
Auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte werden anhand von Exponaten deutlich: Mannschaftsrodel, Münzen und Entlassungsurkunden verweisen auf das Geschäft mit dem Solddienst, während Fotografien und Handbücher aus der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon oder der Waffenfabrik Solothurn die Rolle der Schweizer Rüstungsindustrie im 20. Jahrhundert dokumentieren. Weitere Objekte – etwa ein Maschinengewehr und eine Gewerkschaftsfahne aus der Zeit des Landesstreiks von 1918, Uniformen aus dem Aktiv- und Frauenhilfsdienst oder Pläne und Fotografien militärischer Anlagen im Alpenraum – verdeutlichen, wie eng Krieg, Gesellschaft und Politik miteinander verflochten sind.

Bild: Wehrhafte Helvetia – Helvetia hält den Bundesvertrag vom 7. August 1815 und stützt sich auf ein Kanonenrohr. Berner Tracht und Alpenkulisse verankern die Figur in der nationalen Bildsprache. Edouard Castres, Die wehrhafte Schweiz, 1895 – © Bernisches Historisches Museum, Bern – Foto: Stefan Rebsamen
Den Abschluss bildet eine zeitgenössische Perspektive: In der Videoinstallation «Repeat after Me» ahmen ukrainische Geflüchtete die Geräusche von Schüssen, Artillerie und Sirenen nach. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, diese Klänge nachzusprechen – eine eindringliche Erinnerung daran, dass Krieg nicht nur Geschichte ist, sondern auch heute Erfahrungen prägt und Menschen bewegt.
Der interaktive «Neutralitätskompass» begleitet den Ausstellungsrundgang und lädt Besucherinnen und Besucher ein, ihre eigene Position zur Bedeutung der Neutralität zu reflektieren. In jeder Sektion beantworten sie Fragen und erhalten am Ende eine Auswertung ihrer Antworten sowie vertiefende Informationen zur Neutralität der Schweiz.
Das Rahmenprogramm ergänzt die Ausstellung um weitere Perspektiven. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich beleuchtet eine Veranstaltung den Wandel der Erinnerungskultur in der Schweiz. Gemeinsam mit dem Forschungsprojekt «Ästhetisierung von Kriegsgewalt» (HKB) wird das Thema Gewalt vertieft. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen teilen zudem ihre Erfahrungen zu Fluchtmigration, Peacekeeping und Kriegsfotografie.
slm
Kontakt:
https://www.landesmuseum.ch/krieg

Bild: «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich, Blick in die Ausstellung – Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum
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Kommentare von Daniel Leutenegger