Ausstellung in der Abegg-Stiftung Riggisberg, vom 26. April bis am 8. November 2026, täglich von 14 bis 17.30 Uhr

Bild: Personifikation des Sommers, Wollwirkerei, Ägypten, 3.–4. Jahrhundert, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5346. © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg – Fotos: Christoph von Viràg
Während von den spätantiken Wohnräumen meist nur noch die Grundmauern vorhanden sind, haben sich dank des trockenen Wüstenklimas in Ägypten herausragende Zeugnisse der textilen Innenausstattung des 4. bis 7. Jahrhunderts erhalten. Die neue Sonderausstellung der Abegg-Stiftung zeigt eine repräsentative Auswahl solcher Textilien. Die Wandbehänge, Decken, Vorhänge und Polster geben einen lebendigen Einblick in die damalige Wohnkultur.
Das Zuhause der spätantiken Oberschicht war erstaunlich spärlich eingerichtet: Ruhebetten, Speiseliegen, kleine runde Tische, dazu ein paar Sessel und Wandschränke – mehr wurde offenbar nicht gebraucht. Gefertigt aus Holz, Stein oder Bronze, wirkt das Wohnungsmobiliar aus heutiger Sicht eher wie schlichte Gartenmöbel.
Einen deutlichen Kontrast dazu bildete die Dekoration der Räume, denn diese waren trotz weniger Möbelstücke alles andere als nüchtern. Neben Marmoreinlagen, Wandmalereien und Mosaiken bestimmten vor allem kostbare Textilien das Innere der Häuser. Grossformatige Wandbehänge, luftige Vorhänge und weiche Polster aus gemusterten Wollgeweben verliehen den Räumen eine luxuriöse Atmosphäre, schufen einen angemessenen Rahmen für gesellschaftliche Anlässe und boten im wahrsten Sinn des Wortes Stoff für angeregte Gespräche. Denn im Gegensatz zu heutigen Interieurtextilien zeigten sie figürliche Darstellungen.
Antike Göttergeschichten
Meeresgeister, tanzende Satyrn und Mänaden, Kentauren und der Hirtengott Pan mit einer Kitharaspielerin füllen die Bildfelder zweier Zierstreifen im ersten Teil der Ausstellung. Die Wirkereien sind Reste grosser Wandbehänge. Solche Darstellungen mythischer Gestalten waren bei Textilien, die zur Ausstattung von Wohnräumen dienten, weit verbreitet. Obwohl sich mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert neue Bildthemen etablierten, blieben die alten heidnischen Mythen im Privatleben allgegenwärtig. Die berühmten Götter und Helden waren dabei Identifikationsfiguren der Bewohnerinnen und Bewohner und dienten als Wunsch- und Vorbilder für ein gutes Leben.
Dionysos und sein Gefolge
So zahlreich die Götter auch waren, so eindeutig war die Vorliebe für Dionysos. Als Gott der Feste, des Weines und der Ekstase verkörperte er zusammen mit seinem Gefolge den Wunsch nach einem glücklichen und sorgenfreien Leben. Grosse Bildwirkereien zeigten eine ausgelassene Festgesellschaft bei Musik und Tanz. Auch wenn sich solche Wandbehänge meist nicht als Ganzes erhalten haben, gibt es eine Reihe von überlieferten Fragmenten. Sie belegen, wie beliebt das Thema in der Ausstattung der Häuser damals war. Von einem solchen Festzug stammt auch ein grosses Fragment, das eine Kitharaspielerin zeigt. Sie erscheint tanzend in einer Bogennische und gehört zu den Mänaden, den mystischen Begleiterinnen von Dionysos. Ihr Tanz war Ausdruck von Besessenheit und Raserei.
Der Jahreslauf
Zu den mythologischen Geschichten gesellten sich auch Darstellungen der Natur. Der Wechsel der Jahreszeiten, aber auch Naturgewalten hatten grossen Einfluss auf das alltägliche Leben in der Spätantike. Die Natur wurde dabei nicht nur als physische Umwelt wahrgenommen, vielmehr wurden mit ihr auch symbolische oder philosophische Vorstellungen verknüpft. Meist wurden die vier Elemente, die Jahreszeiten oder die zwölf Monate als menschliche Figuren dargestellt, wie beispielsweise auf dem Monatsbehang, der in der Ausstellung zu sehen ist. Von den ursprünglich drei Reihen mit stehenden Figuren, hat sich nur die unterste erhalten. Solche Darstellungen brachten die Hoffnung auf eine reiche Ernte und die immerwährende Wiederkehr des Glücks zum Ausdruck.

Bild: Beliebt waren auch Bilder, die den Zyklus des Lebens oder den ewigen Kreislauf der Natur zum Thema hatten. Sie zeigten Personifikationen der vier Jahreszeiten oder Darstellungen der zwölf Monate und brachten damit die Hoffnung auf reiche Ernte, Stabilität und die immerwährende Wiederkehr des Glücks zum Ausdruck. – Detail eines gewirkten Behangs mit Monatsdarstellungen, Leinen und Wolle, Ägypten, 4.–6. Jahrhundert, Inv. Nr. 1638 © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg
Prachtvolle Ausstattung
Der Selbstinszenierung und Repräsentation diente aber nicht nur der Bildinhalt, sondern auch die verwendeten Materialien und die Kunstfertigkeit. Ein solches Meisterwerk ist der Wandbehang mit dem berühmten Jägerpaar Meleager und Atalante. Die Wirkerei ist mit sehr feiner Wolle in mehr als dreissig verschiedenen Farbtönen ausgeführt. Bereits das Färben der Garne war ein Luxus, den sich nur die wenigsten leisten konnten. Die Textilien entsprachen in ihrem Wert modernen Luxusgütern – sie waren sichtbare Zeichen für Macht und Reichtum sowie für die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite.
Vielseitig nutzbar
Die Textilien trugen bei der Gestaltung der Innenräume nicht nur zur ästhetischen Wirkung bei, sondern spielten auch eine zentrale Rolle bei der funktionalen Nutzung der Räume. Bereits bei der Herstellung wurden die Materialien und Techniken sorgfältig auf den späteren Verwendungszweck abgestimmt. Die grossen gewirkten Wandbehänge aus Leinen und Wolle schützen vor Kälte und trugen zur Isolation der Räume bei, waren jedoch recht steif und unbeweglich. Für Bezugsstoffe von Polstern verwendete man meist Wollgewebe, diese waren weich und trotzdem strapazierfähig.
Vorhänge dienten in spätantiken Häuser nicht nur als Sichtschutz oder zur Regulierung von Licht und Luft, sondern wurden auch zur Abtrennung von Räumen genutzt. Bei diesen Stoffen war der Leinengrund meist nur mit kleinen Motiven aus Wolle geschmückt. Dadurch waren sie leicht, flexibel und lichtdurchlässig.
Von beiden Seiten schön
Eine Besonderheit der spätantiken Wohnausstattung stellen reservetechnisch gefärbte Stoffe dar. Das spezielle Färbeverfahren ist der Batik, einer verwandten Technik, sehr ähnlich. Für die Herstellung wurde ein Leinengewebe mit einer Paste aus Harz und Wachs bemalt. Anschliessend tauchte man den Stoff in ein Färbebad. Die Paste verhinderte dabei, dass der Farbstoff bei den bemalten Stellen in die Gewebefaser eindringen konnte. Nach dem Trocknen wurde die Paste wieder entfernt, wodurch die hell ausgesparte Darstellung auf dem gefärbten Hintergrund erscheint. Diese Technik hat den Vorteil, dass das Motiv auf beiden Seiten sichtbar ist. Solche Stoffe eigneten sich daher besonders, um frei im Raum zu hängen oder Räume voneinander zu trennen.
Weich und kostbar gebettet
In der Spätantike dienten Liegen aus Holz und Stein sowohl zum Schlafen als auch zum Speisen. Für den nötigen Liegekomfort sorgten grossformatige Polster. Für deren Bezugsstoffe nutzte man mit Vorliebe Wollgewebe mit kleinteiligen Motiven. Ein solcher Polsterstoff ist in der Ausstellung zu sehen. Das Muster zeigt Löwen, Tiger und verschiedene Fabelwesen. Auf seiner Rückseite haben sich zudem Reste von Federn erhalten. Derartig weiche Federfüllungen sorgten nicht nur für Bequemlichkeit, sondern galten auch als Zeichen von Luxus. In der Ausstellung erläutert ein kurzer Film die Bedeutung von Gastmählern, bei denen man auf solchen Polstern lag.
Weit über ihre praktische Funktion hinausgehend, schufen die Textilien, die zur Ausstattung von Wohnräumen dienten, ein luxuriöses Ambiente. Sie trugen zur Selbstinszenierung bei und waren Luxusgüter und Statussymbole zugleich. Ihre sorgfältige Verarbeitung zeugt von grossem handwerklichem Know-how und künstlerischem Können. Ihre repräsentative Qualität ist auch 1500 Jahre später noch spürbar. Die Textilien in der Ausstellung beeindrucken und lassen erahnen, wie opulent das Zuhause der spätantiken Oberschicht einst war.
cp
Kontakt:
https://abegg-stiftung.ch/ausstellung/sonderausstellung#

Bild: Die Darstellungen auf den Textilien spiegelten die Lebensideale und Glücksvorstellungen ihrer Zeit wider. Musik und Tanz, Erotik und Lebenslust zählten zu den häufigsten Themen. Hinzu kamen Bilder des aristokratischen Zeitvertreibs wie etwa der Jagd, die zu den Privilegien der spätantiken Oberschicht gehörte. – Pfau. Detail eines gewirkten Behangs, Leinen und Wolle, Ägypten, 5.–7. Jahrhundert, Inv. Nr. 1639 © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg
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Kommentare von Daniel Leutenegger