4. April 2026
«ANGELICA MESITI – REVERB»
Bis am 30. August 2026 in Museum Tinguely, Basel

Bild: Angelica Mesiti, Sidereal, 2024, Collection des Fonds d’art contemporain de la Ville (FMAC) et du Canton (FCAC) de Genève – Photo: Serge Frühauf
In einer Zeit, die von digitaler Kommunikation geprägt ist, richtet Reverb den Blick auf körperliche Formen menschlicher Verständigung. Die Ausstellung versammelt fünf Videoarbeiten der australischen Künstlerin Angelica Mesiti, die unterschiedliche Disziplinen auf poetische Weise miteinander verknüpft. Die Werke führen den Zauber des Alltäglichen unmittelbar vor Augen und zeigen, wie kulturelle Traditionen, Rituale, Musik und Klänge Identität formen und Gemeinschaft stiften.
Angelica Mesiti (*1976), wohnhaft in Paris, arbeitet multidisziplinär an der Schnittstelle von Performance, Sound und Video. Ihre filmischen Arbeiten und raumgreifenden Installationen machen performative Praktiken erlebbar: Sound, Bewegung und Gestik dienen als nonverbale Kommunikationsformen und erzeugen Resonanzen zwischen Menschen, Orten und kulturellen Praktiken. Der Titel der Ausstellung verweist somit nicht nur auf das akustische Phänomen des Halls – so wie sich Schall ausbreitet und widerklingt, werden Ideen und Informationen über Raum und Zeit hinweg weitergetragen und entfalten ihr Nachwirken.
In ihrer jüngsten Arbeit, der 7-Kanal-Videoinstallation The Rites of When (2024), denkt Mesiti gesellschaftliche Rituale neu. Ausgangspunkt sind alte Bräuche, die sich am Zyklus der Jahreszeiten und an der Natur orientieren. Oft sind diese eng mit dem Wissen über Sternbilder sowie Bewegungsabläufe von Mond und Sonne verknüpft, die früher landwirtschaftliche Tätigkeiten und spirituelle Handlungen bestimmten. Das Werk gliedert sich in zwei Akte, die der Winter- und der Sommersonnenwende gewidmet sind. In ihnen verdichten sich Choreografien, vokale Chöre, kollektive Formen der Klangerzeugung und elektronische Sounds, um die zukünftige Rolle von Ritualen zu befragen. Vor dem Hintergrund ökologischer Unsicherheiten, die durch den Klimawandel und die vom Menschen dominierte Umwelt entstehen, sowie eines gesellschaftlichen Wandels, in dem sich das Leben vieler Menschen zunehmend in Städten und Innenräumen abspielt, erkundet The Rites of When auf sinnliche Weise mögliche neue Formen des Miteinanders.
A Hundred Years (2020) ist eine stille Meditation über die Spuren, die Krieg in Landschaften und Erinnerungen hinterlässt. Auf den Schlachtfeldern folgt der Film dem Rhythmus der Jahreszeiten – von Winter über Frühling und Sommer bis Herbst. Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg hat die Natur das Land zurückerobert, doch Krater, Schützengräben und ein einzelner überlebender Baum bleiben als Mahnmale bestehen. Im Zentrum steht ein Musiker, der endlose Kreise zieht und den Gefallenen auf einer Tin Whistle ein Requiem spielt. Frei von Heroismus oder Nationalismus richtet Mesiti den Blick auf ökologische Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen, Erinnerungskultur und die beharrliche Kraft von Erneuerung und Wiederbelebung.
Sidereal (2024) zeigt die Performance zweier Tänzer:innen, die sich von oben herabhängend langsam umeinander drehen. Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit erinnert ihre Choreografie an die Bewegung von Himmelskörpern oder Satelliten. Mal wirkt ihre Interaktion wie ein Kampf, dann wie ein harmonisches Zusammenspiel. Die Arbeit verweist auf die Sternzeit (sidereal time), eine astronomische Zeitmessung. Sie orientiert sich an der Erdrotation relativ zu bestimmten Sternen und nicht zur Sonne. Ein farblich wechselnder Hintergrund, der die Lichtverhältnisse eines Tagesverlaufs widerspiegelt, und eine reduzierte Klangkomposition schaffen einen sinnlichen Raum zwischen dem Irdischen und dem Kosmischen.
Die dreiteilige Videoinstallation Relay League (2017) beruht auf der letzten Morsebotschaft der französischen Marine von 1997, die den Übergang zur digitalen Kommunikation markierte. Die Abfolge von Punkten und Strichen wird im ersten Video von einem Perkussionisten in ein Schlagzeugstück übersetzt. Dieses bildet wiederum die Grundlage für die Choreografie eines Tänzers im zweiten Teil. Im dritten Video vermittelt eine Tänzerin ihrem sehbeeinträchtigten Partner die Bewegungsabläufe auf eingespielte Weise durch Berührung und angeführte Gesten. So entfaltet das Werk eine poetische Reflexion über Kommunikation im Wandel und betont die Bedeutung unmittelbarer, körperlicher Verständigung in einer Zeit, in der maschinelle Codes stetig weiterentwickelt und erneuert werden.
Prepared Piano for Movers (Haussmann) (2012) zeigt zwei Möbelpacker, die einen Flügel über sechs Stockwerke durch ein Pariser Treppenhaus tragen. Dabei erklingt eine avantgardistisch anmutende Komposition, die dem Zufall unterliegt: Inspiriert von John Cage wurde der Flügel präpariert. Durch im Instrument platzierte Objekte entstehen bei jeder Bewegung unvorhersehbare, perkussive Klänge. In Kombination mit dem schweren Atem der Männer entsteht ein Stück, das die Poesie alltäglicher Vorgänge offenbart.
Die Ausstellung wird kuratiert von Tabea Panizzi. Assistenz: Maya Jung
mtb
Kontakt:
https://www.tinguely.ch/de/ausstellungen/ausstellungen/2026/angelica-mesiti.html

Bild: Porträt Angelica Mesiti – Fotocredit: 2026 Museum Tinguely, Basel; Pati Grabowicz
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
#AngelicaMesiti #AngelicaMesitiReverb #MuseumTinguely #TabeaPanizzi #MayaJung #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger