23. Januar 2026
«CÉZANNE»
Ausstellung Fondation Beyeler, Riehen / Basel, vom 25. Januar bis am 25. Mai 2026

Bild: Paul Cézanne, Pommes et oranges (Äpfel und Orangen), um 1899, Öl auf Leinwand, 74 × 93 cm © GrandPalaisRMN (Musée d’Orsay) / Hervé Lewandowski

Bild: Paul Cézanne, La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves (Die Montagne Sainte-Victoire, von Les Lauves aus gesehen), 1904/05, Öl auf Leinwand, 63,8 x 81,6 cm, The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri, Ankauf William Rockhill Nelson Trust Image courtesy of Nelson-Atkins Digital Production & Preservation
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte widmet die Fondation Beyeler eine Einzelausstellung Paul Cézanne (1839–1906) – einem Pionier der modernen Kunst und zentralen Künstler ihrer Sammlung. Mit rund 80 Werken konzentriert sich die Ausstellung auf die letzte und bedeutendste Phase im Schaffen des französischen Malers und zeigt Cézanne in Hochform: Zu sehen sind geheimnisvolle Porträts, paradiesische Badende, Sehnsuchtslandschaften aus der Provence und sein Lieblingsberg, die Montagne Sainte-Victoire, die der Künstler in immer neuen Ansichten darstellte.
In seinem Atelier im Süden Frankreichs brachte Cézanne mit meisterhaftem Gespür Licht, Farbe und Form in ein kraftvolles Spannungsverhältnis. Er gestaltete revolutionäre Bilder, die Generationen von Künstlern und Künstlerinnen bis heute inspirieren. Die Ausstellung macht anschaulich, wie Cézanne die Malerei veränderte und er so, wie Pablo Picasso sagte, zum «Vater von uns allen» wurde.
Anhand von 58 Ölgemälden und 21 Aquarellen aus renommierten institutionellen und privaten Sammlungen aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, England, Spanien, den Niederlanden, Dänemark und den USA ermöglicht es die Ausstellung den Besucherinnen und Besuchern, Cézannes bahnbrechendes Spätwerk zu erleben. Neben ikonischen Werken aus wichtigen öffentlichen Sammlungen wie dem Museum of Modern Art und dem Metropolitan Museum of Art, beide New York, dem Musée d’Orsay in Paris, dem Philadelphia Museum of Art, der National Gallery of Art in Washington und der Tate in London stammt die Hälfte der ausgestellten Gemälde aus privaten Sammlungen, wovon viele selten öffentlich zu sehen sind.

Bild: Paul Cézanne, Les joueurs de cartes (Die Kartenspieler), 1893–1896, Öl auf Leinwand, 47 x 56,5 cm, Musée d’Orsay, Paris © Musée d’Orsay, Dist. GrandPalaisRmn / Patrice Schmidt
Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Zusammenführung von neun Ansichten der Montagne Sainte-Victoire sowie die gemeinsame Präsentation der beiden seltenen Kartenspieler: zum einen das bekannte Werk aus der Courtauld Gallery in London, zum anderen die ebenfalls legendären Kartenspieler aus dem Musée d’Orsay in Paris. Darüber hinaus sind 14 der vielgerühmten Früchtestillleben des Künstlers sowie acht herausragende Porträts und Selbstporträts zu sehen.
Mit La pierre à moudre au parc du Château Noir (La meule) (Der Mühlstein im Park des Château Noir (Der Mühlstein)), 1892–1894, wird zudem ein bedeutendes Werk aus Philadelphia präsentiert, das noch nie zuvor nach Europa ausgeliehen wurde. Ein besonderes Ereignis bildet die erstmalige Gegenüberstellung zweier Aquarellfassungen des Knaben mit der roten Weste.
Gezeigt werden zudem mehrere Arbeiten, die seit Jahrzehnten nicht mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurden, darunter das um 1895 geschaffene Portrait de Paul Cézanne (Bildnis Paul Cézanne). Gezeigt wird zudem eine Vielzahl der bewusst offen belassenen Gemälde, bei denen Cézanne Teile der Leinwand unbemalt liess, sowie über 30 Landschaftsbilder der Provence.
Zeitlich setzt die Ausstellung in der Mitte der 1880er-Jahre ein. Damals hatte sich Cézanne von der Auseinandersetzung mit dem Impressionismus emanzipiert und zu dem Stil gefunden, der ihn zu einer Schlüsselfigur der Moderne macht. Der aus Aix-en-Provence stammende Künstler hatte um die Jahrhundertwende einen radikalen Neuanfang der Kunst gewagt, indem er die Malerei von traditionellen Konventionen wie der Zentralperspektive oder der Darstellung der Anatomie befreite. Cezannes erklärtes Ziel war es, nicht mehr die Natur abzubilden, sondern den Vorgang des Malens von Motiven der Natur in seinen Werken zu analysieren und anschaulich zu machen.
Aus dieser neu gewonnenen künstlerischen Freiheit heraus wandte sich Cézanne verstärkt jenen Motiven zu, die sein weiteres Schaffen bestimmen sollten, allen voran die Landschaft seiner provenzalischen Heimat. Gerade dort fand er jenes Experimentierfeld, auf dem er seine Vorstellungen von einer erneuerten Malerei weiterentwickeln und entfalten konnte. In Cézannes Werk war die Landschaft der Provence weit mehr als eine malerische Kulisse; sie wurde zum Herzstück einer neuen, modernen Bildsprache.

Bild: Paul Cézanne, La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves (Die Montagne Sainte-Victoire, von Les Lauves aus gesehen), um 1904, Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm, Privatsammlung, Derbyshire – Foto: Christie’s Images / Bridgeman Images
Mit seinen Ansichten der Montagne Sainte-Victoire und der Wälder im südlichen Licht prägte Cézanne nicht nur die Entwicklung der Kunst, sondern auch die Art und Weise, wie die Region bis heute wahrgenommen wird. Seine Bilder machten die Provence zu einem Sehnsuchtsort, in dem Natur, Stille und zeitlose Schönheit miteinander verschmelzen. Indem Cézanne die Landschaft in kraftvolle Farben übersetzte verlieh er ihr eine ikonische Ausstrahlung, die weit über die Malerei hinauswirkt. Für heutige Betrachterinnen und Betrachter offenbart sich in seinen Provence-Motiven sowohl die Wurzel der Moderne als auch jener magische Zauber, dem die Region ihre ungebrochene Anziehungskraft verdankt.
Die Montagne Sainte-Victoire liess Paul Cézanne nicht los. Immer wieder stellte er seine Staffelei vor dem Berg auf, weil er in ihm ein ideales Testfeld für seine zentrale künstlerische Frage erblickte: Wie kann man die Welt so malen, wie man sie wirklich erlebt? Für Cézanne bedeutete das, die Natur nicht einfach abzubilden, sondern ihre Klarheit, ihre Farben und ihre Stimmungen sichtbar zu machen; Kunst als Parallele zur Natur.
Zwischen den 1880er-Jahren und seinem Tod malte er die Montagne Sainte-Victoire etwa 30 Mal in Öl und fertigte zahlreiche Aquarelle an. Sieben Ölgemälde und zwei Aquarelle mit Ansichten des Bergs werden in der Ausstellung der Fondation Beyeler nun vereint.
An der Montagne Sainte-Victoire erprobte Cézanne seine Technik, Bilder auf der Leinwand zu konstruieren. Er malte keine Objekte, wie er sie kannte, sondern das, was er unmittelbar sah: reine Farbempfindungen («sensations colorantes»), die er mit farbigen Pinselstrichen («taches colorées») auf die Leinwand übertrug. So untersuchte er, wie Formen allein durch Farbe entstehen können. Seine schier unerschöpflichen Versionen waren weniger Ausdruck eines hartnäckigen Forschungsgeists als vielmehr konsequente Annäherungen an dieses Sehen. Cézanne wollte die beständige Kraft des Berges und die flüchtigen Eindrücke des Augenblicks in Einklang bringen. Es war ein Versuch, der später Künstler wie Pablo Picasso oder Georges Braque entscheidend beeinflussen sollte.

Bild: Paul Cézanne, Groupe de baigneuses, (Gruppe von Badenden), um 1895, Öl auf Leinwand, 47 x 77 cm, Ordrupgaard, Kopenhagen – Foto: Anders Sune Berg
Ein weiteres zentrales Motiv der Ausstellung sind die Badenden, ein Thema, das Paul Cézanne immer wieder aufgriff und variierte, indem er das Verhältnis zwischen Mensch und Natur auslotete. Anstatt idealisierte Figuren darzustellen, verwob Cézanne Körper und Landschaft so eng miteinander, dass die Badenden in den Rhythmus der Bäume übergehen, die Kurven des Flussufers aufnehmen oder gleichsam wie Pflanzen aus dem Boden wachsen. Diese stille Verschmelzung verleiht den Szenen ihre besondere Spannung: Die Figuren sind präsent und gleichzeitig kurz davor, im Gelände aufzugehen. Cézannes Badende verbinden die klassische Tradition der Aktmalerei mit einem modernen Verständnis von Form und Raum.
Auch in den Stillleben Paul Cézannes zeigt sich sein unermüdliches Bestreben, die sichtbare Welt in eine stabile, beinahe zeitlose Ordnung zu überführen. Was auf den ersten Blick als schlichtes Arrangement aus Äpfeln, Birnen, Orangen, Krügen, Karaffen, Broten und sorgfältig drapierten Tüchern erscheint, entpuppt sich als Bühne für eine eingehende Erkundung von Form, Farbe und Gleichgewicht. Indem er Früchte zu kompakten Farbkörpern verdichtete, Tücher wie bewegte Landschaften modellierte und an geschlossenen Gefässen das subtile Spiel von Licht und Schatten ergründete, verwandelte er gewöhnliche Gegenstände in tragende Elemente einer neuen Bildarchitektur. Seine Stillleben sind keine Momentaufnahmen, sondern durchdachte Konstruktionen, in denen jedes Objekt Gewicht, Volumen und Raumwirkung erhält und in denen anschaulich wird, wie Cézanne im Kleinen jenes Streben nach innerer Ordnung verfolgte, das ih auch in der grossen Natur faszinierte.
Neben seinen Stillleben mit Früchten und Gefässen widmet sich die Ausstellung auch Cézannes Auseinandersetzung mit dem Motiv des Totenkopfs, das eine existenzielle Dimension seines Schaffens widerspiegelt. Anders als die Arrangements von Obst und Tüchern ist der Totenkopf kein bloss dekoratives Objekt, sondern ein Symbol für Vergänglichkeit und die Grundfragen der menschlichen Existenz. Der Schädel wird zu einer konzentrierten Form, dessen Gewicht, Schatten und Kontur die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wird wie bei den Gegenständen seiner Stillleben. In diesen Gemälden verschmilzt die materielle Realität des Gegenstands mit einer Reflexion über Zeit, Sterblichkeit und die bleibende Struktur der Welt.
Die Ausstellung versucht zu zeigen, wie Cézanne die Strukturen seiner Bilder sichtbar macht und damit die Betrachtenden einlädt, sich mit seinem Malprozess auseinanderzusetzen und daran zu partizipieren. Insbesondere betrifft das die Werke, die unvollendet erscheinen. In ihnen nahm sich der Künstler die Freiheit, Teile der Leinwand unbemalt zu lassen, und gerade im Unvollendeten erzielte er eine neue Harmonie. Diese Kompositionen kennzeichnet eine Art offenes Ende, das den aktiv Betrachtenden die Möglichkeit gewährt, sie in ihrer Vorstellung gedanklich selbst weiterzumalen und zu vervollständigen.

Bild: Paul Cézanne in seinem Atelier in Les Lauves – Foto: Bernard Emile (1868–1941), Paris, Musée d’Orsay © GrandPalaisRmn (Musée d’Orsay) / René-Gabriel Ojeda
Angeregt davon, wird den Besuchenden am Ende des Ausstellungsrundgangs die Gelegenheit geboten, die von Cézanne zu grosser Meisterschaft geführte Aquarelltechnik selbst zu erproben. Die Einrichtung eines Ateliers im Museumsraum zielt darauf ab, das vom Künstler entwickelte Verfahren nicht nur visuell, sondern auch praktisch erlebbar zu machen.
Den Abschluss der Ausstellung bildet der Kurzfilm «Cézanne on art», 2025, von Albert Oehlen, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Maler, und dem renommierten Regisseur Oliver Hirschbiegel, bekannt für internationale Filmproduktionen wie Der Untergang, 2004, und Das Experiment, 2001. Indem der Film Inspiration aus den Gesprächen zwischen Cézanne und seinem Freund, dem Schriftsteller Joachim Gasquet, bezieht, verbindet er Kunst, Philosophie und Landschaft zu einer atmosphärischen Annäherung an den Künstler – in den Hauptrollen sind Sean O’Brien, Sam Riley und Nichole Galicia zu sehen. Gedreht an den Originalschauplätzen der Montagne Sainte-Victoire und im Steinbruch von Bibémus, fängt der Film das Licht und die faszinierende Atmosphäre jener Landschaft ein, die Cézannes Malerei prägte. In der Fondation Beyeler feiert er seine Premiere.
«Cézanne» wurde von Ulf Küster, Senior Curator der Fondation Beyeler, kuratiert.
Der Katalog zur Ausstellung, gestaltet von Melanie Mues, London, erschein auf Deutsch und Englisch im Hatje Cantz Verlag, Berlin. Auf 200 Seiten enthält er Beiträge von Louise Bannwarth, Gottfried Boehm, Ulf Küster und Fabienne Ruppen sowie eine von Sarah Weishaupt gezeichnete Biografie
fbb
Kontakt:
https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/cezanne
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Kommentare von Daniel Leutenegger