Ausstellung im Zentrum Paul Klee (ZPK), Bern, vom 20. März bis am 21. Juni 2026

Bild: Kurt Schwitters, Mz 26, 41. Okola, 1926, Collage, Papier auf Papier, 17,6 × 13,7 cm, Privatsammlung, mit freundlicher Genehmigung der Galerie 1900-2000, Paris

Bild: Kurt Schwitters, Ohne Titel (Mit Kaffeemühle), 1919, Collage, Farbstift, Bleistift, Stempelfarbe und Papier auf Papier, 21,9 × 18,7 cm, Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001 – Foto: Herling, Herling, Werner
Kurt Schwitters (1887, Hannover – 1948, Kendal, UK) zählt zu den einflussreichsten und eigenwilligsten Protagonisten der künstlerischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit und besitzt bis heute eine beeindruckende Aktualität.
«Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde» ist die erste umfassende museale Ausstellung zu seinem Werk in der Schweiz seit über 20 Jahren. Sie zeichnet die Vielfalt seines Œuvres über alle Schaffensphasen hinweg nach – von ikonischen Merzbildern, Assemblagen und Collagen über den begehbaren Nachbau des Hannoveraner Merzbaus bis hin zu weniger bekannten Porträts, Landschaften und Skulpturen aus dem Exil. Ergänzend zeigt das Zentrum Paul Klee Beispiele seines grafischen und literarischen Schaffens und seiner publizistischen Aktivitäten. Die Ausstellung zeigt Schwitters als radikalen Erneuerer und Grenzgänger zwischen den avantgardistischen Strömungen seiner Zeit, der mit einer unverwechselbaren Synthese aus Kunst, Architektur, Design und Literatur Generationen von Kunstschaffenden prägte.
Ein eigenwilliger Grenzgänger der Avantgarde
Nach einer akademischen Ausbildung begann Schwitters mit gegenständlichen und figurativen Werken, wandte sich dann dem Expressionismus und später der Abstraktion zu. Obwohl er mit internationalen Avantgarde-Bewegungen wie Dada, De Stijl oder dem russischen Konstruktivismus im Austausch stand, schloss er sich keiner Gruppe an. Schwitters blieb ein Individualist mit selbstironisch-gutbürgerlichem Auftritt und provozierte damit sowohl das Publikum wie auch seine Künstlerkolleg:innen.
«Mein Name ist Kurt Schwitters. Ich bin Maler. Ich nagle meine Bilder.»
Raoul Hausmann, Am Anfang war Dada, hg. v. Karl Riha u. Günter Kämpf, Giessen 1972, S. 63.
Während sich viele Kunstschaffende im post-revolutionären Deutschland politisch engagierten, wie etwa die Berliner Dadaisten, bewahrte sich Schwitters eine politische Unabhängigkeit und stellte die Autonomie der Kunst ins Zentrum.

Bild: Kurt Schwitters, Merz, Nr. 11, 1924, Zeitschrift, 29,2 × 22 cm, Bibliothek für Gestaltung Basel
«Merz»: Kunst aus den Trümmern der Zivilisation
In den 1920er-Jahren verkörperte Schwitters den Geist der Freiheit und des künstlerischen Neubeginns aus den Trümmern nach dem Ersten Weltkrieg. Sein eigens entwickeltes Prinzip «Merz» wurde zum künstlerischen Markenzeichen:
«Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie
zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz. […] Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz.»
Kurt Schwitters, 1930, in: Gefesselter Blick. 25 Monografien und Beiträge über neue Werbegestaltung, hg. von Heinz Rasch und Bodo Rasch, Stuttgart 1930, S. 88.
Aus Fund- und Wegwerfmaterialien schuf Schwitters Collagen und Assemblagen – sogenannte Merzbilder. Ab 1923 entstand in seinem Haus in Hannover auch der Merzbau – eine begehbare Skulptur, die Architektur und Collage in einem vereinte und als einer der ersten Vorläufer der heutigen Installationskunst gilt.
«Merz» war ein frühes Konzept von künstlerischem Recycling und Remix. Für Schwitters lag der Wert der Kunst nicht im Material, sondern in der geistigen Wertschöpfung. Diese zeigte sich in der Fähigkeit, aus dem Chaos eine neue, harmonische Ordnung entstehen zu lassen und der Vergänglichkeit aller Dinge mit künstlerischen Mitteln zu begegnen.

Bild: Der Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover (Treppeneingangsseite) -Foto: Wilhelm Redmann, 1933, Digitalisat des Glasnegativs, 84 × 60 cm, Sprengel Museum Hannover
Überwindung der Kunstgattungen
Das Werk von Schwitters überwindet traditionelle Gattungsgrenzen in der Kunst. Neben seinem künstlerischen Werk im engeren Sinne war er auch ein einflussreicher Grafiker, Herausgeber und Schriftsteller. Er prägte die moderne Werbegestaltung, gründete den internationalen ring neue werbegestalter und setzte neue Massstäbe in der Verbindung von freier und angewandter Kunst mit dem Ziel, Gestaltung und Typografie nicht nur als technische und dekorative, sondern als kulturelle und künstlerische Aufgaben zu etablieren. Damit hat Schwitters auch das Schweizer Grafikdesign entscheidend mitgeprägt. Seine Avantgarde-Zeitschrift Merz wurde zum Experimentierfeld typografischer Gestaltung und zur Plattform für sein internationales Künstlernetzwerk. Zudem veröffentlichte er Manifeste, gesellschaftskritische und autobiografische Kurzgeschichten, Theaterstücke, Poesie und sogar Märchen.
Berühmt wurde er mit aufsehenerregenden dadaistischen Gedichten wie An Anna Blume (1919) oder mit der Ursonate (1923–1932). Dieses epochale Hauptwerk des Dadaismus wird als Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung am Samstag, 18. April 2026, um 14:00 Uhr sowie am Sonntag, 19. April 2026, um 11:00 Uhr im Zentrum Paul Klee als Live-Performance vom Brüsseler Musiker Michael Schmid aufgeführt.

Bild: Kurt Schwitters, Die frühlingstür, 1938, Assemblage, Öl, Holz Gips, Metall, Schuhabsatz, Pappe und Leder(?) auf Holz, genagelt, 87,8 × 72 cm, Courtesy Galerie Gmurzynska
Exil und Neubeginn
Schwitters verfolgte sein experimentelles Kunstverständnis mit kompromissloser Konsequenz. Doch der utopische Anspruch an die Kunst kontrastiert auch mit tragischen Aspekten in seiner Biografie. Seine Diffamierung als «entarteter» Künstler durch die Nationalsozialisten sowie seine persönlichen Kontakte zur politischen Opposition in NS-Deutschland hatten für den Künstler einschneidende Folgen und entzogen ihm seine Lebensgrundlage. Zusammen mit seinem Sohn Ernst floh er 1937 zunächst nach Norwegen, wo er sich in Oslo niederliess und die Sommermonate im Umfeld der Stadt Molde verbrachte. Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh Schwitters mit seinem Sohn 1940 weiter nach Grossbritannien. Daraufhin wurden sie zusammen mit anderen Geflüchteten aus NS-Deutschland, darunter viele Künstler und Intellektuelle, auf der Isle of Man im Hutchinson Camp interniert. Nach der Freilassung liess Schwitters sich in London und später im Lake. District im Norden Englands nieder. Trotz widrigster Umstände arbeitete er unbeirrt weiter, begann neue Merzbauten in Norwegen und England und verdiente ein bescheidenes Auskommen mit impressionistischen Porträts und Landschaftsbildern, während er parallel dazu seine «Merz»-Kunst weiterführte. Während seine figurativen und gegenständlichen Arbeiten in Norwegen und England Anerkennung fanden, blieben seine avantgardistischen Ideen dort weitgehend unverstanden.
«Mit seinem Werk, aber auch seinem Leben prägte er Generationen von Künstler:innen – darunter bekannte Künstler der Nachkriegszeit wie etwa Robert Rauschenberg und Jean Tinguely, oder Gegenwartskünstler wie Thomas Hirschhorn oder Phyllida Barlow. Schwitters zeigte, wie man aus gefundenen, alltäglichen Materialien neue, überraschende Bild‑ und Raumwelten schaffen kann – aber auch, wie man in einem weiteren Sinne Kunst und Leben zusammenführt.»
Martin Waldmeier, Kurator der Ausstellung

Bild: Kurt Schwitters Bild abstrakt Skøyen II, 1940/1942, Öl, Papier und Karton auf Holz, 51,5 × 63,5 cm, Ellen + Michael Ringier, Schweiz
Immersives Ausstellungserlebnis
«Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde» zeigt die erstaunliche Vielfalt von Schwitters’ Schaffen. Die Retrospektive bietet dem Publikum eine einmalige Gelegenheit, sein avantgardistisches Œuvre in all seinen Formen zu erleben, und darüber hinaus weitgehend unbekannte Aspekte von Schwitters kennenzulernen – etwa seine Skulpturen, seine experimentellen Texte oder nie zuvor ausgestellte Landschaftsbilder und Porträts aus dem Exil. Die Ausstellung folgt einer chronologischen Struktur – vom Frühwerk bis in die Exiljahre –, die es ermöglicht, Schwitters’ gesamten Werdegang nachzuvollziehen.
Herzstück ist der immersive Nachbau des 1943 zerstörten Merzbaus von Hannover. Ergänzt wird er durch rund 20 ikonische Assemblagen, Reliefs, Skulpturen sowie grossformatige Projektionen, die Schwitters’ spätere Merzbauten in Norwegen und England eindrücklich dokumentieren. In den umliegenden thematischen Räumen entfaltet sich ein umfassendes Panorama seines Schaffens mit rund 50 Collagen, 20 Gemälden sowie zahlreichen Zeichnungen, Aquarellen, Druckgrafiken, Publikationen und typografischen Arbeiten.
Die Collage bildet als zentrale Ausdrucksform des Merz-Prinzips den roten Faden der Ausstellung. Dynamische Textprojektionen lassen Schwitters’ Manifeste, Kurzgeschichten, Satiren und autobiografische Texte mit den Bildwerken in Dialog treten. Der Film Kurt Schwitters. Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache (1982) von Klaus Peter Dencker lässt am Ende der Ausstellung Freunde und Familienmitglieder von Schwitters zu Wort kommen und ihn als Mensch greifbar werden. Im hinteren Teil der Ausstellung ist als interaktives Angebot ein Collage-Atelier eingerichtet, in dem Besucher:innen nach dem Vorbild von Kurt Schwitters Collagen anfertigen können.
Abgerundet wird die Ausstellung von einer Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Visuelle Kommunikation der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Studierende haben das Schwitters-Gedicht An Anna Blume mit typografischen Mitteln neu interpretiert. Die dabei entstandenen Plakate werden in der Ausstellung präsentiert.
Begleitpublikation mit literarischem Fokus
Kurt Schwitters war auch ein produktiver und origineller Schriftsteller. Seine Texte – ironisch, gesellschaftskritisch und voller Sprachwitz – sind Meilensteine der experimentellen Literatur und bilden einen Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerks. Sie brechen mit traditionellen Formen und Strukturen, spiegeln den historischen Kontext, kommentieren seinen Werdegang und legen die theoretischen Grundlagen seines Schaffens.
Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag eine von Harald Pridgar gestaltete, reich bebilderte Begleitpublikation im Stil eines Künstlerbuchs. Sie stellt Schwitters’ literarisches Schaffen in den Vordergrund und führt Kunst und Literatur zu einer Gesamtdarstellung zusammen, ergänzt von einer umfangreichen und allgemeinverständlichen Einführung.
Kurator: Martin Waldmeier
Kuratorische Assistenz: Josephine Rechberg
Kooperation: Eine Ausstellung des Zentrums Paul Klee, Bern, unter Mitwirkung des Sprengel Museums und der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover.
cp
Kontakt:

Bild: Kurt Schwitters, Scenery from Douglas, 1941, Öl und Wachstempera auf Holz, 32,7 × 24,9 cm, Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001 – Foto: Herling, Herling, Werner
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Kommentare von Daniel Leutenegger