Ausstellung Galerie da Mihi, Bern, Gerechtigkeitsgasse 36, vom 14. August bis am 26. September 2026 - Vernissage am 14. August, 18 bis 20 Uhr

Bild: © Urs Stooss, «Square with blue Car», 2026, Pigmentdruck und Acryl auf Leinwand, 80 x 80 cm

Bild: © Urs Stooss, «Deerfield», 2026, Pigmentdruck und Acryl auf Leinwand, 90 x 130 cm
Mit der Ausstellung «Ohne Drohne» präsentiert die Galerie da Mihi neue Arbeiten des Berner Künstlers Urs Stooss. Der Titel ist programmatisch und verweist auf die Abneigung des Künstlers gegen jene technisch erweiterten Blickregimes, die unsere visuelle Gegenwart zunehmend prägen. Während Drohnenaufnahmen heute eine scheinbar allwissende, entkörperlichte Perspektive ermöglichen, bleibt Stooss auf der Suche nach einem erhöhten Standpunkt, um seine Motive aus der Vogelperspektive ablichten zu können. Dafür klettert er auf Gebäude und Balkone, erklimmt Türme oder andere Aussichtspunkte und bringt seine Kamera in Stellung.
Der in Bern und Zürich bestens bekannte Künstler Urs Stooss trat im Winter 2021 erstmals persönlich in unser Leben. Die Pandemie hatte vieles zum Stillstand gebracht, aber auch Unerwartetes möglich gemacht. In dieser besonderen Zeit kreuzten sich unsere Wege. Aus einem Gespräch wurde eine Ausstellung, aus einer Ausstellung eine Vertrauensbasis, aus einer Vertrauensbasis entsprang ein Funke für eine wunderbare Zusammenarbeit. Wir haben den Künstler zunächst als Flâneur wahrgenommen – ähnlich wie sich Charles Baudelaire in seiner «Poesie als Botaniker des Boulevards» verstanden hat, doch Urs Stooss wählt den Blick von oben.
Mit der aktuellen Ausstellung «Ohne Drohne» setzen wir eine aktuelle Seite seines Schaffens ins Zentrum: die Perspektive und der Realraum der künstlerischen Wahrnehmung – ein bewusstes Gegenbild zur entkörperlichten Sicht, die keinen Ort, keine Verwundbarkeit, keine Beziehung kennt und ohne Bewusstsein ist. Urs Stooss hingegen verankert sich und seinen Blick im Realraum, in der Nähe oder in der Ferne, im Spüren der Bildkomposition. Seine Malerei entsteht nicht aus einer neutralen Distanz, sondern aus einer selbst gewählten und eingenommenen Perspektive, hier lässt er sich ein, hier schwingt er mit, hier ist er bewegt. So wird die Ästhetik der Bewegung zu einem zentralen Motiv: Die von ihm gewählten Figuren sind nie statisch; sie rudern, gleiten, spazieren – und mit ihnen bewegt sich auch der Blick des Künstlers, der die Welt nicht von oben aus abstrahiert, sondern aus der lebendigen Erfahrung formt.
Auf dem Titelbild ist eine Strandszene zu sehen, weit verstreut über eine fast blendend helle Fläche, die mehr Licht als Landschaft ist. Die Figuren wirken wie zufällig gesetzt: Menschen in Badekleidung, einige mit Surfbrett, andere mit Taschen oder Handtüchern, ein Hund, der sich neugierig einem Menschen zuwendet. Nichts drängt sich auf, nichts erzählt laut. Die Szene entfaltet sich in einer ruhigen, offenen Weite, in der jede Figur ihren eigenen kleinen Radius von Bewegung und Bedeutung besitzt.
Gerade diese Leichtigkeit der Sichtbarkeit, die doch so handfest erscheint, macht deutlich, wie sehr Urs Stooss seinen Blick im Realen verankert und nicht in einer abstrakten, schwebenden Distanz. Er behauptet keine Neutralität, kein «von nirgendwo». Stattdessen zeigt er Menschen, die Gewicht haben, Schatten werfen, Wärme spüren. Ihre Bewegungen sind lesbar, ihre Präsenz ist real.
So wird das Strandleben zu einem stillen Gegenentwurf einer entkörperlichten Sicht: Es zeigt keine Welt, die von oben analysiert wird, sondern eine Welt, die in ihrer sinnlichen Erfahrung ernst genommen wird. Es sind lebendige Protagonisten eines Moments, der vom Künstler gewählt wurde, der sich ihnen genähert hat, eine Beziehung gesucht hat und der von Bewegung getragen wurde.
In den neuesten Arbeiten tauchen erneut Darstellungen sportlicher Aktivitäten auf – Rudern, Tennis, Hula-Hoop, Leichtathletik und Beachsoccer. Es sind Bilder, die weniger das Ereignis feiern als die Struktur der Bewegung selbst: Rhythmus, Wiederholung, Übergang. Die Körper erscheinen in Momenten der Konzentration, im Dazwischen, wo Bewegung sich formt, bevor sie sichtbar wird. Stooss’ Auseinandersetzung mit seriellen Bewegungsstudien in den 1990er-Jahren – inspiriert von Eadweard Muybridge – klingt hier leise nach. Muybridge wurde im späten 19. Jahrhundert zu einer Schlüsselfigur der Kunst- und Bildgeschichte, weil er als Erster Bewegungsabläufe in fotografische Sequenzen zerlegte und damit sichtbar machte, was dem Auge in seiner Trägheit entgeht.
In den aktuellen Arbeiten von Urs Stooss trägt jede sportliche Geste eine implizite Serialität in sich: der wiederholte Aufschlag, das kreisende Becken, das Hin und Her des Tennisballs. Stooss übersetzt diese realen Muster in Kompositionen, die Bewegung nicht abbilden, sondern andeuten, fragmentieren, überlagern – als würden mehrere Phasen eines Ablaufs gleichzeitig im Bildraum aufscheinen.
Als quasi Kontrastprogramm widmet sich Stooss erneut der Ferienhaussiedlung «Peyton Place». Die streng geometrische Ordnung dieser Häuserzeilen – eigentlich ein Sinnbild von Stillstand und Gleichförmigkeit – wird bei ihm durch Farbe in Bewegung versetzt. Die Dächer, Fassaden und Schatten beginnen zu vibrieren, als würde die Struktur selbst atmen. Stooss interessiert hier nicht der Ort, sondern die innere Dynamik des Rasters: Wie Wiederholung Rhythmus erzeugt, wie Ordnung kippt, sobald Farbe Spannung aufbaut. So entsteht ein Gegenpol zu seinen körperlichen Bewegungsstudien – ein aus dem Realraum übertragener Kunstraum, der sich bewegt, obwohl sich kaum etwas bewegt.
Seine Arbeiten erinnern daran, dass Sehen kein neutraler Vorgang ist, sondern ein Prozess, der Zeit, Körper und Erfahrung einschliesst. Die Ausstellung «Ohne Drohne» lädt dazu ein, diesen Prozess neu zu entdecken und die eigene Wahrnehmung zu schärfen.
Urs Stooss wurde 1943 in Bern geboren und liess sich in Genf zum Innenarchitekten ausbilden. Seit 1970 ist er als freischaffender Künstler tätig. Seine Werke sind regelmässig in Ausstellungen zu sehen und in bedeutenden öffentlichen Sammlungen vertreten. Stooss wurde 1972 mit dem Aeschlimann Corti-Stipendium der Stadt Bern und 1971, 1973 und 1976 mit dem Eidgenössischen Kunststipendium ausgezeichnet.
Text: Barbara Marbot und Hans Ryser
Kontakt:
https://www.damihi.com/artists/urs-stooss
https://www.facebook.com/urs.stooss

Bilder: Ausstellungsansichten Urs Stooss, Galerie da Mihi, Bern, 2022 – Fotos: https://www.damihi.com/artists/urs-stooss/

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Kommentare von Daniel Leutenegger