28. März 2012
e-codices holt Tell ins Netz
Vom Apfelschuss bis hin zur Ermordung Gesslers in der Hohlen Gasse: Dank e-codices lässt sich die Sage um Wilhelm Tell nun auch online nachlesen. Der an der Universität Freiburg angesiedelten virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz ist mit der Reproduktion des Weissen Buches von Sarnen eine Digitalisierung gelungen, die den Schweizer Nationalhelden Tell für alle greifbar macht.

Die Apfelschuss-Szene
im Weissen Buch von Sarnen:
Nü was der Tall gar ein güt schütz er hat
öuch hübsche
kind die beschigt der herre zü jmm vnd twang
den Tallen
mit sinen knechten / das der Tall eim sim
kind ein öpfel
ab dem höupt müst schiessen / denn der herre
leit dem kind
den öpfel vf das höupt (…) (Staatsarchiv
Obwalden)
e-codices, die virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz, hat mit der digitalen Reproduktion des Weissen Buches von Sarnen erstmals ein vollständiges Faksimile dieser bedeutenden Handschrift erstellt, die nebst den Abschriften der Privilegien, Bündnisse und wichtigen Schiedsgerichts- und Landgemeinde-Entscheide, die das Verhältnis von Ob- und Nidwalden ab 1315 betreffen, auch einen erzählenden Teil mit der ältesten überlieferten Darstellung der eidgenössischen Befreiungsgeschichte enthält.
Das Weisse Buch von Sarnen ist das Kopialbuch des
Standes Obwalden und wurde 1470/1472 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber
(1435-1478) angelegt und bis 1474 weitergeführt. Nicht zuletzt die
Schilderungen der Schweizer Nationalgeschichte verliehen der Handschrift eine
überragende Bedeutung: Die Besiedlung von Schwyz und Unterwalden durch Schweden
und Römer mit den Beispielen der tyrannischen Unterdrückung der Täler Uri,
Schwyz und Unterwalden durch die bösen Habsburger Vögte, Stauffachers
Verschwörung, der Burgenbruch und die Taten Tells (Apfelschuss, Flucht,
Ermordung Gesslers).
Schillers Sage nun im Web
Die Sage Wilhelm Tells fand Eingang in verschiedene Schweizer Chroniken, so auch in jene von Aegidius Tschudi aus dem 16. Jahrhundert, welche Friedrich Schiller u.a. als Vorlage für sein gleichnamiges Drama von 1804 diente, das noch heute die wohl berühmteste Fassung des Befreiungsmythos der Eidgenossenschaft darstellt.
Die
Befreiungsgeschichte basiert, nach Aussagen der Freiburger Professorin Regula
Schmid Keeling, die die digitale Erschliessung wissenschaftlich begleitete, auf «Konstruktionen, die international bekannte Motive (der Held der Erzählung,
Tell, wird vom bösen Vogt Gessler genötigt, einen Apfel vom Kopf seines Sohns
zu schiessen) auf lokale Gegebenheiten übertragen.»
e-codices – Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz
e-codices, die Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz, ist ein Projekt der Universität Freiburg, das vom Freiburger Professor Christoph Flüeler gegründet wurde und geleitet wird und zum Ziel hat, alle mittelalterlichen und eine Auswahl der neuzeitlichen Handschriften der Schweiz in einer virtuellen Bibliothek zu erschliessen.
Bis anhin konnten 894 Handschriften aus insgesamt 37 Sammlungen im Internet zugänglich gemacht werden. Die vollständigen digitalen Reproduktionen von höchster Qualität werden mit wissenschaftlichen Beschreibungen verknüpft und stehen dem Benutzer frei zur Verfügung.
e-codices plant, in den nächsten Monaten weitere wichtige Chroniken der Schweizergeschichte, vor allem die reich illuminierten Bilderchroniken des späten 15. und des 16. Jahrhunderts, online und frei zugänglich zu publizieren.
unifr
http://www.unifr.ch/scm/de/news/8229/
Kontakt:
Prof. Dr. Christoph Flüeler, Projektleitung
Spitalgasse 4, 1700 Freiburg
026 300 79 16
Ramona Fritschi, M.A., Projektmanagement
Spitalgasse 4, Freiburg
026 300 71 57
www.paleography.unifr.ch/presse
Staatsarchiv Obwalden: www.staatsarchiv.ow.ch
Faksimile des Weissen Buchs von Sarnen:
www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/staow/A02CHR0003
Darstellungen Wilhelm Tells auf e-codices

Was muottwillens der Vogt vonn Ury treib.
Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 16: 1, p. 263

Wie der Tell dem Herren uss dem Schiff entran.
Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 16: 1, p. 265

Gessler nötigt Tell, mit der Armbrust auf den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes zu schießen. Der «zweite Pfeil» steckt im Gürtel.
Trogen, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, CM Ms. 13, p. 43r
Kommentare von Daniel Leutenegger