Ausstellung im Muzeum Susch (GR), bis am 3. November 2024

Bild: Emila Medková, Cascade de cheveux (Hair cascade), 1949, Gelatin silver print, 38 x 29 cm. Private collection.
Das Muzeum Susch startet ein neues Ausstellungs- und Forschungsprogramm, das sich der Erforschung verschiedener Bereiche der Frauenfotografie des 20. Jahrhunderts widmet, darunter Avantgarde-, Dokumentar-, sozial engagierte und feministische Fotografie. Diese Reihe, die das Hauptausstellungs-, Forschungs- und Publikationsprogramm ergänzt, wird die Bedeutung von Fotografinnen aus verschiedenen Ländern hervorheben, eine eingehende Reflexion über ihre Beiträge bieten und eine vergleichende Analyse ihrer Herangehensweise zum Medium ermöglichen.
Die Geschichte der Fotografie ist, wie viele andere Geschichten auch, weitgehend von den Beiträgen männlicher Künstler geprägt worden. Ihr auf lichtempfindliche Materialien festgehaltener Blick hat unser Verständnis der künstlerischen Richtungen, denen die Fotografinnen später zugeordnet wurden, massgeblich beeinflusst. Das Muzeum Susch will dieses fest verwurzelte Narrativ infrage stellen und argumentiert, dass diese historische Sichtweise von Anfang an grundlegend fehlerhaft war. Betrachtet man die bahnbrechende Arbeit von Künstlerinnen, so wird die Geschichte der Fotografie reicher und faszinierender. Durch die Fokussierung auf diese Pionierinnen versucht das Muzeum Susch, bisher verborgene künstlerische Vorgehensweisen aufzudecken und die radikalen Experimente und vielfältigen Strategien von Fotografinnen zu zeigen. Diese Künstlerinnen wandten sich aufgrund mangelnder Anerkennung und grosszügiger Arbeitsbedingungen häufig der Fotografie als zugänglichem Medium zu. Das Projekt beginnt mit der Ausstellung «Běla Kolářová & Emila Medková: Where No One Looked Before», die Werke der beiden tschechischen Künstlerinnen zeigt.
Emila Medková (1928-1985)
Medkovás Anfänge in den 1940er-Jahren werden mit dem tschechoslowakischen Surrealismus in Verbindung gebracht, der in der Zwischenkriegszeit seinen Ursprung hat. Ihre Fotografien sind wie visuelle Rätsel. Sie beruhen auf einem Prinzip, das der Struktur eines Tagtraums ähnelt, in dem scheinbar vertraute Gegenstände ihre Bedeutung und Funktion und Menschen ihre Rolle wechseln. Die Hauptrolle in Medkovás Arbeiten spielt oft eine weibliche Figur, die als Schatten erscheint, fragmentarisch und immer beunruhigend, ja sogar bedrohlich ist.
Běla Kolářová (1923-2010)
Kolářovás Werk hingegen wird oft eher mit dem Konstruktivismus in Verbindung gebracht: Die Künstlerin bediente sich einer der bevorzugten Strategien der fotografischen Avantgarde der Vorkriegszeit, nämlich der Verwendung von Alltagsgegenständen, die sie auf lichtempfindlichem Material einander gegenüberstellte. Kolářová griff jedoch vor allem zu Material, das mit der Sphäre der Weiblichkeit assoziiert wird. Mit dieser scheinbar einfachen Geste stellte sie die Spannungen des realen Lebens dar.
Beide Künstlerinnen setzen die Fotografie so ein, dass sie uns jene Aspekte der Wirklichkeit zeigen, die uns im Alltag nicht zugänglich sind. Die Objektive ihrer Kameras dienten den Sinnen und der Vorstellungskraft, um zu sehen, was niemand zuvor gesehen hat.
ms
Kontakt:
https://www.muzeumsusch.ch/de/2040/B-la-Kolarova-Emila-Medkova-Where-No-One-Looked-Before
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Bild: Běla Kolářová, The Alphabet of Things Il, 1963. Vintage gelatin silver print, 29.7 × 38.5 cm. Private collection
Kommentare von Daniel Leutenegger