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14. März 2024

«BLUT & STAUB – WENN RESTSTOFFE ZU WERKSTOFFEN WERDEN»

Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, bis am 1. September 2024

Bild oben: Shards, DE (Lea Schücking), Fliesen aus Bauschutt und Altglas © Shards

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Schuhsohle, seit 2023, Tyre Recyclings Solution SA, CH, Schuhsohlen aus Altreifen, in Produktion / Prototyp - Foto: Hans Schürmann

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Schuhsohle, seit 2023, Tyre Recyclings Solution SA, CH, Schuhsohlen aus Altreifen, in Produktion / Prototyp – Foto: Hans Schürmann

Sind Reststoffe aus der Bauindustrie, der Lebensmittelverarbeitung, der Textilherstellung und der Tierhaltung die Rohstoffe der Zukunft? Die Sonderpräsentation im Gewerbemuseum Winterthur stellt eine Reihe von Studien, Projekten und bereits erprobten Neuentwicklungen vor, die (potenzielle) Lösungen für einen ressourcenschonenden Umgang mit Rohstoffen versprechen. So setzt «Blut & Staub» der aktuellen Produkt- und Wegwerfkultur eine wertschätzende Nutzung von Rest- und Abfallstoffen als Werkstoffe entgegen und stellt Denkanstösse zur Diskussion.

Bei der Gewinnung und Weiterverarbeitung von Materialien fällt immer etwas ab. In industriellen Produktionsanlagen, auf Baustellen oder in Werkstätten, aber auch beim Umformen, Veredeln oder Verpacken entstehen Stoffe, die oft ungenutzt bleiben und thermisch entsorgt, deponiert oder sogar exportiert werden. Ebenso bilden Abbruchmaterialien oder Altstoffe grosse Mengen an Material, die entsprechende Verarbeitungen nach sich ziehen, in der Entsorgung wie in Recyclingsystemen.

Die aktuelle Produkt- und Wegwerfkultur steht stark in der Kritik, und es wächst zusehends ein Bewusstsein dafür, dass ein ressourcenschonender Umgang mit Rohstoffen dringend nötig ist. In der Produktentwicklung, an Forschungsinstituten und Hochschulen wird intensiv an Alternativen zu herkömmlichen Primärstoffen und Herstellungsverfahren gearbeitet, die Abfallstoffe und Reste als Wertstoffe verstehen: Statt thermisch entsorgt, deponiert oder exportiert zu werden, liessen sich die immensen Mengen der anfallenden, bislang ungenutzten Stoffe zur Gestaltung neuer Materialien und Gegenstände nutzen.

Sind also Reststoffe aus der Bauindustrie, der Lebensmittelverarbeitung, der Textilherstellung und der Tierhaltung die Rohstoffe der Zukunft? Und könnten dereinst sogar Stoffe wie menschliche Ausscheidungen und Haare oder auch Kohlendioxid und Feinstaub verwertet werden?

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Merdacotta, Geschirr, seit 2016, Museo della Merda, IT, Kuhmist, Agrarabfälle und Lehm, in Produktion - Foto: Hans Schürmann

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Merdacotta, Geschirr, seit 2016, Museo della Merda, IT, Kuhmist, Agrarabfälle und Lehm, in Produktion – Foto: Hans Schürmann

Werfen wir einen Blick zurück, zeigt sich, dass die Nutzung von Sekundär- und Reststoffen zur Herstellung massenverarbeitbarer Materialien keine völlig neue Geschichte ist. So vereint beispielsweise der historische Proto-Kunststoff Bois Durci aus dem frühen 20. Jahrhundert die Materialien Blut und Staub in Form von Rinderblut und Holzstaub in sich.

Vorwiegend genutzt als kostengünstiges Ersatzmaterial für Holz und Gusseisen verdrängten ihn in den 1920er-Jahren neue industrielle Kunststoffe. Heute wird er in der Materialentwicklung und im Produktdesign wieder neu erforscht. Andere Werkstoffe aus Reststoffen sind heute noch immer alltäglich. Polyvinylchlorid (PVC), ursprünglich entwickelt, um den Reststoff Chlor zu binden, wurde zum erfolgreichsten Kunststoff der Nachkriegszeit. Oder Holzfaserplatten, aus Sägemehl und Restholz der Holzindustrie gefertigt, nehmen einen grossen Stellenwert in der Bau- und Möbelindustrie ein.

Doch gleichzeitig werden auch viele Reststoffe übersehen, sind wenig geschätzt oder sogar mit Ekel behaftet. Zirkuläre Materialnutzungsszenarien mit dem Ziel einer Kreislaufwirtschaft werden zwar bereits vielerorts diskutiert, doch mangelt es noch häufig an Akzeptanz, anfallende Stoffe konsequent als Werkstoffe zu begreifen. Neben Forschungen im Labor sind hier Wissenschaftsvermittlung und nachhaltige Designentwürfe gefragt, um die Grenzen der Ästhetik dessen, was bis anhin als «Abfall», «Müll» und «Schmutz» bezeichnet wird, auszuweiten. Auseinandersetzungen mit dem Thema innerhalb der Kunst oder des experimentellen Designs können die allgemeine Wahrnehmung von Materialien ebenfalls beeinflussen.

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Water Container aus der Serie Craftica, 2012, Formafantasma, IT, Kuhblase, Glas, Messing, Leder, Kork, bearbeitet, Designserie - Foto: Hans Schürmann

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. Water Container aus der Serie Craftica, 2012, Formafantasma, IT, Kuhblase, Glas, Messing, Leder, Kork, bearbeitet, Designserie – Foto: Hans Schürmann

Die Sonderpräsentation fokussiert eine wertschätzende Nutzung von Reststoffen als Werkstoffe und macht auf das unausgeschöpfte Potenzial von Materialien aufmerksam, die heute immer noch als Abfallstoffe bezeichnet werden. Anhand von Forschungsarbeiten, Studien und experimentellen Projekten, aber auch mit Blick auf innovative Neuentwicklungen und bereits wirtschaftlich bewährte neue Materialien und Produkte wird eine Bandbreite von Denkanstössen zur Diskussion gestellt.

AUSGEWÄHLTE THEMENBEREICHE:

• Tierische Abfälle: von Taschen bis Steckdosen
• Abfälle der Lebensmittelindustrie: von Besteck bis Hocker
• Bauschutt und Industrieabfälle: von Glasuren bis Isolationssteinen
• Rohstoffe von lebenden Tieren: von Dämmstoffen bis Verbundwerkstoffen
• Unsichtbare Stoffe, Umweltbelastung: von 3D-Druck-Filamenten bis Autoreifen
• Ekel und Befremden: von Vasen bis Ölbindematten
• Innovation und Forschung: von Kunststoffbeschichtungen bis Textilien und
Klebstoffen

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. STÖR, seit 2013, Sabina Brägger, CH, Tasche aus Störhaut, aus Fischzucht für Kaviarproduktion, in Produktion - Foto: Hans Schürmann

Bild: Impressionen aus der Ausstellung. STÖR, seit 2013, Sabina Brägger, CH, Tasche aus Störhaut, aus Fischzucht für Kaviarproduktion, in Produktion – Foto: Hans Schürmann

MIT PROJEKTEN VON:

Céline Arnould, CH / Vanessa Billy, CH / Sabina Brägger, CH / Byron Clark, UK / FluidSolids AG, CH & Shibuleru, Lukas Scherrer, CH / Formafantasma, IT / Souhaïb Ghanmi, CH / Max Greiner, DE / Isolena Naturfaservliese GmbH, AT / Tiziana Halbheer, CH / Hot Wire Extensions, CH / Kaffeeform GmbH, DE / Sinae Kim, UK/SK / Ville Kokkonen, CH/FI & Arkio Industries Ltd., FI / Leonor Kotoun, CH / Museo della Merda, IT / Julian Nachtigall-Lechner, DE / Plastic Innovation Competence Center, PICC, CH / Raúl Laurí Design Lab, SP RECUP’HAIR, CH / Renewcell, SE & H&M, SE / Laura Lynn Reyes, CH / Rhino Machines Pvt. Ltd., IN / Ruckstuhl, CH / Shards, DE / Solidwool, UK / Studio Billie van Katwijk, NL / Studio Peipei, DE / Studio ThusThat, NL / swisspor AG, CH / Texaid, CH / The Tyre Collective, UK /Vuna GmbH, CH / WaterHub, Empa/EAWAG & Sandec, CH / Whisperwool, AT / Zelfo, DE & Inga Aleknaviciute, DE / u. a.

SOWIE MIT PROJEKTEN STUDIERENDEr VON:

Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, CH
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, DE
ELISAVA Barcelona School of Design and Engineering, ES
Hochschule Luzern HSLU, CH

KOOPERATION

Eine Kooperation des Gewerbemuseums Winterthur und des Material-Archivs der Zürcher Hochschule der Künste.

MATERIAL-LABOR GEWERBEMUSEUM WINTERTHUR

«Blut & Staub» knüpft inhaltlich an die aktuelle Ausstellung «Perfectly Imperfect» (bis 12. Mai 2024) an und ist gleichzeitig der Auftakt für das seit Herbst 2023 neu konzipierte Material-Labor im Gewerbemuseum Winterthur. Die Themen der Wechselausstellungen werden künftig verstärkt mit dem permanent eingerichteten, interaktiven Material-Labor verknüpft und kontextualisiert. Dessen neues Raum- und Vermittlungskonzept fokussiert dabei stark auf Prozesse des Erfahrens und Entdeckens, um dem Publikum vielfältiges Wissen über Materialien zugänglich zu machen.

Mehr Informationen zum Material-Labor:

https://www.gewerbemuseum.ch/ausstellungen/material-labor

Kontakt:

https://www.gewerbemuseum.ch/

#BlutUndStaub #WennReststoffezuWerkstoffenwerden #GewerbemuseumWinterthur #MaterialLaborWinterthur #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

Bild: Ventri, 2017 Studio Billie van Katwijk, NL, diverse gefärbte Kuhmagenleder - Foto: © Femke Rijerman

Bild: Ventri, 2017, Studio Billie van Katwijk, NL, diverse gefärbte Kuhmagenleder – Foto: © Femke Rijerman

 

 

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 14. März 2024
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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